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Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder

Porträt einer Straße

Die Fahrgasse: Tradition und Lifestyle

Asia-Zeil und Kunst-Meile: Die Fahrgasse im Herzen der Innenstadt hat mindestens zwei Identitäten. Einst war sie eine der bedeutendsten Straßen Frankfurts, heute ist sie eine urbane Meile.
Es ist Freitagabend, und die Bürgersteige sind voller Menschen: Es wird gelacht, geküsst, gefachsimpelt, viele stehen mit Weingläsern vor den Galerien, die zum Rundgang geladen haben. Ein Sehen und Gesehenwerden in der unteren Fahrgasse vom Mainkai bis zur Berliner Straße/Battonnstraße. Der Name „Kunst-Meile“ für diesen Abschnitt kommt nicht von ungefähr, denn mittlerweile befinden sich hier neun Galerien: Maurer, Leuenroth, Schwind, Rothamel, Mühlfeld+Stohrer, Der Mixer, Christel Wagner, Greulich und seit September die Galerie Siedlarek.

Florian Siedlarek stammt aus dem Ruhrgebiet und hat in Köln als Galeriedirektor gearbeitet. Schon seit einiger Zeit trieb ihn der Wunsch um, eine eigene Galerie zu eröffnen. Als Siedlarek im vergangenen Jahr zum ersten Mal zum Saisonstart nach Frankfurt kam, stellte er fest: „Es ist eine besondere Energie, die die Straße als Kunstort hat, und ich war fasziniert davon, wie die Besucher die Kunst hier wahrnehmen.“ In der Fahrgasse werde ein kollektives Kunsterlebnis hergestellt. Als er hörte, dass der Antiquitätenhandel in der Hausnummer 20 auszieht, hat er nicht lange gezögert und den Kontakt aufgenommen. Als außergewöhnlich bezeichnet er die Vernetzung der Galerien untereinander, die sich in der Initiative „Galerien Frankfurt Mitte“ zusammengeschlossen haben und gemeinsame Veranstaltungen planen. „Es ist wichtig, die Straße als Ganzes zu denken. Das setzt ganz andere Kräfte frei, als wenn jeder sein eigenes Ding für sich macht.“ Das kann auch Kirsten Leuenroth bestätigen, die seit 2006 mit ihrer Galerie in der Fahrgasse vertreten ist und dort von der Hausnummer 7 in die 8 und schließlich in die Hausnummer 15 umgezogen ist. „Unsere Stärke ist unsere Gemeinschaft“, betont die Galeristin, die in ihren Räumen schwerpunktmäßig figürliche Malerei zeigt.




Für Florian Siedlarek ist die Straße ein Kunstort

Mit dem Yok-Yok-Kunstkiosk (Fahrgasse 21) und dem Mixer (Fahrgasse 22) gibt es außerdem zwei experimentelle Kunsträume. Heike Sterna betreibt gemeinsam mit ihrem Bruder Thomas den Mixer, der ursprünglich von einem Künstlerkollektiv um Thomas Sterna gegründet wurde. „Der Mixer ist als wirtschafts- und gesellschaftskritische Institution gedacht“, sagt Heike Sterna. Der Yok-Yok-Kunstkiosk, ein Ableger des legendären Yok-Yok-Kiosks in der Münchner Straße, soll ein Wohnzimmer für alle sein, sagt Betreiber Nazim Alemdar. Hier gibt es Lesungen, Musik und wechselnde Ausstellungen, die Nina Hurny Pimenta Lima kuratiert. Dafür kommt sie extra alle zwei Wochen aus München nach Frankfurt. „Meine Bedingung an Nazim war, hier weniger Kühlschränke reinzustellen, dafür mehr Kunst auszustellen“, sagt sie und lacht. Nazim hingegen lässt Nina beim Kuratieren vollkommen freie Hand. „Ich mische mich nicht ein“, sagt er. Gezeigt werden Arbeiten internationaler Künstler, die Ausstellungen wechseln alle vier bis sechs Wochen.

Auch kulinarisch hat sich in der unteren Fahrgasse einiges getan. Ende 2015 eröffnete Mathias Stalter die „Holy Cross Brewing Society“. Mit viel Liebe zum Detail haben er und seine Frau Carla das Café gestaltet, das Interior soll an eine New Yorker Metro-Station erinnern. Das Café – ein Familienbetrieb – hat sich zu einem Hot Spot in der Frankfurter Kaffeeszene entwickelt. Die Kuchen werden übrigens alle von Carla Stalter selbst gebacken. Gegenüber haben sich die Craft-Beer-Pioniere vom „naïv“ weiter ausgedehnt: Neben dem Restaurant und der Bar gibt es seit einigen Monaten auch eine Pizzeria, im Sommer wird das Fischerplätzchen zur Terrasse. Nicht vergessen werden soll die Mona Lisa Bar, denn sie ist seit 1989 in der Fahrgasse. Juergen Teller hat die Bar einst fotografiert, hier sollen schon so einige Museumsleiter mit Künstlern abgestürzt sein.





