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Neues Lernlabor in der Bildungsstätte Anne Frank

Eine alte Botschaft innovativ verpackt

Die bisherige Ausstellung in der Bildungsstätte Anne Frank ist nach einer dreijährigen Planungsphase einem Lernlabor gewichen, das am 12. Juni, dem 89. Geburtstags der berühmten Tagebuchautorin, eröffnet werden soll.
Das Vermächtnis der Anne Frank – selten war es so aktuell wie heute, da AfD-Politiker den Holocaust mit einem „Vogelschiss in der deutschen Geschichte“ gleichsetzen, Kippaträger auf offener Straße angegriffen werden und mal gegen Homosexuelle, mal gegen Flüchtlinge gehetzt und Facebook als Plattform für Hate Speech missbraucht wird. Doch wie erreicht man Jugendliche heute? Die Bildungsstätte Anna Frank hat ihre dreizehn Jahre alte bisherige Ausstellung aufgelöst und lädt nun angemeldete Schulklassen und Gruppen mit Jugendlichen ab 13 Jahren ein, sich und ihre Gedanken im neuen Lernlabor zu erforschen.

Eines vorweg: Die Räume wirken hell, modern und einladend. Und nirgendwo wird der Zeigefinger mahnend erhoben. Statt vorgefertigte Antworten zu geben, regt das Labor zum Fragenstellen an. Junge Menschen sollen diskutieren, Missstände erkennen und hinterfragen, sich einbringen und selbst aktiv werden. „Es ist ein Experimentierfeld, das zum Interagieren einlädt. Unser Motto lautet: ‚Deine Meinung zählt’“, sagt Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank. Inhaltlich wie auch technologisch sei man bemüht, die Lebenswelt der Jugendlichen abzubilden.

Und so bekommen die Besucher eine Art Tablet in die Hand, das personalisiert werden kann und beispielsweise ein Anne Frank Quiz abspielt. Das Gerät hilft auch, Bildschirme, digitale Spielereien und Filme in der Ausstellung zu starten und so Inhalte zu vertiefen. „Gesellschaft ist schließlich auch ein Prozess des Suchens und Ausprobierens“, sagt Mendel. Die seit 1994 bestehende Bildungsstätte will ein Ort der Debatte sein. Das Lernlabor „Anne Frank. Morgen mehr“ bezieht sich mit seinem Titel auf ein Zitat der Tagebuchschreiberin. Sie war gerade in das Hinterhofversteck in Amsterdam gezogen, die Ereignisse hatten sich in der Situation akuter Bedrohung überschlagen, so dass sie abends gar nicht alles niederschreiben konnte. Und in ihrem Satz „Morgen mehr“ schwingt dennoch Hoffnung auf ein Morgen mit. Die Laborinhalte schlagen einen Bogen von damals in die heutige Zeit.





Alles beginnt mit einem Einführungsfilm und mit Trainern. 14 solcher freien Mitarbeiter hat die Bildungsstätte insgesamt ausgebildet, die im Labor Hilfestellung leisten und die Technik erklären. Eine erste Station ist eine Replik des Originaltagebuchs von Anne Frank. Man sieht auf dem einzigen Exponat im gesamten Labor die Schreibschrift, die eingeklebten Bilder und erkennt, was manche verwundern mag, dass das Tagebuch auf Niederländisch verfasst war. Mittels des Tablettools kann man sich das Anne Frank Haus, eigens für das Lernlabor möbliert, in 360-Grad-Aufnahmen ansehen, um das Leben im Hinterhausverlies nachempfinden zu können. Ein sprechendes Buch, das auf Berührung reagiert, beschreibt die Mitbewohner Annes in dem Versteck und Zeitzeugen kommen zu Wort.





Die Tour durch das moderne Labor mit verschiedenen Stationen geht weiter. Man erfährt einiges über Zivilcourage, über Widerstand und wie man hilft. In weiteren Stationen werden spielerisch die Themen Migration, Flucht, Asyl und die Lebensrealitäten junger Menschen aufgegriffen. Man erfährt, dass man von vielen Alltagsgegenständen gar nicht die Herkunft weiß, obwohl man das zu wissen glaubt. Es wird die Frage aufgeworfen, was Normalität eigentlich ist und als Beispiel dient der Dresscode. Eine Figur soll richtig angezogen sein, doch die Reaktionen darauf fallen eher kritisch aus. Was macht das mit den Jugendlichen? Gerechtigkeit, Menschenrechte, Ausgrenzung und Diskriminierung können auf schonende Art selbst erfahren aber auch hinterfragt werden.





So macht der Blick aus einer „Rassismusbrille“ aus dem digitalen Bild eines ganz normalen Mädchens gleich eine klischeehafte „Zigeunerin“ mit Tamborin und Tuch im Haar. Und wie ist es, wenn man selbst eingescannt wird von einem Gerät und man selbst mit Vorurteilen bedacht wird? „Am Ende des Labors wird alles nochmal zusammengefasst, es wird gezeigt, wo es in der Gruppe Konsens und wo es Dissens gab und wie stark der Diskussionsbedarf ist“, sagt Deborah Krieg, die Kuratorin der Ausstellung. Bis zu zwei Stunden halte man sich in Gruppen von maximal 40 Personen in der Ausstellung auf, man könne auf Wunsch auch einen Workshop anschließen. Das Labor sei auf zehn Jahre ausgelegt, man könne aber auch einzelne Stationen dem Zeitgeist anpassen. Erstmal werde man in einem Probejahr schauen, wie das Lernlabor von den Jugendlichen angenommen werde, sagt Krieg. Das Lernlabor wird am 12. Juni, Anne Franks 89. Geburtstag, eröffnet.



 
5. Juni 2018, 09.41 Uhr
Nicole Brevoord
 
 
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