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100 Jahre Bauhaus und das Neue Frankfurt (2/2)
 

100 Jahre Bauhaus und das Neue Frankfurt (2/2)

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Leben in der Ernst-May-Siedlung

Foto: Hermann Collischonn, EMG, Nachlass Rudloff
Foto: Hermann Collischonn, EMG, Nachlass Rudloff
Das Jahr 2019 steht in Deutschland im Zeichen des Bauhaus-Jubiläums. Auch am Main kehrte zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Moderne ein - in Form des Neuen Frankfurt. Im zweiten Teil des Textes geht es darum, wie die Menschen wohnten und wie die Moderne endete.
Ernst May orientierte sich beim Bau der Siedlungen unter anderem an der Idee der englischen Gartenstadt. Wo immer möglich, sollte „zur Wiederherstellung natürlicher Lebensbedingungen für den Menschen in der Großstadt“ jeder Zugang zu einem Garten haben, idealerweise direkt am Haus. „Licht, Luft, Sonne“ lautete das Credo. Wer heute etwa durch die Römerstadt geht, die größte von Mays Siedlungen, sieht dieses Konzept umgesetzt. Hinter den meisten Reihenhäusern mit den damals neuartigen Flachdächern schließt ein Kleingarten an. Dieser war von Anfang an zur Selbstversorgung angelegt und in wirtschaftlich schlechten Zeiten, etwa als 1929 die Weltwirtschaftskrise losbrach, auch eine wichtige Versorgungsquelle. Die Römerstadt war auch die erste elektrifizierte und mit Zentralheizung ausgestattete Siedlung in Frankfurt. Durch immer kleinere Grundrisse versuchte man, Wohnfläche zu möglichst günstigen Mieten anzubieten. Ursprünglich sollten die Wohnungen 50 Reichsmark kosten und so für Arbeiterfamilien erschwinglich sein. Dies gelang aber in den meisten Fällen nicht. Die Reihenhäuser mit angrenzendem Garten kamen teurer zu stehen und gingen mehrheitlich an die städtische Mittelschicht.

Zudem strebte die Städteplanung Ernst Mays eine strikte Funktionstrennung an und unterschied zwischen der Innenstadt mit zentraler Infrastruktur und Arbeitsplätzen und den Siedlungsbereichen, in denen gewohnt, in die Schule gegangen, das Alltägliche eingekauft und im Garten gewirtschaftet wurde. Heute plant man da ganzheitlicher. Mike Josef geht sogar so weit, dass er dafür plädiert, erst die Infrastruktur und anschließend den Wohnraum zu schaffen. „Wir denken heute viel mehr in einer Funktionsmischung und wollen Gewerbe, öffentliche Plätze, Kitas und Schulen mit Wohnraum zusammenbringen“, sagt der Planungsdezernent. Das bedeute beispielsweise, dass darüber nachgedacht werden müsse, wie sich im dichtbesiedelten Innenstadtbereich Freiräume erhalten lassen. „Wir müssen die Begriffe Grün und Siedlung wie im Neuen Frankfurt zusammendenken“, sagt Josef. „Und wir müssen die Infrastruktur, also die Kitas, Schulen und Einkaufsmöglichkeiten, gemeinsam mit dem Wohnungsbau planen.“ Beispielhaft dafür stehe laut Mike Josef die Entwicklung des Römerhof-Quartiers. Auf dem seit Jahren eher spärlich gewerblich genutzten Areal am Römerhof sollen rund 2000 neue Wohnungen entstehen, die gesamte Infrastruktur ist schon geplant, ein Bereich sogar bereits von einer Grundschule bezogen. Wenn die ersten Bewohner das neue Quartier beziehen, sollen sie alles Notwendige vorfinden.




