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Foto: Uni Frankfurt/Uwe Dettmar
Foto: Uni Frankfurt/Uwe Dettmar

Ein Gespräch über den Klimawandel

Joachim Curtius: „Wir können nicht mehr auf Kosten der Zukunft leben“

Seit Monaten protestieren Schülerinnen und Schüler gegen die katastrophale Klimapolitik. Unterstützung erfahren sie dabei von zahlreichen Wissenschaftlern. Im Gespräch erklärt der Klimaexperte Joachim Curtius, warum wir dringend etwas ändern müssen.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Curtius, seit einigen Wochen gehen immer mehr Schülerinnen und Schüler freitags auf die Straße anstatt in die Schule, um für einen besseren Klimaschutz zu demonstrieren. Was halten Sie von den Fridays for Future-Protesten?

Joachim Curtius: Ich halte die Proteste für sehr richtig und wichtig. Meine eigenen Kinder waren am vergangenen Freitag ebenfalls bei den Demonstrationen dabei; ich selbst habe mich den Scientists for Future angeschlossen. Es ist aktuell drängender denn je, sich gegen den Klimawandel und für mehr Klimaschutz einzusetzen. In den vergangenen 30 Jahren wurde viel zu wenig getan, sowohl global als auch in Deutschland. Wir müssen es schaffen, die Kohlendioxid-Werte um 90 Prozent innerhalb der nächsten 25 bis 30 Jahre zu mindern. Die aktuelle Entwicklung geht in eine vollkommen falsche Richtung. Allein in Frankfurt nimmt beispielsweise der Flugverkehr immer mehr zu. Wir sind nicht nur weit von den angestrebten Zielen entfernt, wir verfehlen sie geradezu krachend. Die Jugendlichen, die bei den Fridays for Future mitmachen, haben eine echte Welle ausgelöst. So viel wie in den vergangenen Wochen berichtet wurde, wurde seit dem Pariser Klimaabkommen von 2015 nicht mehr berichtet. Das sorgt hoffentlich für neue Maßnahmen.

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner sagte kürzlich in einem Interview, man könne von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie alle Zusammenhänge verstehen und man solle den Klimaschutz lieber Profis überlassen. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Diese Äußerung ist absolut lächerlich und Christian Lindner ist beileibe kein Profi in Sachen Klimaforschung. Im Gegensatz zu den Scientists for Future. Dort kommt das Who-is-Who der Klimawissenschaftler zusammen und sie alle sagen, dass die Kinder und Jugendlichen Recht haben. Ich bin überzeugt, dass daraus eine wirklich starke Bewegung werden kann. Die Notwendigkeit des Handelns ist so groß, dass sich die Schülerinnen und Schüler die aktuelle Klimapolitik nicht mehr gefallen lassen wollen. Und es ist richtig, dass die Proteste an Freitagen stattfinden und nicht an Samstagen, wie einige Stimmen fordern. Würden die Schülerinnen und Schüler am Samstagnachmittag auf die Straße gehen, würde das kaum Aufmerksamkeit erregen. Diese Jugendlichen haben die Wichtigkeit des Themas begriffen. Wir alle müssen uns klar machen: Es gibt keine Alternative zu erneuerbaren Energien und wir müssen auch Energie sparen und uns einschränken.

Heißt das, dass wir unsere gesamten Lebensgewohnheiten ändern und künftig auf sämtlichen Komfort verzichten müssen?

Wir müssen sicher auch einige liebgewordene Gewohnheiten ändern. Mit dem Billigflieger für 25 Euro nach Barcelona fliegen geht einfach nicht mehr. Wir können weniger Auto fahren und stattdessen mehr den ÖPNV nutzen. Beim Autokauf sollten wir darauf achten, ein sparsames Auto zu wählen oder ein E-Auto. Wir können unsere Häuser besser isolieren, bewusster mit Strom umgehen, auf Ökostrom umstellen. Auch die Ernährung ist ein Punkt. Rindfleisch produziert enorme Treibhausgase. Jeder von uns sorgt im Schnitt für 27 Kilogramm CO2-Emissionen pro Tag!. Der Einzelne kann bereits viel tun, das heißt aber nicht, dass wir auf jeden Luxus verzichten müssen. Die USA haben eine etwa doppelt so hohe CO2-Emission wie die Europäer – das Leben in den USA ist aber nicht unbedingt doppelt so lebenswert. Noch vor 20, 30 Jahren sind wir wesentlich weniger geflogen, aber es würde wohl kaum jemand behaupten, dass dadurch damals alles furchtbar und eine reine Misere war. Wir leben derzeit auf Kosten der Umwelt. Das ist wie ein ungedeckter Kredit. Ich nehme doch auch keinen Kredit auf, gebe jeden Monat zehntausende Euros aus und denke mir: Meine Kinder werden das schon abbezahlen. Wir können nicht mehr auf Kosten der Zukunft leben.

