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Foto: picture alliance/Kai-Uwe Wärner/dpa
Foto: picture alliance/Kai-Uwe Wärner/dpa

RAF in Frankfurt und Region

Der Schuss durch die Decke ging nach hinten los

Seit der Festnahme der RAF-Terroristin Daniela Klette ist der Name ihres Komplizen Ernst-Volker Staub wieder in aller Munde. Der wurde vor 40 Jahren in Frankfurt schon einmal verhaftet – einem Dreh- und Angelpunkt der RAF.
2. Juli 1984: In einem Altbau an der oberen Berger Straße sitzt Eduard G. Der 60-Jährige trinkt ein Bier und schaut die Tagesschau. Plötzlich ein Knall! Kurz darauf klingelt es an der Tür. Eine junge Frau bittet um Entschuldigung: Die Katze habe das Aquarium umgestoßen. Ob Wasser durch die Decke liefe, fragt sie. Eduard G. schaut nach: Nein, kein Wasser, alles in Ordnung.

Später jedoch entdeckt er auf dem Boden ein Projektil. Er blickt zur Decke empor: Ein Loch. Von wegen Aquarium! G. alarmiert die Polizei. Die Beamten überraschen und überrumpeln drei Männer und drei Frauen, darunter mehrere seit Jahren steckbrieflich gesuchte Terroristen der Roten Armee Fraktion (RAF) – und ein bis dato Unbekannter: Ernst-Volker Staub.

Sein Name geistert wieder durch die Medien, seit seine Komplizin Daniela Klette Ende Februar festgenommen worden war. Staub ist weiter auf der Flucht. Der 69-Jährige verbrachte bereits die Hälfte seines Lebens im Untergrund. Erstmals abgetaucht sein soll er im Juni 1983. Zuvor war er nach 13 Semestern Sprach- und Rechtswissenschaften zwangsexmatrikuliert worden. Ein Jahr später flogen er und seine Mitstreiter auf, weil versehentlich eine Pistole beim Reinigen losging, und das Geschoss den Fußboden durchdrang und im Geschoss darunter landete.

Auch in Frankfurt wieder auf den Fahndungsplakaten: Ernst-Volker Staub

Staub wurde zu vier Jahren Haft verurteilt, wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, unerlaubten Waffenbesitzes und Urkundenfälschung. Anschließend musste er sich regelmäßig bei der Polizei melden. Das tat er letztmals Anfang 1990, dann verschwand er wieder. Nun prangt sein Konterfei wieder auf aktuellen Fahndungsplakaten. Das weckt Erinnerungen an die 70er- und 80er-Jahre, als in jedem Postamt und jeder Polizeistation die Poster mit Portraits der RAF-Terroristen hingen.

1972 verübten sie zahlreiche Anschläge während ihrer sogenannten „Mai-Offensive“. Auf dem Fuße folgte quasi die „Juni-Defensive“ der Ermittler: Binnen zwei Wochen wurde die Führung der RAF verhaftet. Derweil wuchs eine zweite Generation der RAF heran, die die erste freipressen wollte. Ihr Logo brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein: Ein Stern mit einer MP5 von Heckler & Koch, laut Hersteller „die weltweit populärste Maschinenpistole“.

Neue RAF-Aktivitäten von zwei Wiesbadenern

Auch die deutsche Polizei verwendet sie, und so mancher unbescholtene Bürger schaute in den Lauf dieser Waffe während der umfangreichen Fahndungsaktionen im Deutschen Herbst 1977. Er endete im kollektiven Selbstmord der inhaftierten RAF-Spitze. Die zweite Generation beging noch einige Anschläge, doch die Ermittler spürten auch diese Terroristen auf, insbesondere nach Entdeckung eines Erddepots für Geld, Waffen und gefälschte Ausweise bei Heusenstamm 1982. Der Spuk schien vorbei.

Zurück ins Jahr 1984: Frankfurt bekam eine neue Telefonvorwahl (069); die alte (0611) erhielt später Wiesbaden. Erstmals fuhren unter dem Main U-Bahnen hindurch. Das Empfangsgebäude des Südbahnhofs war fast komplett abgerissen und wiederaufgebaut worden für die Arbeiten im Untergrund. Metaphorisch in den Untergrund ging indes ein Pärchen aus Wiesbaden: Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams, die eine dritte Generation der RAF aufbauen wollten.