Siedlung Praunheim 1934, Foto: Hannah Reeck, Copyright: ISG

Zumindest im Ansatz orientiert sich Mike Josef auch an der Freiraumplanung Ernst Mays – wenn auch nicht ganz so ideologisch wie es das „Licht, Luft, Sonne“-Konzept des Architekten vorsah. „Meine Idee ist, den öffentlichen Raum zu fördern. Der öffentliche Raum ist wichtiger denn je. Ich will Plätze und Räume, die sich die Menschen aneignen können, in denen sie nicht gezwungen sind, Geld auszugeben und in denen ihre soziale Herkunft keine Rolle spielt“, sagt Josef. Diesen Gestaltungswillen müsse man auch heute zeigen und den Mut haben, eine eigene Idee von Stadtentwicklung zu fördern. Die öffentliche Hand müsse Geld investieren, um öffentlichen Raum wieder stärker in Begegnungsstätten zu verwandeln

Wie wohnen die Leute?

Die Siedlungen des Neuen Frankfurt sind noch heute bewohnt. Wie es sich dort im Jahr 2019 lebt, will das Historische Museum herausfinden. Von Mai bis September geht man dort der Frage nach: „Wie wohnen die Leute?“ Das Stadtlabor, wie sich das Format nennt, ist keine klassisch kuratierte Ausstellung, sondern das Ergebnis eines partizipativen Prozesses, in dem gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der heutigen Ernst-May-Siedlungen und mit Interessierten das heutige Leben in den Gebäuden von damals betrachtet wird. Vieles hat sich verändert seit 1925, allerdings weniger hinsichtlich Optik und Ästhetik der Siedlungen, als vielmehr in der Nutzung. Die Gärten beispielsweise, die in den 20er- und 30er-Jahren vor allem aufgrund der wirtschaftlichen Krise der Selbstversorgung und damit dem Überleben dienten, haben heute meist keinen praktischen Nutzen mehr und dienen rein der Zierde oder Freizeitgestaltung. Die meisten ursprünglich gemeinschaftlich genutzten Flächen und Räume sind heute nicht mehr vorhanden oder haben wenig Bedeutung. Dafür sind aber neue Räume in den Nachbarschaften entstanden, beispielsweise selbstorganisierte Nachbarschaftstreffs oder Abenteuerspielplätze. Zusätzlich, so stellt Jan Gerchow fest, gibt es viele Einzelpersonen, Initiativen und Gruppen, die sich mit den Veränderungen – und dem Erhalt – der Siedlungen befassen. Die Tradition des gemeinschaftlichen Diskutierens und Abstimmens sei also durchaus noch vorhanden.




Jan Gerchow, Foto: Harald Schröder

Wer sich für ein Leben in den Ernst-May-Siedlungen entscheidet, muss jedoch bereit sein, Kompromisse einzugehen – gerade hinsichtlich des Komforts. Die Häuser mussten während der Wirtschaftskrise teils mit schlechten Materialien gebaut werden, weiß Gerchow. „Die Häuser wurden nicht für die Ewigkeit gebaut. Die Wände sind teils sehr dünn und die verwendeten Materialien entsprechen nicht mehr den heutigen Anforderungen. Dennoch: Wenn man die Häuser pflegt, können sie lange halten, dies ist vor allem wegen ihrer Gestaltungsqualität wichtig.“ Ein weiteres Problem sind oftmals die kleinen Zimmer. Einige Bewohner greifen daher gern auch schon mal selbst zum Hammer, reißen Wände ein, verbinden Räume und versetzen Türen in den Gebäuden. Die Wohnungen und Häuser entsprechen eigentlich nicht mehr heutigen Wohnansprüchen. Aber auch hierin sieht der Direktor des Historischen Museums eine Chance: „Wohnraum wird immer teurer, die wenigsten Menschen können sich noch großen Wohnraum leisten. Das führt dazu, dass Klein heute wieder als attraktiver gilt. Die May-Siedlungen könnten so durchaus wieder ein Zeichen für die Zukunft setzen – 100 Jahre nach ihrer Entstehung.“ Die Gesellschaft befinde sich im Kippen, sagt Gerchow. Die immer weiter auseinandergehende Schere zwischen Arm und Reich, die gerade in Städten wie Frankfurt spürbar sei, bewirke ein gesteigertes Interesse an Orten wie den Ernst-May-Siedlungen: „In diesen Siedlungen findet sich eine gegensätzliche Utopie, in der die Menschen eigentlich alle gleich sind und in der genug für alle da ist.“

