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1. Frankfurter Stadtgeflüster
 

1. Frankfurter Stadtgeflüster

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Viele Gäste über den Dächern der Stadt

Foto: Nicole Brevoord
Foto: Nicole Brevoord
Die Premiere des ersten Frankfurter Stadtgeflüsters brachte viele neue Erkenntnisse: Die Moderatoren Laura di Salvo und Achim Winter begrüßten unter anderem Hassan Annouri, Gisela Paul und die "Testosteron"-Macher.
Warum sollte man eine Talkshow im Fernsehen verfolgen, wenn das Nahsehen doch viel schöner ist? Die beiden Fernsehmoderatoren Achim Winter und Laura di Salvo wollen künftig einmal im Monat mit Frankfurtern reden, die die Stadt bewegen. Rund 65 Zuschauer waren am Sonntagabend beim Auftakt in der 22nd Bar im Eurotheum in der Neuen Mainzer Straße dabei. Was bei der Harald Schmidt Show nur Kulisse war, ist beim „Frankfurter Stadtgeflüster“ der tatsächliche Ausblick auf die herrlich beleuchtete Skyline. Das allein ist schon großes Kino. Dazu einen Cocktail schlürfen, der Musik von Gabriel Groh, seiner Band und der Sängerin Natascha Green lauschen und sich von den Gästen des Abends überraschen lassen.

Kurz und schmutzig
„Short und dirty“, kurz und schmutzig also, wolle man die Interviews halten, kündigte Winter zu Beginn des Abends an, der „auch mal auf die Kacke hauen“ wollte. Mit Gästen wie dem Rapper Hassan Annouri, Verleger Rainer Weiss (Weissbooks), Grie-Soß-Marktikone Gisela Paul, Regisseur Sascha Goldberg und Schauspielerin Zlatka Halilagic – die beide an dem Frankfurter „Heimatfilm“ Testosteron arbeiten – und Majestät Lisbet Windsor II. wurde es dann doch ein eher gesitteter Abend mit der Erkenntnis, dass jeder der Gäste mehr als nur einen Beruf oder eine Karriere hat.

Hassan Annouri etwa ist Rapper und Produzent und hat schon mit Sammy Deluxe und Cassandra Steen zusammengearbeitet. „Ich liebe deutsche Musik“, sagt der Frankfurter aus Leidenschaft, der in Langen geboren wurde und marokkanische Eltern hat. Sein Song „Konstablerwache“, der erste Hit, wurde 1991 von DJ Sven Väth gefeatured, seine Frankfurt-Hymne „Hurra Hurra die Frankfurter sind da“ erreichte samt Videoclip, in dem lauter Frankfurter Ikonen vorgestellt werden, in der Stadt Kultstatus. Annouri wuchs in Griesheim auf. „Multikulti hat mich geprägt“. Auf die Frage des Einflusses des Multikultistadtteils auf ihn antwortete er: “In Deutschland gibt es kein Ghetto, dafür geht es den Leuten einfach zu gut.“ Wetterfee Laura di Salvo outete sich gleich als Annourifan, sie höre dessen Musik gern beim Joggen. Sein neues Album sei aber viel emotionaler als das Frankfurtlied. „Wenn ich Leute touche, habe ich mein Ziel erreicht“, sagt Annouri, der schon mit 12 Jahren Musik gemacht hat und schon mit Walter Sittler in „Der Millionär und die Stripperin“ vor der Kamera stand. Außerdem ist er der Betreiber des Conceptstores „Legends“ in der Zeilgalerie, der Barbershop, Tattooladen und Klamottenboutique zugleich ist. Die Inspiration zu dem Geschäftsmodell fand er in Bangkok. „Wir brauchen mehr coole Läden, wo man sich wie im Wohnzimmer fühlt. Nicht so glatt gebügelte Geschäfte.“ Mit einer kleinen Liveperformance der Frankfurt-Hymne übergab Annouri das Mikro an den nächsten Gast.

