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Schauspielintendant Oliver Reese vor dem Abflug:
 

Schauspielintendant Oliver Reese vor dem Abflug:

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"Was Frankfurt braucht, sind Politiker mit Vision"

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Nach acht Jahren geht in dieser Woche die äußerst erfolgreiche Zeit von Oliver Reese als Intendant des Schauspiel Frankfurt zu Ende. Die Lokalpolitik probt derweil ein Stück, um einen teuren Theaterbau. Zu Reeses Verdruss.
Egal, ob die maroden Bühnengebäude am Willy-Brandt-Platz nun abgerissen und neugebaut oder schlicht ertüchtigt werden: Teuer wird es auf jeden Fall. Zumindest, wenn es nach einem Gutachten geht, das der Öffentlichkeit im Chagall-Saal des Schauspielhauses. "Eine Bombe" werde da hochgehen, meinte dessen Intendant Oliver Reese noch kurz vor der Medienkonferenz. Letztlich blieb von den hunderten Aktenordnern der Studie vor allem dies: 850 Millionen Euro!

Exakt zwei Wochen später, der gleiche Ort, das Journal Frankfurt hat zu einem kleinen Empfang geladen. Oliver Reese liegt das Theater im Blut und so spricht er am Montagabend auch zunächst über das Stück, in dem er Regie führt und das gleich zu sehen sein wird: Der nackte Wahnsinn. Der Intendant spricht leidenschaftlich über die gut dreistündige Inszenierung, man merkt ihm an, woran sein Herz hängt. Ob jetzt am Main, wo im Schauspiel und an der Weseler Werft gerade die Abschiedsfestspiele laufen oder an der Spree, wo Reese und einige seiner Mitstreiter demnächst das Berliner Ensemble aufmischen werden.

900 Millionen Euro, manche, so Reese in seiner Rede, sprächen da gleich von über einer Milliarde. "Dabei liegen die realen Baukosten laut dem Gutachten bei 600 Millionen Euro." Alles andere sei ein politischer Preis, in dem mögliche Kostensteigerungen und bauliche Überraschungen schon eingepreist seien. Dass die Führungsspitze der Städtischen Bühnen mit überzogenen Forderungen an ein neues Theater (oder ein runderneuertes bestehendes) die Kosten in die Höhe getrieben habe, weist Reese zurück: "Wir haben versucht als Theater das Gutachten so gut es geht zu begleiten und Hilfe für seine Erstellung zu leisten." Nun sei es Sache der Politik. "Und Frankfurt braucht Politiker mit Vision." Stattdessen habe die Stadt mit Peter Feldmann (SPD) einen Oberbürgermeister, der am Tag nach der Vorstellung des Gutachtens von Infrastruktur-Fantastereien redete. Habe die Stadt mit Jan Schneider (CDU) einen Baudezernenten, der noch auf dem Podium der Pressekonferenz der Kulturdezernentin in den Rücken falle – bloß weil diese in einer anderen Partei sei. "Ich weiß nur eines: Petra Roth hätte dieses Projekt sicher anders angepackt."

Die politische Situation ist in der Tat einigermaßen verworren. Klar ist nur: Binnen fünf Jahren muss eine Lösung für die Theater-Doppelanlage im Schauspiel Frankfurt gefunden werden – nicht nur weil das Gebäude marode ist, sondern auch aus Brandschutzgründen. Gegen eine Sanierung im Bestand hat sich die Lokalpolitik schon mehr oder weniger entschieden. Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) hat sich dafür ausgesprochen, Schauspiel und Oper an seinem Ort am Willy-Brandt-Platz zu erhalten.

