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„Unikuva“ von Bändi: „Bestes Weltmusikalbum 2020“
 

„Unikuva“ von Bändi: „Bestes Weltmusikalbum 2020“

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Viel Raum für Sehnsucht und Träume

Foto: Bernadette Fink
Foto: Bernadette Fink
Zu gerne hätte die Frankfurter Band Bändi am 28. Januar in der Fabrik gespielt. Das wurde auf April verschoben. Ihr zweites Album „Unikuva“ wurde derweil als „Bestes Weltmusikalbum 2020“ gekürt. Sängerin Kristina Debelius und Drummer Thomas Salzmann im Gespräch.
JOURNAL FRANKFURT: Wie viele Menschen fragen nach 15-jähriger Bandkarriere immer noch verwundert: Wie, finnischer Tango? Gegen das Klischee der Musik aus den Bordellen von Buenos Aires kommt wohl keiner an?
Kristina Debelius: Oh, das fragen uns immer noch ganz viele Menschen. Dabei ist Finnland das Land mit der größten Tangoleidenschaft in Europa und einer lebendigen Tanzkultur, wie etwa dem großen Festival in Seinajöki. Aber mittlerweile ist der finnische Tango in Deutschland auch gar nicht mehr so unbekannt.

Wer in der Band hat den finnischen Tango für Bändi entdeckt und was machte den Reiz der Musik für Sie aus?
Thomas Salzmann: Ich höre den finnischen Tango schon über 25 Jahre und damals gab es ja kein YouTube oder Spotify. Viele CDs mussten wir uns erst aus Finnland bestellen und finnische Freunde helfen uns bis heute, auch SiSu Radio von Radio X zum Beispiel. Es waren und sind diese wunderbaren Melodien, die hier fast niemand kennt. Und wir haben angefangen, zu spielen und etwas Neues daraus gemacht.

Wer hat sich die Geschichte mit der „Butterfahrt“ einfallen lassen? Am Ende hat die tatsächlich stattgefunden?! In Interviews wird die Anekdote ja auch gerne erzählt...
Salzmann: Die Butterfahrt hat natürlich tatsächlich stattgefunden, organisiert wurde sie allerdings von einem Freund der Hamburger Band Bazooka Cain. Ich war als Gast dabei und traf Anna auf einem Fährschiff und sie sang „Satumaa“ (Märchenland) für mich. Was soll ich sagen: Anna ging von Bord, der finnische Tango blieb. (lacht)

In Ihren Infos ist von „wunderbarer Melancholie“ und „Herzschmerz“ die Rede und es fehlt natürlich auch nicht das berühmte Kaurismäki-Zitat vom Tango als dem „Blues der Finnen“...
Salzmann: Ja, Kaurismäki taucht natürlich nicht umsonst auf, da er ja auch mit seiner eigenwilligen Art und wirklich europäischen Filmen immer wieder finnischen Tango als Filmmusik kolportierte und somit auch den finnischen Tango zu uns nach Deutschland brachte. Diese bittersüße Melancholie hat ja damit zu tun, dass das Leben nicht immer schön ist, sondern auch manchmal traurig. Diese Traurigkeit durch die Musik loslassen zu können, ist ja auch das Schöne an Musik.

Sie hatten sich erstmal „Klassiker“ des Genres für eine eigene Interpretation ausgesucht, auch auf der neuen CD gibt es „nur“ Fremdkompositionen. Haben Sie noch nie daran gedacht, eigenes Material zu schreiben?
Debelius: Ja, der finnische Tango hat uns lange Jahre nicht mehr losgelassen. Aber im ersten Lockdown haben wir etliche neue Songs geschrieben (wahrscheinlich wie so viele) und die werden wir auf unserem neu gegründeten Label „Pelargonia Records“ veröffentlichen. Wir sind auch schon dabei, im Home-Studio aufzunehmen und schicken uns Tracks zu, so gut das geht im erneuten Lockdown.

