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Foto: GemüseheldInnen
Foto: GemüseheldInnen

Pionierprojekt in Sachsenhausen

„Wie ein Paralleluniversum mitten in Frankfurt”

Eine Meistergärtnerin mit jahrzehntelanger Erfahrung und eine Truppe Hobby-Gärtnerinnen und -Gärtner – das sind Anja Rappelt und die GemüseheldInnen. Ihr Ziel: Auf zwei Hektar Anbaufläche Profi-Ertragsanbau mit Gemeinschaftsgärten kombinieren.
Ein hellgrünes Schild und ein Verkaufsautomat mit regionalen Produkten machen in einem Wohngebiet unweit des Hainer Wegs in Sachsenhausen neugierig. Im Sandberg befindet sich der Gärtnereibetrieb von Anja Rappelt. Hinter einem großen, dunkelbraunen hölzernen Torbogen stehen bunte Blumen und Pflanzen zum Verkauf. Durchquert man einmal das Geschäft und verlässt es durch die Hintertür, gibt es das neueste Projekt der GemüseheldInnen zu entdecken: Rappelts Hausgarten und zwei Hektar Fläche, um professionellen Ertragsanbau und Gemeinschaftsgärten zu verbinden.

Die GemüseheldInnen wurden von Juliane Ranck und Laura Setzer ins Leben gerufen. Nachdem sie im März 2019 auf die sogenannte Grüne Lunge beim Günthersburgpark gestoßen sind, haben sie ihre Pläne, nach Südfrankreich auszuwandern und dort einen Bauernhof zu gründen, ad acta gelegt. Die Grüne Lunge ist ein Gartengebiet und essentielle Frischluftschneise im Frankfurter Nordend. Rancks und Setzers Vision: Frankfurter Parks und Anlagen zu „essbaren Inseln“ machen. Das bedeutet, dass Bürgerinnen und Bürger öffentliche Flächen mit frischem Gemüse und Kräutern bepflanzen und sich so selbst versorgen. Vor drei Jahren starteten sie in einem verwucherten Garten, in dem Schnecken das angebaute Gemüse anknabberten und die Erträge mager ausfielen. Doch heute bestehen die GemüseheldInnen aus sieben Organisations-Mitgliedern und etwa 250 Hobbygärtnerinnen und -gärtnern, die ihre Freizeit damit verbringen, die insgesamt 19 Gärten zu pflegen.

Die Ursprungsidee war ein Gemeinschaftsgarten ohne persönliche Besitzansprüche. Durch die Zusammenarbeit mit der Gärtnerei Rappelt wollen sie nun erstmals wirtschaftlich arbeiten. Die Gärtnerei bietet bereits in dritter Generation selbst angebautes Obst, Gemüse und Feinkost an. Dabei verzichtet der vor 40 Jahren gegründete Laden auf chemischen Pflanzenschutzmittel oder Unkrautvernichtungsmittel. Außerdem hat die Meistergärtnerin alle Hände voll zu tun: Sie fährt mitten in der Nacht ins Frischezentrum, beliefert Restaurants in Frankfurt sowie Neu-Isenburg und kümmert sich dabei zusätzlich um gerettete Hunde, Hühner, Kakadus und Kaninchen, die sie in ihrem Hausgarten aufgenommen hat. Nun kommt noch die Arbeit mit den GemüseheldInnen hinzu.

Kennengelernt haben sich die drei durch einen Aufruf von Rappelt in einem YouTube-Video. Die Gärtnerin war auf der Suche nach kreativen Köpfen mit neuen Ideen, die sie bei ihr umsetzen wollen. „Das haben wir als Chance gesehen, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen”, blickt Setzer zurück. Anfang Februar trafen sich die GemüseheldInnen samt ihrer Orga-Gruppe in Rappelts Gärtnereibetrieb. „Am Anfang war ich skeptisch, weil ihnen die wirtschaftliche Sicht fehlte”, sagt die Gärtnereimeisterin. Nichtsdestotrotz befand sich die Konzeptidee wenige Tage später in trockenen Tüchern. Die GemüseheldInnen sind für die Felder zuständig, Rappelt steht für Fragen bereit. Ihre ursprünglichen Berufe als Angestellte im Reformhaus Andersch und als Grafikdesignerin hängten Ranck und Setzer an den Nagel; inzwischen sind sie Vollzeit in der Sachsenhäuser Gärtnerei angestellt.

