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Foto: Mirvana in the Groove Kitchen
Foto: Mirvana in the Groove Kitchen

Mirvana In The Groove Kitchen

Der Verdrängung nicht-kommerzieller Kultur trotzen

Mit „Euphorie in Moll“ veröffentlicht die Frankfurter Band Mirvana In The Groove Kitchen ein neues Album und stellt es bei einem Konzert in einem geschichtsträchtigen Ort, dem Club Voltaire, am 1. April vor.

JOURNAL FRANKFURT: Eine Frage, die mir im Zusammenhang mit eurer Band immer wieder gestellt wird: Wer ist Mirvana? Auch Suchmaschinen helfen da nicht weiter

Jojo Kunze: Hahaha, ja klar. So ist das immer. Niemand denkt bei unserem Bandnamen an eine der berühmtesten Bands der Musikgeschichte. Der Name erklärt sich aber nur aus unserer eigenen und den meisten Menschen völlig unbekannten Bandhistorie. Die beiden Sängerinnen Maren und Ivana = Mirvana schrieben die ersten Stücke zu zweit in ihrer WG-Küche, daher auch die Groove Kitchen. Unsere Musik dürfte sonst wohl bei den wenigsten Zuhörer*innen Grunge-Assoziationen wecken. Im nächsten Leben wählen wir einen anderen Namen, versprochen!

Zwei Studioalben in zehn Jahren, und eher sporadisch Konzerte in Frankfurt (wo wart ihr denn sonst so unterwegs) – kann man euch mit guten Gewissen noch einen Geheimtipp nennen?
Wir haben und hatten es nie eilig. Wer nicht vom Musik machen leben kann wie wir, muss je nach Lebensstil gucken wie es möglich ist überhaupt noch Musik machen zu können. Zeit ist ein rares Gut und wir sind und waren neben Familiengründung, Studieren, das Leben genießen und anderen wichtigen Dingen eben einfach langsam ... Aber wir haben dabei ne Menge Spaß und wachsen als Band und Freunde immer mehr zusammen. Ein Baum wächst beispielsweise auch langsam und beständig. Unser Anspruch ist nicht schnell und einfach nur mehr mehr mehr Musik zu produzieren. Wir wollen uns als Band wie als einzelne Musiker*innen ausprobieren und entwickeln. Um noch Mal zum Baumgleichnis zu kommen, wollen wir einfach ohne Stress wachsen.

Gespielt haben wir bisher schon in einigen Großstädten der BRD wie Berlin, Leipzig, Köln, Wuppertal, Bremen etc. aber auch in kleinen Nestern wie Metzelthin, Echzell-Bingenheim, Rudolstadt um nur einige zu nennen. Dabei waren die kleinen Gigs oft die seelisch großen und auch die Fußgängerzone ist für uns ein reizvoller Ort der Begegnung. Und wir wollen natürlich immer der Geheimtipp bleiben und ausserdem gibt es für uns in der Musik eigentlich nichts zu beweisen. Einen Anspruch haben wir natürlich an uns selbst und an unserer Musik...

Auf eurer Website ist als Beschreibung eures Stils musikalische Fusionküche im Angebot. Wie kommt man zu einem eigenen Stil? Nur über Experimentierfreude und Offenheit?
Singer/Songwriter-Elemente sind die Basis unserer Musik. Viele Songs entstehen mit Gitarre und Gesang und tragen nicht nur damit eine Lagerfeuer-Attitüde in sich. Auch der pfadfinderische Hintergrund von Teilen der Band, verleiht den Songs an manchen Stellen einen leichten Fahrtensongcharakter, von dem sich auch Spuren im mehrstimmigen Hintergrundgesang finden lassen. Dabei geht es weniger um Perfektion, sondern um eine Stimmung die dabei entsteht und um das Musizieren als Gruppe. Mit den weiteren Instrumenten können dann angejazzter Hip Hop, mal rockige mal swingende Songs oder eine Ballade daraus werden. Manchmal bleibt es aber bei einem lockeren Arrangement, bei dem die Band die Gitarrenlinie unterstützt und die beiden Hauptgesänge unterstützt. Das entspricht dann dem klassischen Mirvana-Stil. Dieser war nie ein Wunsch oder folgte einem Konzept wie wir klingen wollten. Stilistisch sind wir nie irgendwo angekommen, sondern auf Pfaden unterwegs, die beim spielen entstehen. Jedes Bandmitglied trägt eine Facette dazu bei. Somit werden wir im Variantenreichtum der Songs breiter, weil mittlerweile alle Bandmitglieder ihre Songideen in die Band einbringen. Der Sound ergibt sich aus der Besetzung der Instrumente und der individuellen Einflüsse, die Jede*r mitbringt, wie der gemeinsamen Spielweise. Verspielt, eingespielt, Genremix, offen für Neues und immer gespannt wer als nächstes einen ganz eigen klingenden Song mitbringt, der dann gemeinsam musikalisch umgesetzt wird…

