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Foto: Yasmil Raymond © Valentina Knežević
Foto: Yasmil Raymond © Valentina Knežević

Rücktritt Yasmil Raymond

Städelschulrektorin äußert sich erstmalig im Interview

Die Städelschulleiterin Yasmil Raymond äußert sich zum ersten Mal nach ihrem Rücktritt im Interview mit dem JOURNAL FRANKFURT.
JOURNAL FRANKFURT: Frau Raymond, Sie haben Ihren Rücktritt angekündigt mit der Begründung, dass Sie sich wieder mehr Ihrer kuratorischen Tätigkeit widmen wollen. Ist das der einzige Grund?
Yasmil Raymond: Bis 2020 habe ich ausschließlich als Kuratorin gearbeitet, Ausstellungen mit lebenden Künstlern organisiert und strategische Ankäufe für wichtige Sammlungen zeitgenössischer Kunst getätigt. Wie Sie wahrscheinlich bemerkt haben, habe ich nur ein einziges Mal die Leitung einer Ausstellung im Portikus übernommen, weil ich die Ausstellungen den Kuratoren überlassen habe.

Wie haben Sie Ihre Aufgabe verstanden?
Meine Absicht war es, die Städelschule und den Portikus zu leiten und nicht, sie zu revolutionieren. In den letzten vier Jahren bestand meine Aufgabe in erster Linie darin, eine Vision zu entwickeln und ein komplexes System von Beziehungen und Interessen zwischen Studierenden, Lehrkräften und Mitarbeitern zu managen und gegenüber allen Mitgliedern der Gemeinschaft Verantwortung zu übernehmen, die sowohl die Städelschule als auch den Portikus umfasst, sowie gegenüber der Öffentlichkeit, die unsere öffentlichen Vorlesungen besucht, die Bibliothek nutzt, die Ausstellungen im Portikus besucht und jedes Jahr den Rundgang und die Absolventenausstellung genießt. Ich habe diese Verantwortung übernommen, wohl wissend um die Rolle und die Hektik der bürokratischen und administrativen Aufgaben, die mit der Leitung einhergehen.

„Ausstellungen zu machen, ist kein Nebenjob“

Und nun? Was ist der Grund für Ihren Rücktritt?
Letztes Jahr hatte ich dann das große Privileg, zusammen mit Ruba Katrib im MoMA PS1 eine Retrospektive über Rirkrit Tiravanijas Werk zu kuratieren. Die Ausstellung wurde gerade in New York beendet und wird Ende Mai in der LUMA Foundation in Arles, Frankreich, gezeigt. Eine zweite Ausstellung, die ich gemeinsam mit Jenny Schlenzka und Christopher Wierling kuratiere und die sich auf Werke konzentriert, die Tiravanija in Deutschland geschaffen hat, wird im September im Gropius Bau in Berlin eröffnet.

Ausstellungen zu machen, ist kein Nebenjob, es erfordert Zeit, Energie und Aufmerksamkeit. Ich habe mehrere Jahre damit verbracht, Tiravanijas Werk zu recherchieren, bevor ich nach Frankfurt kam, und es hat mir großen Spaß gemacht, wieder mit Kuratoren zu arbeiten. Museen sind mein natürlicher Lebensraum, ich habe 20 Jahre lang in Museen gearbeitet. Ich glaube fest an die diskursive Rolle von Ausstellungen und an Museen als Plattformen für einen anregenden intellektuellen Austausch, als fruchtbare Spielplätze der Möglichkeiten. Der Hauptgrund für meinen Rücktritt vom Amt der Rektorin ist also, dass ich mich wieder dem Kuratieren widmen möchte.

Laut einem Bericht in der FAZ ist aus der Städelschule zu hören, dass Sie es abgelehnt haben, eine Gaza-Solidaritätsbekundung der Studierenden im Namen der Städelschule mitzutragen. Ist das richtig?
Ich habe gegenüber jungen Künstler*innen immer betont, wie wichtig es ist, dass sie ihre Weltsicht erweitern, indem sie etablierte Meinungen hinterfragen, sich vor Dogmen in der Kunst hüten und ihre Atelierpraxis als einen Ort der Wissensproduktion schätzen. Kunst in Zeiten des Krieges zu machen, ist eines der schwierigsten ethischen Dilemmas für eine*n Künstler*in.

Was ist das Außergewöhnliche an Goyas alptraumhaften Szenen?
Goyas grausame Darstellungen der Schlachtfelder und der Hungersnot in Spanien waren das Ergebnis persönlicher Beobachtungen. Das Außergewöhnliche an Goyas alptraumhaften Szenen ist, dass er nicht nur den Tod von Opfern, sondern auch von Tätern darstellte. In der Kunstgeschichte gibt es viele Fälle von Künstlern, die sich mit großer Empathie und Menschlichkeit mit dem Thema Krieg auseinandergesetzt haben: von Nancy Spero bis Leon Golub, von Thomas Hirschhorn bis Marlene Dumas. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nicht in die Fallen von Propaganda oder der Fetischisierung von Gewalt getappt sind. Die jungen Künstler*innen der Städelschule können sich glücklich schätzen, dass sie in Museen in der Nähe oder ein paar Zugstunden entfernt entsprechende Beispiele studieren können.

Stimmt es denn, dass die Solidaritätsaktion von männlichen Professoren unterstützt worden ist, deren propalästinensische Haltung Sie nicht teilen?
Generell: In allererster Linie sind wir eine Kunsthochschule und natürlich ist Kunst politisch oder kann auch politisch sein und Haltungen vertreten. Aber auch hier gibt es innerhalb der Institution Grenzen. Unsere Fakultät agiert professionell. Wenn Professor*innen eine öffentliche Verlautbarung unterstützen wollen, sprechen sie sich mit dem Rektorat ab.

„Mein Weg in die Führungsetage war eher zufällig“

Sie haben außerdem beklagt, dass Sie sich als Frau in Ihrer Rolle als Rektorin von diesen Professoren nicht respektiert fühlen. Wie lange tragen Sie dieses Gefühl schon mit sich herum?
Dies hat ein Journalist geschrieben, ohne mit mir kommuniziert zu haben. Ich habe die Städelschule als einen Ort des Respektes, Diskurses und der fruchtbaren Auseinandersetzung erlebt. Als Rektorin trifft man Entscheidungen nicht allein, sondern im Konsens, nachdem man Ideen und Visionen eingebracht hat. Ich bin stolz darauf, gemeinsam mit meinem Team viel erreicht zu haben.

Haben Sie dazu das Gespräch mit dem Kulturdezernat gesucht?
Ich tausche mich regelmäßig mit dem Kulturdezernat und auch dem Ministerium aus.

Sie haben in der Städelschule erfolgreich gewirkt, auch die Ausstellungen im Portikus sind vielbeachtet worden, dessen Programm Sie entwickelt haben. Warum war es nicht möglich, dass Sie weitermachen?
Mein Weg in die Führungsetage war eher zufällig. Ich habe es genossen, ein starker und lautstarker Verfechter der Agenda der Städelschule, der Initiativen und der wichtigen Rolle zu sein, die der Portikus im Kulturbereich der Stadt Frankfurt spielt. Ich kann mit Stolz bestätigen, dass wir alle Meilensteine des langfristigen Plans vorzeitig erreicht haben, so dass die Zeit reif ist für eine neue Rektorin, die das Amt übernimmt und eine neue Vision entwirft, die sie dem Land Hessen für den neuen Hochschulpakt im Jahr 2025 vorlegen kann.
 
25. März 2024, 14.20 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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