Von Grie Soß' und ungeahnten Talenten
Gisela Paul kennt man von ihrem Marktstand im Kaisersack und auf der Schillerstraße. „Deine Grüne Soße und Deine dicken Eier erfreuen mich jeden Freitag“, schwärmte gleich Achim Winter. „Alle vernünftigen Frankfurter kennen Dich.“ Aber wer hätte gedacht, dass die Frankfurter Ikone mal im Büro gearbeitet hat, Halbedelsteine verkaufte und eine Ausbildung zur Opernsängerin absolviert hat? Ihr „Grüne-Soße-Lied“ kam also nicht von ungefähr. „Wenn man ein echter Frankfurter ist, muss man frech sein. In den Sachsenhäuser Kneipen wird man ja auch angekotzt und nicht freundlich bedient“, klärte Paul auf. Auf ihr Frankfurt lässt die gebürtige Bockenheimerin nichts kommen und Annouri betone viel zu sehr den Crime und Drogen-Aspekt in seinen Songs, weshalb Gisela Paul gleich mit dem liveperformten „Kaiserstraßen-Blues“ stimmgewaltig dagegen hielt.

Um Drogen, genauer um Anabolika und eine muskelbepackte Frankfurter Gang, geht es auch im Kinofilm „Testosteron“, den Regisseur Sascha Goldberg Mitte 2015 in die Lichtspielhäuser bringen will. Einen kleinen Trailer sowie eine Darstellerin, Zlatka Halilagic, brachte er gleich mit. Letztere betreibt eine Bar (Old Fritz), arbeitet als Model und Modeschöpferin. Zu dem Frankfurter „Heimatfilm“, in dem – so viel sei verraten: nicht alles eitel Sonnenschein ist – hat übrigens Hassan Annouri die Musik beigesteuert. Goldberg kam als 5-jähriger Gastarbeiterjunge, er hat einen bulgarischem Vater und eine slowenisch-deutsche Mutter, zuerst nach Nied und lebte dann im Gallus, arbeitete später als Türsteher im Cooky’s und im Parkcafé, ist also ein durchaus harter Hund und verspricht sich viel vom neuen Film: „Ich werde versuchen Männer zum Weinen zu bringen.“ Als Zauberer, Mentalist und Gedächtnistrainer hat er da sicher ein paar Tricks auf Lager.

Die zweite Chance
Zu den Personen mit mehreren Leben passte dann auch der Gast Rainer Weiss perfekt. Nach seiner Karriere als Programmchef bei Suhrkamp machte er sich mit Weissbooks selbstständig. Von Gabriel Groh und der Band hatte er sich das Lied „Skandal im Sperrbezirk“ gewünscht, weil er etwas Besonderes mit dem Spider Murphy Gang-Hit verbindet. Damals lernte er nämlich eine hübsche legendäre Bardame im Cooky’s kennen, die er dadurch beeindruckte, dass er nicht Bier wie die anderen bestellte, sondern Tomatensaft. Die Dame, DJ Vira, heiratete ihn danach sogar. Weiss machte gleich, wie man das in Talkshows eben so macht, gleich Werbung für ein neues Buch: „Es reicht!: Schluss mit den falschen Vorschriften“ von Werner Bartens. Die Polemik handele von Ernährungsvorschriften. „Es ist gut, ein paar Polster zu haben“, sagte denn auch Rainer Weiss. Er ist übrigens Vizepräsident vom FC Gudesding, dessen Präsident Daniel Cohn-Bendit ist.

Und weil die Runde zwar unterhaltsam, aber nicht sehr bunt war, setzte Travestiekünstler Thomas Bäppler-Wolf im lila Fummel als Majestät Lisbet Windsor II. noch einen Farbakzent, brachte er als Überraschunggast doch noch seinen Hund Ramses mit und übergab das Talkshowzepter an Laura di Salvo und Achim Winter. Er selbst bringe nach „La Cage aux Folles“ und der Show „Die Venus von Kilo“ demnächst das Abba-Musical „SOS -WIr heiraten“ auf die Bühne, verriet er.

Nach knapp zwei Stunden war das erste Frankfurter Stadtgeflüster beendet – ohne den zuvor angekündigten Tigerpalastchef Johnny Klinke. Dem unterhaltsamen Format hätten weniger Gäste zugunsten von mehr Tiefgang gut getan. Aber so hatte man für 18 Euro Eintritt ein volles, abwechslungsreiches Programm mit Spaß und Musik und dem besten Blick über die Stadt.
10. November 2014
Nicole Brevoord
 
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