Viele wissen nicht, dass die Fahrgasse eine der ältesten Straßen Frankfurts ist und in früheren Zeiten eine der bedeutendsten war. Der Frankfurter Historiker Johann Georg Battonn widmete ihr in seiner „Örtlichen Beschreibung der Stadt Frankfurt“ über einhundert Seiten. Ihre Bedeutung verdankte die Fahrgasse vor allem dem Umstand, dass sie direkt mit der Alten Brücke verbunden war, über die die wichtigsten Handelsstraßen Deutschlands verliefen. Durch Frankfurt musste der Verkehr im mittleren Deutschland kommen, und die Alte Brücke war die einzige feste Verbindung über den Main zwischen Aschaffenburg und Mainz. Durch ihre strategische Bedeutung entwickelte sich die Fahrgasse zur logistischen Verkehrsader durch das alte Frankfurt. Aber nicht nur: „Über die Dauer von tausend Jahren gab es zweimal im Jahr in Frankfurt Messe, auch zu den Wahlen und Krönungen der Deutschen Kaiser und Könige war die Fahrgasse die Einfahrt in die Stadt“, erklärt Stadtführer Christian Setzepfandt. Hier fanden die Reisenden alles, was sie brauchten: Herbergen, Hufschmiede, Gasthäuser. Hier befinden sich aber auch in unmittelbarer Nähe Kirchen und Klöster sowie der Frankfurter Dom, hier stand die Mehlwaage, wo das Frankfurter Getreide gewogen wurde. Ihre Bedeutung verlor die Fahrgasse bereits im 19. Jahrhundert, als weitere Brücken über den Main gebaut wurden. Während des Zweiten Weltkriegs wurden viele der Häuser in der Fahrgasse zerstört. Historische Zeugnisse gibt es nur noch wenige. Mit der Neuplanung der Verkehrsverbindungen durch Frankfurt wurde die Kurt-Schumacher-Straße dann zur wichtigen Nord-Süd-Verbindung durch die Stadt. „Die Fahrgasse wurde neu bebaut und verlor ihr architektonisches und historisches Gesicht“, resümiert Setzepfandt.

Städtebaulich interessant wurde es dann wieder in den 50er-Jahren, denn hier entstand eine Art frühe Hochhausachse mit dem Neff-Hochhaus, das sich an der Ecke Fahrgasse/Battonnstraße befindet. Hier im Erdgeschoss sitzt „esistfreitag“, eine Agentur, die samstags zum Urban Store wird: Hier gibt es kulinarische Stadtkarten, Poster, Sticker, Magazine und T-Shirts. Wer will, kann auf einen Plausch über das Stadtleben reinkommen. Die Agentur organisiert außerdem Workshops, Vorträge und Dinner für die urbane Community.

Wer den oberen Teil der Fahrgasse ansteuert, muss dafür die Berliner Straße oder die Battonnstraße überqueren, die die Fahrgasse auf der Hälfte zerschneiden. Dies hat zur Folge, dass viele nicht wissen, dass dieser Teil, der bis zur Konstablerwache reicht, überhaupt zur Fahrgasse gehört. Hier ändert sich die Szenerie schlagartig, die Straße wird geprägt durch asiatische Lokale und Märkte, die sich in den vergangenen Jahrzehnten hier angesiedelt haben. Das hat der oberen Fahrgasse auch den Beinamen „Asia-Zeil“ eingebracht. He Gyung Lee-Kang betreibt seit 1989 in der Fahrgasse 95 das „Taisan“, einen koreanischen Supermarkt mit kleinem Imbiss. Die wenigen Plätze sind heiß begehrt, denn das Essen ist authentisch. Serviert werden Udon-Suppen, Sushi, es gibt hausgemachtes Kimchi. „Wir haben mit dem Verkauf von Lebensmitteln angefangen, doch damit allein konnten wir nicht überleben“, sagt Lee-Kang. Sie sei die erste gewesen, die hier einen asiatischen Markt eröffnet hat, sagt sie. In den vergangenen Jahren sind andere hinzugekommen: etwa der Yuan Fa Asia Markt gegenüber mit seinen Winkekatzen im Schaufenster, der Junvin-Asien-Supermarkt, der vor seinem Laden Kisten mit Kokosnüssen und Süßkartoffeln aufgebaut hat. Dazwischen liegen traditionelle Sushi-Lokale und ein Thai-Imbiss, ein Laden verkauft asiatisches Geschirr.




Gyung Lee-Kang betreibt das „Taisan“

Schräg gegenüber vom „Taisan“, in der Hausnummer 86, ist Nähmaschinen Schmid ansässig. Der Laden existiert seit mittlerweile 76 Jahren und ist heute Frankfurts einziges Fachgeschäft für Nähmaschinen. Inhaber Alex Bergmann hat über 70 verschiedene Modelle im Angebot und er stellt ein großes Interesse fest, Kleider selbst zu nähen: „Früher war es uncool, Selbstgenähtes zu tragen. Heute denken viele nachhaltiger.“ Auch das Ristorante Sardegna nebenan gehört zu den Alteingesessenen in der Fahrgasse, ebenso wie der Laden für Schädlingsbekämpfung mit dem skurrilen angestaubten Rattenmodell im Schaufenster. Ein weiteres Traditionsgeschäft ist an der Ecke zur Battonnstraße zu finden: Den Frankfurter Dippemarkt gibt es hier seit 50 Jahren. Die ehemalige Betreiberin Emma Rossmann ist mittlerweile 94 und kann nicht mehr selbst im Laden stehen, sie ist aber noch auf einem Foto präsent, das über der Ladentheke hängt. Die Geschäfte führt jetzt ihr Sohn Gerhard. Im Angebot hat der Dippemarkt natürlich das typische Frankfurter Steingut, außerdem Apfelwein-Deckelchen oder Keramik-Becher mit Namen. Auf die Frage, warum die Kunden zu ihm kommen und was sie am liebsten kaufen, antwortet Rossmann: „Weil die Leut’ einen Bembel brauchen. Daran hat sich seit 50 Jahren nichts geändert.“

>> Dieser Text erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT (12/21).
 
24. Januar 2022, 12.30 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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