Anschlag auf die Rhein-Main Air Base auf dem Frankfurter Flughafen

Von Rückschlägen wie der Verhaftung in Bornheim ließen sie sich nicht beirren. Erst mal neue Waffen beschaffen: Im November 1984 erbeutete die RAF in einem Waffenladen in Maxdorf bei Ludwigshafen 22 Pistolen und 2 Gewehre. In der Folgezeit tauchten immer wieder Stücke davon auf, zuletzt bei der Festnahme Daniela Klettes, aber auch bei einem Drogenhändler aus Ratingen – und bei der „Action directe“, einer französischen Terrororganisation, mit der die RAF kooperierte.

Gemeinsam verübten sie 1985 einen Sprengstoffanschlag auf die Rhein-Main Air Base, einen Stützpunkt der US-Luftwaffe, der sich auf dem Frankfurter Flughafen befand, wo heute das Terminal 3 entsteht. Ansonsten konzentrierte sich die RAF vornehmlich auf Attentate auf Führungspersonen aus Politik und Wirtschaft. Besonders hervor sticht der Mord an Alfred Herrhausen.

Der Mord an Alfred Herrhausen in Bad Homburg

Er war Vorstandssprecher der Deutschen Bank und saß im Aufsichtsrat zahlreicher Unternehmen. Einerseits ein Beschleuniger des Turbo-Kapitalismus, forderte er andererseits eine Teilentschuldung der Dritten Welt. Für Deutschlands mächtigsten Manager galt die höchste Gefährdungsstufe: „Mit einem Anschlag ist zu rechnen.“ Die Angst wurde zu seinem ständigen Begleiter – ebenso wie private Personenschützer, die jedem seiner Schritte folgten.

Zusätzlich patrouillierte Polizei vor seinem Privathaus in Bad Homburg. Am Morgen des 30. November 1989 half all das nichts. Wie immer fuhr Herrhausen in Dreier-Kolonne: ein Wagen vor, einer hinter seinem gepanzerten Mercedes. Am Seedammweg, unweit seines Wohnhauses, passierte er eine Lichtschranke. Sieben Kilogramm TNT explodierten und verformten eine davor angebrachte, gewölbte Kupferplatte zu einem Projektil. Es zerschmetterte die Panzerung des Autos. Herrhausen verblutete, sein Fahrer überlebte schwer verletzt.

Trauerzug für Alfred Herrhausen durch Frankfurt

Am nächsten Tag zogen 10 000 Menschen trauernd durch Frankfurt. Der Mord wurde nie aufgeklärt, wie so viele Verbrechen der RAF zuvor. Anders bei ihrem letzten Anschlag auf die JVA Weiterstadt 1993: Dank DNS-Analyse wurden mehrere Täter ermittelt – allerdings erst Jahre später. Einer davon war Ernst-Volker Staub. Aufgrund bestimmter, markanter Formulierungen gilt er ferner als einer der Autoren der Selbstauflösungserklärung der RAF 1998.

Neben viel Selbstbeweihräucherung findet sich darin auch etwas Selbstkritik: „Die Wirkung in die Gesellschaft blieb begrenzt.“ Tatsächlich war die dritte Generation der RAF selbst innerhalb linker Kreise größtenteils isoliert. Die erste und teils auch noch die zweite Generation hingegen hatten trotz ihrer Gewalttaten noch einen gewissen Rückhalt in Teilen der Bevölkerung. Zum Vergleich: Beim Begräbnis von RAF-Terrorist Holger Meins 1974 erschienen mehr als 5 000 Menschen – nach der Festnahme von Daniela Klette demonstrierten knapp 300 Leute in Berlin.

Terror der RAF bis heute mit Nachwirkungen

Der Weg der RAF war gepflastert mit Toten, Verletzten und Traumatisierten –
sogar noch nach ihrer Auflösung, als Staub, Klette und Burkhard Garweg Geldtransporte und Supermärkte ausraubten – oftmals verharmlosend als „RAF-Rentner“ bezeichnet. Panzerfaust und Sturmgewehr statt Enten im Park füttern, Kindern vorlesen oder was „normale“ Rentner eben so machen.

Der Terror der RAF ist Geschichte – für viele Hinterbliebene ihrer Opfer ist er immer noch präsent. „Es ist lange her, aber es ist ein Loch in unserem Leben, das wir wahrscheinlich jeden Tag spüren“, sagt Clais von Mirbach, dessen Vater von der RAF ermordet wurde, „unser Leben wäre anders verlaufen, wenn unser Vater nicht aus unserer Mitte gerissen worden wäre.“
 
2. Juli 2024, 09.39 Uhr
Peter von Freyberg
 
 
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