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„Warten auf Godot“ im Schauspiel Frankfurt
 

„Warten auf Godot“ im Schauspiel Frankfurt

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Nichts zu machen

Foto: Birgit Hupfeld
Foto: Birgit Hupfeld
Das Schauspiel Frankfurt zeigt „Warten auf Godot“ – und übertrifft sich damit selbst. Die Inszenierung von Robert Borgmann trifft mitten ins Herz. Das liegt nicht zuletzt an den herausragenden Darstellern. Ein Stück, das man gesehen haben muss.
„Wo bin ich denn hier gelandet“, möchte man fragen, wenn man seinen Platz im Schauspiel Frankfurt einnimmt, um „Warten auf Godot“, im Original von Samuel Beckett, zu sehen. Schon vor dem eigentlichen Aufführungsbeginn wird auf der minimalistisch futuristisch wirkenden Bühne Musik gespielt, Darsteller mit weißen Perücken turnen im Nachthemd durch den Raum, greifen zwischendurch mit leerem Blick, beinahe wie in Trance, zu einem auf dem Boden liegenden Mikrophon, um den immer gleichen Satz zu hauchen: „Nichts zu machen.“ Es ist eine der zentralen Aussagen des Stücks, das, so werden es die nächsten zweieinhalb Stunden zeigen, optisch zwar an die avantgardistische Performance eines Kunstmuseums erinnert, tatsächlich aber das Beste und Berührendste ist, was seit langem auf der Bühne des Schauspiels zu sehen war. Und das mag etwas heißen.

Es ist eine Inszenierung voller Tragik, Komik und Genialität, die Robert Borgmann hier auf die Bühne gebracht hat. Eine Inszenierung, die mitten ins Herz trifft und einen auch Tage später nicht loslässt. Im Mittelpunkt des Stücks stehen Estragon und Wladimir, herausragend gespielt von Samuel Simon und Isaak Dentler. Sie springen, rennen, straucheln über die Bühne, die mal in gleißendem Weiß, mal in grellbunten Farben erstrahlt. Immer untermalt von Musik, die abwechselnd sanft und wunderbar melancholisch, dann wieder voller Bass und Aggression ist. „Didi“ und „Gogo“ spritzen mit Farben um sich, suhlen sich in der bunten Masse, die nach und nach die ganze Bühne tränkt. Vor allem aber warten sie. Sie warten auf Godot. Wer ist Godot? Das scheinen auch die beiden nicht so genau zu wissen, aber er wird sie erlösen: aus dieser leeren Landschaft, aus ihrer Einsamkeit.

Das Publikum lacht viel im Verlauf des Abends, zuweilen wirken Estragon und Wladimir wie zwei liebenswerte, tollpatschige Clowns. Doch gerade in dieser Tollpatschigkeit offenbart sich die ganze Tragik der beiden verlorenen Seelen. „Komm, wir gehen“, sagt der zarte Gogo ein ums andere Mal und immer wieder antwortet sein Gefährte Didi: „Wir können nicht.“ – „Warum nicht?“ – „Wir warten auf Godot.“ – „Ah!“ In einer Endlosschleife wiederholt sich dieser Dialog, mit jeder Wiederholung schleicht sich etwas mehr Verzweiflung in die Stimmen der Darsteller. Sie scheinen zu ahnen, dass Godot nicht kommen wird, können es aber noch nicht ganz begreifen. Es ist nichts zu machen.

Samuel Simon und Isaak Dentler spielen ihre Rollen mit einer solchen Hingabe und Authentizität, dass man irgendwann vergisst, „nur“ ein Theaterstück und professionelle Darsteller vor sich zu haben. Simon schafft mit beeindruckender Leichtigkeit einen ständigen Wechsel zwischen infantiler Freude und tiefgreifender Enttäuschung. Das ist derart berührend und zugleich traurig, dass man das Bedürfnis bekommen kann, auf die Bühne zu springen, um den armen Estragon aus seiner schrecklichen Einsamkeit zu befreien. Dentler ergänzt dieses Spiel perfekt. Als habe er nie etwas anderes getan, als gemeinsam mit Gogo auf Godot zu warten.

Irgendwann betreten Pozzo und sein Diener Lucky die Bühne. Ein absurdes Paar, das diese ohnehin schrille Inszenierung endgültig in ein Happening verwandelt. Heiko Raulin spielt den Pozzo mit einer Leidenschaft, dass einem angst und bange werden kann, wenn er plötzlich, ganz ohne Vorwarnung, schreit und tobt, einen toten Vogel mit den Zähnen zerfleischt, nur um gleich darauf wieder voller Eloquenz und Ruhe aufzutreten. Und auch von Max Meyer kann man kaum den Blick abwenden. Als Lucky hat er kaum Text, seine körperliche Präsenz ist jedoch im gesamten Raum spürbar. Als er dann doch spricht, hängt das Publikum an seinen Lippen.

Es ist ein merkwürdiges Stück – im besten Sinne. Irgendwie passiert in den zweieinhalb Stunden nichts und dann doch wieder unglaublich viel. „Warten auf Godot“ stellt den Sinn des Lebens infrage und entlarvt unser Dasein als eine nie enden wollende Suche nach dem Recht, zu existieren. Am Ende verlässt man das Schauspiel mit Tränen in den Augen. Ob es Tränen der Freude oder der Trauer sind, lässt sich nicht so genau sagen – aber eigentlich spielt das auch keine Rolle.

Den Spielplan mit weiteren Terminen finden Sie hier.
6. Februar 2019
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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