Das Ende der Moderne – und ihr erneutes Aufleben

Schon ab 1928 wurde das Klima rauer in Frankfurt. Ludwig Landmann und Ernst May, beide jüdischer Herkunft, bekamen den Hass der erstarkenden NSDAP zu spüren. Nicht nur aufgrund des jüdischen Hintergrunds, sondern vor allem wegen ihrer sozialreformerischen Politik. Eine 1929 durch Reichskanzler Hermann Müller beschlossene Sparpolitik erschwerte die Weiterarbeit zusätzlich. 1930 wurde Ernst May in die Sowjetunion berufen, wo er im entstehenden Magnitogorsk sein Werk fortsetzte. Fast sein ganzes Team ging mit ihm, darunter Margarete Schütte-Lihotzky und Hans Leistikow. Die Sowjetunion galt damals als das Land des Aufbruchs. Mit dem Aufstieg Stalins wurde ihrem Schaffen jedoch jäh Einhalt geboten. Als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen, bedeutete dies auch in Frankfurt das Ende der Moderne. Die Siedlungen wurden von den Nazis stehengelassen, obwohl sie den neumodischen Flachdächern nichts abgewinnen konnten. Die meisten Lehrer der Kunstschule wurden ausgewechselt. Leistikows Adler wurde als „konstruktivistischer Hüpfspatz“ verlacht und der Reichsadler wieder eingeführt – und bis heute beibehalten. Einige Produkte des Neuen Frankfurt übernahmen die Nationalsozialisten aber durchaus. Der Volksempfänger etwa, schon Ende der 1920er-Jahre von dem Werkbundmitglied Walter Maria Kersting an den Kölner Werkschulen entworfen, war ganz in ihrem Sinne, wussten sie doch, wie wichtig die neuen Medien Film und Ton für ihre propagandistischen Zwecke waren. Dem Bauhaus war währenddessen größerer Erfolg beschieden: Walter Gropius und weitere Akteure emigrierten in die USA und konnten den Bauhaus-Gedanken dort etablieren. Das Neue Frankfurt jedoch geriet in Vergessenheit.

Mike Josef will das ändern. Die mit dem Planungs- und Kulturdezernat erfolgte Einrichtung des Forum Neues Frankfurt ist ein erster Schritt; die gemeinschaftlich organisierten Ausstellungen im Museum Angewandte Kunst, dem Deutschen Architekturmuseum und dem Historischen Museum erregen schon jetzt viel mediale Aufmerksamkeit. Für das Kooperationsprojekt wurde extra ein modernisiertes Design des Leistikow-Adlers entworfen: Der Leistikow-Adler 2.0 soll an den tiefgreifenden Frankfurter Erneuerungsprozess erinnern – und vielleicht auch ein Stück weit in die Zukunft weisen. Denn der zweite wichtige Schritt sei laut Josef, die Visionen Ernst Mays auf die heutigen Herausforderungen zu übertragen: „Wenn das Bauhaus die Akademie der Moderne gewesen ist, dann war das Neue Frankfurt die Baustelle. Das Neue Frankfurt hat viele sozialdemokratische Ansätze. Man wollte die arbeitenden Menschen gut mit Wohnraum und Infrastruktur versorgen und lebenswerte Nachbarschaften ermöglichen. Und man wollte damals, um es mit den Worten Willy Brandts zu sagen, Demokratie wagen, den demokratischen Aufbruch nutzen und die eigene Zukunft gestalten. Das auch heute beizubehalten und weiterhin eine Städteplanung der Zukunft anzustreben, sich an neue Ideen heranzuwagen, ist die große Herausforderung unserer Gegenwart.“

Dieser Text erschien zuerst in der Print-Ausgabe 03/2019 des JOURNAL FRANKFURT.
 
3. Mai 2019, 12.11 Uhr
Isabel Hempe/Ronja Merkel
 
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