Das Projekt trägt den Titel „Frankfurter Stadtfarm: Bio-Gemüse aus gemeinschaftlichem Anbau”. Auf zwei Hektar Gesamtfläche bepflanzen die GemüseheldInnen selbstständig acht Flächen mit über 1000 Quadratmetern nach dem Prinzip der Permakultur. Im Gartenbau beziehungsweise der Landwirtschaft bedeutet das, dass auf Agrarchemikalien und schwere Maschinen verzichtet wird. Stattdessen liegt der Fokus auf sorgfältiger menschlicher Handarbeit und fundiertem Wissen über die Vorgänge in der Natur und im Garten. Studien zufolge kann auf 1000 Quadratmetern Permakultur-Fläche der gleiche Ertrag erwirtschaftet werden wie auf einem Hektar, der mit biologischer Landwirtschaft bearbeitet wird.

In leichter Hanglage befindet sich Rappelts Hausgarten mit Frühbeeten für Salate. Beim Durchqueren sagt die gelernte Gärtnerin „oben Frankfurt, unten heile Welt”, während ihr Kakadu im Hintergrund krächzt und pfeift. Außerhalb des Gärtnereigeländes befinden sich im Bergesgrundweg die Parzellen, die die GemüseheldInnen bepflanzen werden. Ziel ist es, das ganze Jahr über frisches Gemüse anzubieten. Die sieben Folientunnel ermöglichen einen wetterunabhängigen Anbau. Der sogenannte Market Garden sei dabei Herzstück des ganzen Projekts. Hier werden auf kleinster Fläche möglichst viele Kulturen angepflanzt, die auch gemischt werden. Das sei Ranck zu Folge zusätzlich gut für den Boden, aber auch pflegeintensiv. Auf dem Langfeld werde stattdessen extensives Gemüse wie Kürbisse oder Zucchini gepflanzt. Das „Pionierprojekt” soll laut Setzer auch andere Gärtnereien inspirieren, sodass kein Gemüse mehr aus weit entfernten Ländern importiert werden muss.

Mit der „Frankfurter Stadtfarm” verändert sich für die GemüseheldInnen vieles. Ranck und Setzer legen die Priorität auf das Gärtnerei-Projekt und nehmen sich aus den anderen Gärten etwas zurück. Auch wenn sich unter den GemüseheldInnen keine ausgebildeten Gärtnerinnen oder Gärtner befinden, können sie durch ihre gelernten Berufe diese Idee bereichern. Anna Zollner etwa ist seit Juli 2019 dabei und Diplom-Pädagogin. Sie möchte in der Gärtnerei Kurse für Schulen oder Geflüchtete anbieten, um diesen die Permakultur näherzubringen und zu zeigen, wie einfach Gärtnern sein kann.

Aber auch für Rappelt heißt es Kompromisse eingehen und neue Arbeitsweisen annehmen. Für sie ist Permakultur ein fremder Ansatz, weshalb es ihr an manchen Stellen schwerfällt, nicht einzugreifen. „Nach zwei Jahren Corona kann ich mir keine Verluste erlauben”, sagt sie. Dennoch habe sie mit den GemüseheldInnen Menschen gefunden, die das Gärtnern wertschätzen und in vollen Zügen genießen. Da bei der Permakultur die Erträge von Jahr zu Jahr besser werden, sei eine langjährige Partnerschaft sinnvoll und das Projekt zeitlich unbegrenzt, erklärt Ranck und ergänzt: „Wir setzen auf Vertrauen statt Kontrolle. Es sind alle so fürsorglich und es fühlt sich an wie ein Paralleluniversum mitten in Frankfurt."

Jede Woche gibt es Aktionen, bei denen sich über 20 GemüseheldInnen aus Frankfurt oder sogar Gießen am Gärtnern beteiligen. Trotz der Zuversicht und der Motivation stehen sie unter enormen Zeitdruck: „Wir sind etwa ein halbes Jahr im Verzug. Eigentlich müsste alles schon längst gepflanzt sein, aktuell legen wir aber erst die Beete an. Die To-do-Liste ist endlos und Anja braucht Gemüse”, erklärt Ranck. Also ran an die Schubkarren und weiter geht das „Kompost-Workout” der GemüseheldInnen.
 
14. April 2022, 11.31 Uhr
Viviane Schmidt
 
 
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Text: sfk / Foto: AdobeStock/Marina Lohrbach
 
 
 
 
 
 
 
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