Was muss die Politik im Kampf gegen den Klimawandel unternehmen?

Der wichtigste Schritt wäre eine umfassende CO2-Abgabe in sämtlichen Bereichen. Die Menschen werden sich nicht freiwillig ändern. Wir brauchen natürlich ein Klimaschutzgesetz, aber auch der Artenschutz darf nicht außer Acht gelassen werden. Es nutzt nichts, wenn wir ein Klimaschutzgesetz haben, Deutschland aber mit Monokulturen zugepflanzt wird, in denen keine Insekten überleben können. Wir müssen unsere Wirtschaft ändern und die Energiewende weiterführen, das heißt, mehr in Solar- und Windenergie investieren. Deutschland muss dabei global eine Vorreiter-Rolle einnehmen und darf sich nicht selbst ausbremsen. Wir müssen in den Dialog mit Entwicklungsländern und mit Ländern wie China und Indien treten, die große CO2-Verursacher sind. Wir müssen zwar erstmal vor der eigenen Tür kehren, aber es handelt sich hierbei um ein globales Problem und wir müssen zu dem Eingeständnis kommen, dass wir zu wenig tun. In den vergangenen zehn Jahren wurde keine nennenswerte CO2-Minderung in Deutschland mehr erreicht, wir müssen aber eine Senkung von mindestens drei bis fünf Prozentpunkten im Jahr schaffen.

Wann wird das Klima final umkippen, sollten die Änderungen, von denen Sie sprechen, nicht ausreichend umgesetzt werden?

Wir können nicht genau sagen, wann das Klima umkippen wird und was uns danach erwartet. Mit dem Klima verhält es sich wie beim Jenga-Spiel: Man weiß nicht genau, wann der Turm umfällt, aber er wird definitiv kippen, wenn man immer weiter Steine rauszieht. Es wird eine Katastrophe geben, so viel ist sicher. Und selbst wenn wir nur in Wahrscheinlichkeiten sprechen können, müssen wir diese Ziffern ernst nehmen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen im Flugzeug und der Pilot macht die Durchsage, dass der Flug mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent sicher verlaufen wird. Sie würden niemals mitfliegen.

Welches Zukunftsszenario prophezeien Sie, wenn wir dem Klimawandel nicht bald entgegenwirken?

Wir können bereits hervorsagen, dass bei weiter wie bisher steigenden Treibhausgas-Emissionen die Temperaturen in Indien und am Persischen Golf noch in diesem Jahrhundert so ansteigen werden, dass der menschliche Körper dort nur noch in Räumen mit air conditioning überleben kann. Schon jetzt werden teilweise Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius gemessen bei hoher Luftfeuchte, in den vergangenen Jahren gab es während Hitzewellen immer wieder Todesopfer. Wenn man bedenkt, dass diese Entwicklung mit Indien ein Land mit einer Einwohnerzahl von rund 1,3 Milliarden betrifft, von denen viele auf dem Feld und auf der Straße leben und die keinen Zugang zu air conditioning haben, muss man sich klar machen, dass mit dem Klimawandel in naher Zukunft auch neue Migrationswellen einhergehen werden. Das Haus steht schon längst in Flammen, in so einer Situation hat man nicht die Option, einfach sitzen zu bleiben und abzuwarten. Es muss schnell gehandelt werden. Und es reicht nicht, einfach nur drei Gläser Wasser ins Feuer zu schütten – wir müssen jetzt massiv handeln.

Über Joachim Curtius: Jahrgang 1969, Professor für Experimentelle Atmosphärenforschung am Institut für Atmosphäre und Umwelt der Goethe-Universität Frankfurt am Main, im Jahr 2000 erhielt er die Otto-Hahn-Medaille der Max-Planck-Gesellschaft, 2017 wurde er von der Alfons und Gertrud Kassel-Stiftung als „Scientist of the Year“ ausgezeichnet

Das Interview führte Ronja Merkel.
 
21. März 2019, 10.55 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
 
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Text: Margaux Adam / Foto: Claudia Simmchen
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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