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Dosch@Berlinale 2018 - Teil 3
 

Dosch@Berlinale 2018 - Teil 3

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Meine dritte Lektion der Berlinale: Go positive!

Foto: aded
Foto: aded
Machen Festivals krank? Nicht mit einer gesunden Einstellung. Unser Kinoredakteur Andreas Dosch fand die 68. Berliner Filmfestspiele vor allem eines: ansteckend.
Jetzt ist es also wieder passiert. Die Berlinale-Influenza hat mich erwischt! Ich glaubte sie austricksen zu können durch eine gezielte Impfung vorab, doch anscheinend verabreichte man mir das falsche Serum - Pech. So schleppe ich mich an meinen letzten Festivaltagen (dramatische Musik, bitte!) mit pochendem Schädel, schmerzenden Gliedern und schweren Beinen von Kinosaal zu Kinosaal, um ihn zu finden: den Festspielbesucher Zero, der mich infiziert hat. Da, die ältere Dame mit den toupierten Haaren und der großen Brille: Nicht nur ist sie mir neulich beim durch-die-Reihen-Schieben auf die Füße getreten, jetzt schneuzt sie auch noch in ihr seidenes Taschentuch. Sie muss es sein! Oder vielleicht der halbglatzige Kollege rechts hinter mir: Er trägt sogar im Kino einen verdächtig dicken Schal, außerdem hustet er schon zum dritten Mal! Oder … ach, ich gebe es auf. Kann ja auch im Bus, in der S-Bahn, im Pressezentrum passiert sein. Oder am Döner-Stand. Der Amerikaner Steven Soderbergh hat 2011 einen tollen Film darüber gemacht, wie sich Viren unkontrolliert verbreiten: "Contagion". Danach nahm er seinen Hut und verkündete, keine Lust mehr auf Kinofilme zu haben. Doch wie es auch Simply Red, die Scorpions oder Howard Carpendale taten: Auf das große "Goodbye" folgte einige Jahre später das (klein-)laute "Hello again".

Vor kurzem brachte Soderbergh die sympathische Gaunerkomödie "Logan Lucky" auf die Leinwände, jetzt ist er schon wieder im Wettbewerb der 68. Berlinale vertreten ("außer Konkurrenz", also nicht wirklich). Sein aktueller Film heißt "Unsane", ein ansehnlicher Thriller und (Fanfare bitte!): Er wurde ausschließlich auf einem iPhone gedreht. Ey, der Wahnsinn! Da hatten wir vor ein paar Tagen erst einen, der sich ausschließlich auf einem Computerbildschirm abspielt ("Profile"), und jetzt das.

Scheint langsam Mode zu werden, dieser digitale Spieltrieb - günstig zu produzieren allemal. Was kommt als nächstes: Zeitgerecht umgesetzt von der Apple Watch? Detailgetreu beobachtet von einer intelligenten Drone? Messerscharf inszeniert vom heimischen Robot-Rasenmäher? Den technischen Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt.

Und wer weiß: Vielleicht wäre das ja der Berlinale-Wettbewerb der Zukunft, über die man sich hier gerade so viele Sorgen macht: Eingeladen werden nur Produktionen, die von elektronischen Haushaltsgeräten hergestellt wurden. Filme über Kuchen, Smoothies, Steinpilzrisotto. Über das Wesen von Zentralheizungen, Alarmsystemen, User-Gewohnheiten. Und wenn Siri und Alexa auf den Roten Teppich hüpfen, dann kann selbst Scarlett Johansson einpacken.

Noch befinden wir uns aber in der Gegenwart 2018, wo Autos weiterhin nicht fliegen können, geschweige denn von deutschen PS-Kartellen in ökologischer Elektromobilität vermarktet werden. Frage: Wenn notgeile Autohersteller mit vollgetankten Super-Benzinkanistern in der Anzughose halbnackte Models auf blitzblanken Abgasschlitten posieren lassen: Fällt das dann unter die #MeToo-Debatte? Oder, um beim Kino zu bleiben: Wenn Isabelle Huppert eine Prostituierte darstellt, nimmt sie dann nicht schon per se die #MeToo-Opferrolle ein? Ich steige langsam nicht mehr durch - und dann kommt auch noch Erklärungshilfe von gänzlich unerwarteter Seite: Auf einem vor den Berlinale-Kinos verteilten Flyer der "World Socialist Web Site" wird Michael Haneke - ausgerechnet der! - aus einem Interview zitiert, in dem er äußert: "Was mich stört, ist die völlig unreflektierte Gehässigkeit, die blinde Wut, die sich nicht an Fakten orientiert und vorverurteilend das Leben von Menschen zerstört, deren Straftat in vielen Fällen noch gar nicht erwiesen ist. Leute werden einfach medial gekillt, Karrieren ruiniert."

"Degoutant" (typisch Haneke) findet er diesen "neuen männerhassenden Puritanismus" und bezeichnet ihn als "Hexenjagd wie im Mittelalter". Puh, Mittelalter. Das war's dann wohl mit glänzender Digitalzukunft. Festspiele-Chef Dieter Kosslick tat jedenfalls bereits im Vorfeld seines Events kund, bestimmte Arbeiten von Leuten nicht ins Programm zu nehmen, "weil sie für ein Fehlverhalten zwar nicht verurteilt worden sind, es aber zumindest zugegeben haben". Hey, denke ich nun: Was hätte das für ein Programm werden können?!

Denn abgesehen davon, dass ich mir per selektiver Auswahl einen doch recht zufriedenstellenden 2018er-Berlinale-Jahrgang zusammengebastelt habe, muss ich doch konstatieren (und ich glaube, ein Gros meiner Kollegen würde mir da zustimmen): Na, so doll war das ja nicht, das Angebot der 68. Internationalen Berliner Filmfestspiele. Seeehr durchwachsener Wettbewerb, kaum Überraschungen, die ewig gleichen Namen und Gesichter, irgendwie ein Merkel-mäßiges "Weiter so". Kann aber natürlich sein, dass ich eventuell Entscheidendes verpasst habe, wie zum Beispiel den deutschen Wettbewerbsbeitrag "Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot" von Philip Gröning oder den philippinischen "Season of the Devil" von Lav Diaz, bei denen mich (neben der Inhaltsangaben) schon die jeweiligen Laufzeiten abgeschreckt haben: 174 Minuten Gröning und stolze 234 bei Diaz - nee, Leute, echt jetzt?! Daher verzichte ich an dieser Stelle auf eine subjektive Bärenvergabe, denn ich möchte niemandem auf die Tatzen treten. Auf den Kinoseiten des JOURNAL FRANKFURT werden Sie in den kommenden Wochen, Monaten (Jahren?) die wichtigsten dieser Filme - von denen die meisten von Ihnen jetzt noch gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt - kompetent besprochen vorfinden. Und falls "L'Animale", mein Goldenes Lieblingsbärchen 2018, nicht seinen Weg in die deutschen Kinos finden sollte, dann verfasse ich an den Verband der Filmverleiher einen Protestbrief und fälsche Dieter Kosslicks Unterschrift. Ja! Notfalls bringe ich den Schrieb sogar persönlich vorbei - in einer fliegenden Dieselkarre. Und grabe die Sekretärin am Empfang an. Da schrecke ich vor nichts zurück. Aber erst mal muss ich mich auskurieren.
 
21. Februar 2018, 23.02 Uhr
Andreas Dosch
 
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