Wie wichtig ist es euch deutsch zu texten und zu singen?
Nicht wichtig, aber wir können uns in dieser Sprache lyrisch alle Fünf vermutlich am besten ausdrücken. So können wir sehr frei und kreativ Texten, bisweilen verlassen wir auch einfach die Normgesetze deutscher Grammatik und schaffen unsere eigenen Lautmalereien. Wir haben wie alle ganz unterschiedliche Zugänge zur deutschen Sprache und drücken uns sprachlich sehr unterschiedlich aus. Da sehe ich auch eine Analogie zur Musik. Niemand spielt einen Akkord genau so wie eine andere Person, so wie selbst eineiige Zwillinge vermutlich ein und denselben Beat unterschiedlich anschlagen und akzentuieren würden usw.

Und noch Mal zurück zur deutschen Sprache: Ich meine Marcel Reich-Ranicki hat mal zur Schwierigkeit deutscher Sprache gesagt, dass sie Ambivalenzen auslöst, weil sie nun mal auch die Sprache der Nazis war. Man sollte dabei aber gleichzeitig nicht vergessen, dass sie ebenso die Sprache von vielen Linken und Intellektuellen wie Karl Marx, Herbert Marcuse, Anna Freud und anderen schlauen Menschen war und ist. Sinngemäß habe ich das zumindest so in Erinnerung und das finde ich sehr schlau. Sprache ist somit dialektisch, also zum Guten wie zum Schlechten zu gebrauchen und immer im Wandel begriffen und umkämpft. Und wir lassen uns diese Sprache nicht von alten wie neuen Nazis und anderen gefährlichen Menschen nehmen! Somit singen und Texten wir wohl erst Mal weiter in dieser Sprache. Und falls wir mal in anderer Sprache singen sollten, melden wir uns bei euch und verkaufen das als die neue Sensation! Zumindest haben wir dieses Jahr das erste Konzert der Band, das nicht in der BRD stattfindet sondern in Belgien.

Stichwort schrecklich-schöne Welt. In der leben wir ja schon länger. Aber ist die „Euphorie in Moll" auch dem Zeitgeist/der Pandemie geschuldet und was will uns der Titel im Endeffekt sagen? Dass sich eine optimistische Grundhaltung lohnt, das Positive dem Negativen mehr als nur Paroli bieten soll?
Natürlich haben wir wie viele andere Bands über ein „Lockdown-Album“ nachgedacht. Corona war für zwei Jahre ein so bestimmendes Thema und hat das gemeinsame Musik machen für uns sehr erschwert. Zwischenzeitlich haben unsere Proben im Garten oder nur per Videocall stattgefunden. Aber auch ohne Pandemie hätte sich wohl dieser Songtitel als richtiger Titelgeber für das Album angefühlt. „Euphorie in Moll" ist im Vergleich zu unserem Ersten mit dem Titel „Absolut nichts" schon deutlich schwerer. Vielleicht hat es etwas mehr Tiefgang und das Schlechte der Welt ergründet und die Euphorie der unbeschwerteren 2010er-Jahre abgestreift. Das ist natürlich auch sehr subjektiv und hat mit den jeweiligen Lebensphasen und gemachten Erfahrungen von uns als Band und einzelner Bandmitglieder zu tun. Und eben dabei wollen wir trotzdem klar machen, dass es das Gute in dieser im Jahr 2023 doch echt trüb dreinschauenden Welt noch, wenn auch manchmal nur noch als Potenzial zu erkennendes Element, gibt.