Was macht den Reiz der finnischen Sprache aus?
Salzmann: Gesungen wunderschön. Gesprochen fast genauso, aber sehr schwer zu lernen. (lacht) Aber in unserer überinformierten digitalen Welt etwas nicht zu verstehen, kann auch Raum geben für Sehnsucht und zum Träumen.

Wie kam es zu Ihrem spezifischen Stilmix? Welche anderen Musiken boten sich, unabhängig von der geographischen Herkunft, für Sie an? Klezmer? Musik vom Balkan?
Salzmann: Der finnischen Tradition folgend, versuchen wir ja immer, etwas Neues und Eigenes aus den finnischen Tangos zu machen. Das heißt, wir wollen im Grunde gar nicht genau nachspielen, sondern eine eigene Qualität erreichen. Da folgen wir sehr stark der Musik, weniger dem Text. Wir arrangieren auch meistens sehr schnell und versuchen, uns da nicht ewig den Kopf zu zerbrechen und irgendwelche Stile reinzubringen, sondern dem zu folgen, was uns zur Musik einfällt und was wir und andere Musiker:innen mitbringen.
Debelius: So kam unser Sänger und Geiger Tobi auch bei „Vaaralliset huulet“ (Gefährliche Lippen) ganz urplötzlich auf die Idee, in einem besonders romantischen Part zu schreien. So ist dann der wohl erste Schreitango entstanden.

Dazu gibt es diesmal einen Original Rocco-Granata-Song (den könnte auch Götz Alsmann vortragen) und noch einen zweiten Italiener…
Debelius: Zu den zwei italienischen Tangos kam es dadurch, dass die Finnen natürlich auch bekannte Tangos aus Italien ins Finnische übersetzt haben. Und gegen Götz Alsmann ist nichts einzuwenden, der macht ja auch feine Musik.
Salzmann: Schnittstelle sind da die 50er-Jahre, aus denen viele italienische Tangos stammen. Allerdings haben wir auch unwissend eine neue Werksnummer beim Verlag geschaffen, weil wir „Hopeinen kuu“ („Guarda che luna“) auf Finnisch und Italienisch eingespielt haben, was es so noch nicht gab. Das Rocco Granata-Stück „Tango D`Amore“ haben wir schon lange auf Finnisch im Programm – eine tolle Tanznummer – und stellten erst später fest, dass es von ihm stammt. Rocco Granata hat übrigens als Letzter unsere Platte abgesegnet, ist mittlerweile 81 und lebt in Belgien als Kind italienischer Einwanderer.

Zuletzt haben Sie den Deutschen Rock und Pop Preis für das „Beste Weltmusikalbum 2020“ gewonnen. Vor Jahren gab es auch schon den Creole Weltmusikpreis. Wie wichtig war der für Sie, auch wenn das schon einige Jahre zurückliegt?
Debelius: Ein schöner Preis und ein toller Abend für uns alle als Musiker:innen.
Salzmann: … auch mit so viel verschiedener spannender Musik und tollen Musiker:innen. Für uns war das eine wichtige Anerkennung als Musiker:innen, weil man merkt, dass das, was wir mit Freude und Leidenschaft machen, auch bei dem Publikum und der Jury ankommt. Also eine schöne Rückmeldung, auch weil der Hessische Rundfunk das so gut begleitet hat.

Es gibt dieses Zitat aus der Frankfurter Rundschau: Da stand geschrieben „Musik, die da weitergeht, wo Russendisko und Balkanbeat an ihre Grenzen stoßen“. Deckt sich das mit Ihren Ansprüchen. Also Witz und Entertainment ja, aber auf musikalisch hohem Niveau?
Salzmann: Ja, das stimmt schon. Unterhaltung, Humor und musikalische Qualität schließt sich ja nicht aus. Das ist, glaube ich, das Schöne, dass man auf unseren Konzerten so viele verschiedene Gefühlsstimmungen erleben kann und auch einfach mal laut lachen darf und im nächsten Moment ins Träumen gerät.
Debelius: Tango ist ja auch eine Musik, in der man melancholisch sein und seine Gefühle loslassen kann. Wir haben auch mit Bändi wohl unseren eigenen Weg gefunden, den finnischen Tango zu spielen und das ist eben echt.

