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Foto: Marcel Hilger
Foto: Marcel Hilger

Radklassiker Eschborn-Frankfurt

Kette rechts!

Am kommenden Sonntag ist es wieder so weit: Der 1. Mai markiert den Start in die Saison. An diesem Tag findet traditionell der Radsport-Klassiker „Eschborn-Frankfurt“ statt, der seit 1962 ausgetragen wird.
Bereits Stunden vor dem Rennen ist am Mammolshainer Berg Volksfeststimmung, und am „Stich“ kein Stehplatz mehr zu kriegen. Der berüchtigte „Stich“, er ist der heimliche Höhepunkt von „Eschborn Frankfurt“, denn vor diesem Teilstück haben selbst die Profis Respekt: Giftige 23 Prozent Steigung hat die kleine Straße, die vom Mammolshainer Berg abzweigt. Wer ganz oben steht, sieht die Fahrer im Wiegetritt raufkraxeln – die Frankfurter Skyline im Hintergrund.

Auch in diesem Jahr wird die Weltelite wieder dabei sein: 20 Mannschaften werden am 1. Mai antreten, neben elf World-Teams aus der obersten Kategorie stehen acht Pro-Teams und eine Nationalmannschaft mit deutschen Talenten am Start. Über 6000 Hobbyradlerinnen und -radler haben sich zum Jedermann-Rennen angemeldet, dabei sind viele Social Riding Clubs aus Frankfurt und Umgebung. Es gibt drei Runden im Angebot mit 100, 88 oder 40 Kilometern. Wer sich für die 100-Runde entscheidet, darf wie die Profis den „Stich“ fahren.

Jedes Jahr am 1. Mai kommt die Elite des internationalen Radsports nach Frankfurt. Das Eintagesrennen gilt als Radklassiker, und für die Frankfurter ist das Rennen noch viel mehr: ein Volksfest. Seit 1962 pilgern sie mit Kind und Kegel an die Strecke, um das Fahrerfeld anzufeuern. Eigentlich ist der heutige Name für den Radklassiker „Eschborn-Frankfurt“ eine Zumutung, und für die, die noch beim Start am Sachsenhäuser Berg dabei waren, heißt das Straßenrennen deshalb nach wie vor „Rund um den Henninger-Turm“, auch wenn es den ja auch nicht mehr so gibt.

Ausgetragen wurde das Eintagesrennen zum ersten Mal im Jahr 1962. Ursprünglich war es eine Werbekampagne für den neuen Brauerei-Turm mit integriertem Drehrestaurant. Das Rennen entwickelte sich bald zu einer festen Größe im Radsportkalender und zu einem der bekanntesten deutschen Rennen überhaupt. Ausrichter waren die Henninger-Brauerei und die Gesellschaft zur Förderung des Radsports, die 1961 von den Brüdern Hermann und Erwin Moos gegründet wurde. Start und Ziel befanden sich am Hainer Weg, unterhalb des Henninger Turms.

Nach der Übernahme der Henninger-Brauerei durch Binding wurden Start und Ziel 2002 vor die Tore der Binding-Brauerei in der Darmstädter Landstraße verlegt. Zu dieser Zeit wurde die Radsport-Szene durch Doping-Skandale erschüttert. Nach dem Rückzug des Haupt­sponsors bekam das Traditionsrennen wechselnde Namen verpasst und heißt seit 2018 „Eschborn–Frankfurt“. Start ist seitdem in Eschborn, der Zieleinlauf ist an der Alten Oper.

Zwei Mal in seiner Geschichte musste die Veranstaltung abgesagt werden. Im Jahr 2015 war ein Ehepaar mit Kontakten in die salafistische Szene dabei beobachtet worden, wie es die Rennstrecke ausspähte, bei einer anschließenden Hausdurchsuchung fand die Polizei unter anderem eine Rohrbombe und sagte das Rennen ab. Einige Riding Clubs fuhren trotzdem, um gegen Terror zu demonstrieren. 2020 konnte Eschborn-Frankfurt coronabedingt nicht stattfinden.

Große Radsportler sind in Frankfurt gestartet. Rudi Altig, einer der erfolgreichsten deutschen Radsportler, forderte von den Gebrüdern Moos eine zusätzliche Prämie, sonst würde er nicht antreten, sagte er. Die beiden willigten ein: „1000 Mark extra, wenn Du gewinnst.“ Geldübergabe war im Braustübchen der Henninger-Brauerei, ein Teil der Prämie wurde am Vorabend des Rennens ausbezahlt. Altig siegte, auf dem Feldberg lag noch Schnee.
Auch nach Frankfurt kam der legendäre Eddy Merckx, der 1971 das Rennen gewann. Der Frankfurter Didi Thurau hatte immer bedauert, dass er als Profi nie sein Heimrennen gewinnen konnte. Zwei Mal war er bei „Rund um den Henniger-Turm“ Zweiter. Im vergangenen Jahr stand Jasper Philipsen auf dem Siegertreppchen ganz oben, er hatte knapp vor Lokalmatador John Degenkolb die Ziellinie überquert. „Dege“ hat angekündigt, einige Klassiker gewinnen zu wollen und will seinen Heimvorteil nutzen, um beim Jubiläumsrennen ganz oben zu stehen.

Aus der Stadtpolitik gibt es Bestrebungen, das Radrennen wieder in die Stadt zu holen. Die sportpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion im Römer, Carolin Friedrich, schlägt ein Revival von „Rund um den Henninger-Turm“ vor. Die Strecke soll ab dem Jahr 2023 wieder durch Sachsenhausen führen. Die CDU hat einen entsprechenden Antrag dazu gestellt. Das jetzige Rennen habe in Frankfurt längst nicht den Bezug zur Bevölkerung, jahrzehntelang sei Sachsenhausen Treffpunkt für namhafte Radprofis gewesen, die dort mit ihren Teams Hotels bezogen hatten. Mit einer Neuauflage, weiteren Sponsoren, einem Begleitprogramm „rund ums Fahrrad“ und einer Streckenführung, die an die alte Tradition anknüpft, könnte die alte Leidenschaft für das Rennen wieder entflammen – auch wenn der alte Henninger-Turm längst nicht mehr steht.

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Der Text ist Teil der Titelstory in der aktuellen Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT (5/22).

* Der Ausdruck „Kette rechts!“ steht für „größtmöglicher Gang“
 
29. April 2022, 11.08 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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