Nicht nur der Song „Euphorie in Moll", sondern das gesamte Album sind letztlich von diesen Ambivalenzen in unserer Gesellschaft geprägt. Das Gefühl dem spontanen einfachen Glück auch gleichzeitig zu misstrauen und etwas skeptischer gegenüber zu stehen. Es auch mehr zu hinterfragen, auch wenn klar ist, dass wir natürlich gerne glücklich sind und sein wollen. Daran erinnern uns die fröhlicheren Stücke, die sich auch auch diesem Album finden. Aber in einer Gesellschaft, die so schrecklich auseinander klafft, ist es eben schwer, das eigene individuelle Glück unhinterfragt zu genießen und das Schöne darin sehen und wahrhaben zu wollen. Das geht denke ich nur mit einer ungesunden Portion Verdrängung der sogenannten Außenwelt zusammen. „Euphorie in Moll“ geht somit der Frage echter Gefühle im entfremdeten Individuum nach. Sie sind da, aber schwer zu greifen und schwer auf ihre Authentizität zu überprüfen. Wie soll ich mich denn gerade bei all der Scheisse, die in dieser Welt passiert, fühlen und dazu verhalten? Ich denke das ist die Frage, die der Song aufwirft und nur eine sehr vage Antwort dazu gefunden hat. „Es ist nicht alles Gold was glänzt, ist es auch matt hat es Potenz.“ Wir sollten eben trotz aller Verzweiflung nie das Kind mit dem Bade ausschütten und uns für das Gute einsetzen, das es gemeinsam zu bestimmen gilt.

Was darf man sich unter einem systemkritischen Swing vorstellen?
Das bezieht sich explizit auf einen Song, der die Mühen und Nöte gequälter Seelen beschreibt, die sich täglich zur Arbeit schleppen müssen und dabei wie so viele Andere gute Miene zu bösem Spiel machen müssen. Denn schließlich soll man ja als lohnabhängiger Teil der Bevölkerung froh sein, für ein paar Kröten arbeiten gehen zu dürfen. Über die Leichtigkeit des Swing entsteht eine Ironie im Kontrast zur Musik, die dem Song seine Schärfe verleiht.

Wie politisch ist die Band? Dass ihr euer Releasekonzert an einem durchaus geschichtsträchtigen Ort wie dem Club Voltaire spielt, ist an sich ja schon eine Botschaft oder?
Wir sind alle politisch, jede*r auf eine eigene Art und unterschiedlich in Form und Ausdruck. Ich kann aber keine Skala nennen. Vielleicht mindestens so politisch wie die USPD oder Fridays for Future aber wer soll das beurteilen? Die Frage könnte vielmehr lauten: Sind die Menschen, die unsere Musik hören und mögen politisch? Und nehmen nur Menschen mit einem kritischen Bewusstsein unsere Musik als politisch war? Ich denke unsere Musik ist textlich subtil politisch, manchmal auch etwas expliziter, aber sie lässt viel Interpretationsfläche für eigene Assoziationen und macht hier und da mal Andeutungen. Also weniger Demoparole - mehr poetisch kritisch fragende Stimme des Ichs, Dus oder Wirs… Gleichzeitig haben wir auch nichts gegen gute inhaltliche Parolen, wenn sie den Nagel nun mal auf den Kopf treffen. Man könnte auch sagen unsere Musik versucht das menschliche und die Beziehung zwischen Menschen in der Gesellschaft in den Fokus zu rücken.

Als Menschen in einer Band teilen wir diesen Konsens: Wir sind gegen Rassismus und andere Ausprägungen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit! Wir sind feministisch und stehen für eine pluralistische offene Gesellschaft ein. Dem Kapitalismus wie seiner neoliberalen Transformation kritisch gegenüberstehend, lauernd auf die Diamanten die doch noch zum Vorschein kommen könnten und heraus gelesen werden müssen. Der Club Voltaire ist Teil unserer Bandgeschichte und persönlich verbindet einige von uns viel mit der Geschichte des Ladens als einem der innerstädtischen Orte in Frankfurt, die der Verdrängung linker und nicht-kommerzieller Kultur trotzen konnten. Für uns ist er somit der perfekte Ort für unseren Release.

>> Mirvana in the Groove Kitchen, Ffm., Club Voltaire, 1.4., 20 Uhr, Eintritt: 15 €, Infos gibt es hier.
 
14. März 2023, 08.55 Uhr
Detlef Kinsler
 
Detlef Kinsler
Weil sein Hobby schon früh zum Beruf wurde, ist Fotografieren eine weitere Leidenschaft des Journal-Frankfurt-Musikredakteurs, der außerdem regelmäßig über Frauenfußball schreibt. – Mehr von Detlef Kinsler >>
 
 
Fotogalerie:
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