Ein Übergangsquartier während des Abrisses und Neubaus der Bühnen hat sie auch schon im Auge: Das Bockenheimer Depot, das durch eine Erweiterung zumindest das Schauspiel beherbergen könnte (für die Oper müsste ein anderes Übergangsquartier gefunden werden). Das hätte den Charme, dass dies zugleich eine Wiederbelebung des Kulturcampus' wäre – die Gebäude könnten später vom Frankfurt Lab und anderen Einrichtungen, die derzeit noch mehr oder weniger in der Peripherie wirken, übernommen werden. Die Umsiedlung der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst ist ohnehin schon beschlossen – auch damit wird es aber erst in der kommenden Dekade ernst. In der CDU wird immer noch ein anderer Standort diskutiert – etwa im alten Polizeipräsidium, das dem Land Hessen gehört. So könnte direkt neu gebaut werden, während die Bühnen noch im alten Haus bleiben. So würde sich die Stadt den Neubau von Übergangsquartieren sparen und könnte zudem das Filetgrundstück im Finanzdistrikt meistbietend verkaufen. Auch steht der Vorschlag im Raume, die Wünsche der Intendanten der beiden Bühnen was die zukünftigen Räume und Lagerstätten angeht, schlicht abschlägig zu bescheiden.

Womit wir wieder bei Oliver Reese wären. Der meint schlicht nüchtern: "Welche Wirkung ein emblematisches Gebäude wie die Elbphilharmonie für eine Stadt entfalten kann, lässt sich ja gerade in Hamburg besichtigen." Und weiter: „Ich glaube, dass ein Neubau eine unglaubliche Chance wäre, in Frankfurt etwas zu denken, was noch nirgendwo gedacht wurde.“ Am Sonntag geht sein Flieger. Abflug aus Frankfurt. Die Debatte um das Schauspiel Frankfurt wird er aus der Ferne beobachten können. Dass der Vorhang rasch fällt, ist nicht zu erwarten. Nur die Tage der gläsernen Fassade am früheren Theaterplatz scheinen gezählt.
20. Juni 2017
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, insgesamt 14 Jahre beim Journal Frankfurt, von 2010 bis Juni 2018 als Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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Leser-Kommentare

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Thomas Bäppler-Wolf am 20.6.2017, 16:04 Uhr:
Der liebe Herr Reese kann ja ganz beruhigt Kommentare abgeben. Im Gegensatz zu seinem Nachfolger, der sich im Vorfeld sehr diplomatisch zurückgehalten hat, was die Machbarkeitstudie betrifft, tritt Herr Reese nicht nur den Weg nach Berlin an, sondern tritt auch noch schön nach. Wenn ihm doch die Frankfurter Bühnen so am Herzen liegen, warum hat er sie dann verlassen? Um dem drohenden Ungemach des Umbaus zu entgehen? Oder weil die monetäre Verlockung in Berlin dann doch größer war, als sein Gehalt in Frankfurt, welches übrigens über dem von Petra Roth lag, die seiner Meinung nach das Ganze besser angepackt hätte. Falls Herr Reese keine Ahnung von Politik hat, dann hier eine kleine Erläuterung:
Der OB einer Stadt kann nicht wie ein Intendant absolutistisch herrschen. Da ist ein Magistrat und dann auch noch die Entscheider, die Stadtverordnetenversammlung.
Auch Petra Roth hätte es nicht anders entscheiden können.
Herr Reese ist Vergangenheit. Die Zukunft der Bühnen liegt nun vor uns.
Es wird eine Phase für die Stadt, die viele Diskussionen auslösen wird. Wir brauchen ein Theater wie das unsere. Wir wollen schließlich auch weiterhin zu den Besten gehören, was Kultur betrifft. Und das bekommt man nicht, indem man sich Kulturhauptstadt nennt. Wir müssen unsere Kultur und die Diskussion darüber erst einmal in den Griff bekommen. Dann erst, wenn das alles zu Ende ist, dann kann man sich Kulturhauptstadt nennen. Mag sein, dass man Frankfurt Arroganz und Überheblichkeit vorwirft. Schön, dass Berlin bald etwas davon hat.
 
 
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