Sie haben sich lange Zeit gelassen zwischen den beiden CDs – wie kam es dazu?
Salzmann: Wir wollten mit vielen anderen Musiker:innen, die wir mögen, das Album einspielen und die Stücke bekamen immer mehr Farbe und Ideen, bis wir ins Studio gingen. Martin Lejeune ist ja schon mehrere Jahre Bandmitglied und verzaubert mit der Pedal-Steel-Guitar und Sounds den Tango. Andrea Emeritzy von Hotel Ost mit ihren schönen Soli an der Klezmer-Klarinette, Rozemariken Scheffers (Holland) an der Leier, Percussion von Al Zanabili aus Mannheim und unser Bassist Johannes Kramer wechselte ans Cello. Dafür spielte André Berthold aus Mainz in den meisten Stücken den Kontrabass und es gibt ein Duett mit der Opern- und Musicalsängerin Karina Schwarz, die auch an der Oper Frankfurt arbeitet. Also ganz viele Menschen und Farben neben den eigentlichen Gründungsmitgliedern der Band – Tobias Frisch (Geige und Gesang), Volker Denkel (Western-Gitarre), Kristina (Gesang, Akkordeon, Stagepiano) und mir am Schlagzeug.

„Satumaa“ und „Unikuva“ – was sollen die Titel Ihrer CDs signalisieren?
Debelius: „Satumaa“ ist der finnische Tango und heißt „Märchenland“ und „Unikuva“ heißt „Der Traum“. So sind wir auch unsere neue CD angegangen. Im Traum ist alles möglich.

Wie sind Sie bis jetzt durch die Pandemie gekommen, wo hat sie Sie ausgebremst, zumal Sie ja mit einer neuen Platte am Start sind? Das Release-Konzert in der Fabrik konnten Sie ja noch spielen, der Folgeauftritt jetzt muss ausfallen...
Salzmann: Kunst und Kultur ist wohl nicht systemrelevant. Das ist sehr traurig und hat bei uns etliche Konzerte ausfallen lassen. Gerade wurde wieder ein Konzert in der Fabrik von Januar auf April verschoben. Aber der Verkauf der CD läuft gut und wir freuen uns, wieder (wohl im Sommer in Gärten) draußen spielen zu dürfen.

Sie wollten ja unbedingt Fotos im Senckenberg Museum machen, aber auch das musste wieder schließen. Was ist besonders interessant und reizvoll an diesem Ort?
Salzmann: Dieses schöne Diorama mit den Elchen beim Strandspaziergang. Das mochte ich schon bei Schulausflügen. Da wollte ich schon immer gern mal ein Foto machen.

Wie oft haben Sie Ihre Musik schon vor Finnen gespielt?
Salzmann: Eigentlich schon immer. Gleich am Anfang waren schon Finnen im Publikum. Finnische Freunde haben uns begleitet und geholfen. SiSu Radio von Radio X hat uns früh unterstützt, auch die Deutsch-Finnische Gesellschaft und sogar die Finnische Botschaft. Bei der Buchmesse 2015 haben wir mit finnischen Dichtern gespielt. Die lustigste Geschichte ist uns wohl auf einem Messeauftritt passiert: Da waren drei finnische Geschäftsmänner, die hatten schon etwas getankt und haben so lauthals alle Lieder mitgesungen auf dem Konzert, dass wir uns selbst nicht mehr gehört haben und unterbrechen mussten. Ich glaube, den meisten Finnen gefällt, was wir machen, weil es für sie neu und vertraut gleichzeitig ist.
 
21. Januar 2021, 19.49 Uhr
Detlef Kinsler
 
Detlef Kinsler
Weil sein Hobby schon früh zum Beruf wurde, ist Fotografieren eine weitere Leidenschaft des Journal-Frankfurt-Musikredakteurs, der außerdem regelmäßig über Frauenfußball schreibt. – Mehr von Detlef Kinsler >>
 
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