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Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder

Gesichter der Stadt: Clemens Greve

Der behutsame Kämpfer

Clemens Greve leitet seit 25 Jahren die Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen. Im Interview erzählt er, warum für ihn Begegnungen im Leben so wichtig sind und warum er dafür einen Ort schaffen möchte.  
Der Schlossherr arbeitet im Dachgeschoss. Das ist ungewöhnlich, denn Schlossherren legen ja gewöhnlich Wert auf Repräsentation und Selbstdarstellung. Clemens Greve ist in vielen Dingen ein untypischer Schlossherr und vermutlich der einzige, der ein zitronengelbes Bianchi-Vintage-Rennrad in seinem Büro stehen hat. Er möchte eigentlich gar nicht so viel über sich reden. Greve ist ein Mensch, der lieber Anderen die Bühne überlässt oder auch das Fenster. Wie etwa dem im Januar verstorbenen Emil Mangelsdorff, der im vergangenen November im Holzhausenschlösschen sein letztes Konzert gab.

Lockdown: „Türen zu? – Fenster auf!“

Wie es zu den Fensterkonzerten kam, erzählt Greve: „Ich saß eines Abends kurz vor Mitternacht im Saal am Flügel, es war dunkel, die Pandemie hatte gerade begonnen. Ich spielte etwas aus den Kinderszenen von Schumann, das Fenster war geklappt. Plötzlich hörte ich Leute applaudieren, die im Park unterwegs waren und zugehört hatten.“ Da geriet vieles bei Greve in Bewegung. Man müsste das mit professionellen Musikern machen, dachte er sich – und setzte es zu einem Zeitpunkt um, wo die tief getroffene Veranstaltungsbranche noch nach Lösungen suchte: „Türen zu? – Fenster auf!“ war die Idee. Musik hören an der frischen Luft, mit Abstand und trotzdem nicht alleine – das traf den Nerv vieler Menschen in der Coronazeit und deshalb gehen die Fensterkonzerte auch weiter, obwohl die Beschränkungen momentan aufgehoben sind. Auch das Kinderliedermacherfestival, mit dem die Stiftung seit 2016 kooperiert fand in dieser Form statt: Aus den Fenstern des barocken Wasserschloss schallten Musik für die Kleinen.

„Ich bin glücklich, an einem Ort arbeiten zu dürfen, an dem sich Menschen begegnen und dass ich dafür sorgen darf, dass sich Menschen begegnen.“ Dafür möchte Greve gemeinsam mit 500 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Holzhausenschlösschen einen Raum schaffen. „Wir grenzen niemanden aus“, betont er. Für das im März initiierte Ukraine-Projekt hat Greve einen Projektkreis mit neun Projektgruppen entwickelt. Diese Gruppen unterstützen Geflüchtete zum Beispiel bei Gängen zu den Ämtern, bieten Hilfe bei der Wohnungssuche an, es gibt einen Mutter-Kind-Kreis, der Anfang Juni seine Arbeit aufgenommen hat. „Das Schöne ist, dass eine Stiftung Atem hat und Entwicklungen beobachten kann. Wir müssen nicht hektisch reagieren, wie die Politik es tut, sondern können uns fragen: Ist es sinnvoll, in diesem Bereich etwas zu tun.“

Von Stuttgart nach Frankfurt

Nach seinem Studium der Literatur-, Musik- und Geschichtswissenschaften in Heidelberg hat Greve zunächst im S. Fischer Verlag volontiert und ist dann zu einem Verlag nach Stuttgart gegangen, bevor er in die Stiftungswelt kam. „Ich wurde auf die Stellenanzeige der Frankfurter Bürgerstiftung aufmerksam gemacht, war jedoch zögerlich. Mein erster Gedanke war, ob es dort wohl auch einen Verlag gibt, da mir die Verlagsarbeit große Freude machte.“ Greve fuhr nach Frankfurt und schaute sich die Stiftung an. „Das Haus gefiel mir sofort, ich kannte das Holzhausenschlösschen vorher nicht“, sagt er, „und ich merkte, dass ich hier sehr viel gestalten und aufbauen kann.“ Das konnte er tatsächlich, denn die Stiftung hatte zu diesem Zeitpunkt finanzielle Probleme und musste sich neu aufstellen.

Seit 1997 ist er nun Geschäftsführer der gemeinnützigen Frankfurter Bürgerstiftung, die 1989 von Frankfurter Bürgern und Institutionen als eine der ersten Bürgerstiftungen dieser Art gegründet wurde. Sie verfolgt laut ihrer Satzung neben Naturschutzprojekten ausschließlich soziale, wissenschaftliche und kulturelle Ziele. Über 300 Veranstaltungen – zum Beispiel Konzerte, Ausstellungen, Kinderprojekte, Lesungen und Vorträge – werden jedes Jahr im Holzhausenschlösschen ausgerichtet. Über 2000 Förderer, aber auch zahlreiche Stiftungen unterstützen heute die komplett durch Spenden finanzierte Stiftungsarbeit und den Erhalt des Holzhausenschlösschens.

Lebensmotto: „behutsam kämpfen“


Immer wieder sind es Begegnungen, auf die Clemens Greve zu sprechen kommt. „Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens von Begegnungen geprägt, die entscheidend waren. Dazu kann auch ein Buch gehören. Und trotzdem waren es immer Menschen, durch die ich Bücher oder andere Dinge kennengelernt habe.“ Wie etwa die Musiklehrerin, die Greve, der damals in der fünften Klasse war, sonntags Schallplatten vor die Tür gelegt hat. „Sie wollte, dass ich die Musik höre und wir darüber sprechen.“ Auch die Begegnung mit der Lyrikerin Hilde Domin hat ihn geprägt, mit der er das Buch „Nachkrieg und Unfrieden“ herausgegeben hat.

Emil Mangelsdorff traf er zum ersten Mal in Trier. Greve war damals Abiturient und seine Oberstufe fuhr nachmittags zur Veranstaltung, bei der Mangelsdorff als Zeitzeuge sprach. „Wie ich hörte, dass es abends noch ein Konzert geben sollte, blieb ich, während die anderen mit dem Zug zurückfuhren.“ In Frankfurt haben sich Mangelsdorff und Greve dann Jahrzehnte später wiedergetroffen. „Nachdem ich meine Stelle im Holzhausenschlösschen angetreten hatte, besuchte ich Emil Mangelsdorff in seiner Wohnung in der Lersnerstraße. Wir sprachen über Hilde Domin und viele andere Dinge. Plötzlich sagte Mangelsdorff zu mir: Mal sehen, ob es für mich überhaupt eine Chance gibt, im Holzhausenschlösschen zu spielen.“ Es sollten viele Konzerte – über zweihundert – folgen, das letzte im November 2021.

Ein Lebensmotto Clemens Greves ist „behutsam kämpfen“. Diese Worte sind einem Text der Schriftstellerin Ilse Aichinger entlehnt, die ihr bedachtes Sprechen gegen Machtkonstruktionen in Sprache und Gesellschaft einsetzte. Die Entstellung der Sprache ist Greve ein Gräuel. „Ich wünsche mir, dass man Menschen die Wertschätzung gegenüber unserer Sprache und Kultur so näherbringt, dass sie diese Dinge als Schatz begreifen, der geschützt werden muss.“

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Dieser Text ist zuerst in der August-Ausgabe (8/22) des JOURNAL FRANKFURT erschienen.
 
15. August 2022, 12.23 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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