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Die Zeit ist vorbei

Speeddating war vor ein paar Jahren mal ein großer Hype in den Metropolen dieser Welt, rübergeschwappt über den großen Teich. "Als Urheber gilt Rabbi Yaacov Deyo von der orthodoxen jüdischen Organisation Aish HaTorah, der eine Kontaktplattform für in größeren Regionen verstreut lebende Juden schaffen wollte, um die Zahl rein jüdischer Ehepaare zu erhöhen", heißt es bei Wikipedia. Eigentlich ist die Ära des Speeddatens schon wieder vorbei. Zeit für was Neues: einen Multi-Speed-Dialog. Was das nun wieder ist? Wusste ich auch nicht so genau, als ich gestern Abend in den Frankfurter Kunstverein zu eben einem solchen ging.
Speed

Daniela Cappelluti erklärt die Regeln: wir 16 Diskutanten setzen uns auf die Bänke im Kunstverein, aus dem Kreis der Gäste werden wiederum 16 Mitdiskutaten auserwählt, die sich uns gegenüber sitzen. Vor ihnen liegt ein kleiner Steckbrief, den wir vorher ausgefüllt haben. Zwei Minuten darf dann geredet werden - über Gott und die Welt. Dann werden die Plätze gewechselt. Hört sich easy an. War aber ganz schön anstrengend. Fing schon damit an, dass die Tische im Kunstverein über einen Meter breit sind. Das heißt, dass sich 32 Leute zwei Minuten lang mehr oder weniger anbrüllen. Oder sich über den Tisch beugen, was bestimmt für die Außenstehenden sehr lustig ausgesehen hat. Und: es hat trotzdem Spaß gemacht. Nach zwei Pausen, zwei Runden und sechs eingelösten Getränkegutscheinen habe ich keine genauen Erinnerungen mehr an die Personen, mit denen ich sprach. Nur bruchstückhaftes. Über Multi-Kulti, darum ging's ja eigentlich (Nazi-Demo auf dem Römerberg et cetera), habe ich allerdings kaum geredet. Das Problem beim Speed-Dialog ist nämlich, dass man die ersten beiden Minuten schon mit der Vorstellung verbraucht. Dann ist die Zeit vorbei.

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Daniela Cappeluti gibt den Startschuss

Gibt natürlich auch Gegenbeispiele. Zum Beispiel der eine ältere Herr: "So, Sie haben in Frankreich studiert, wissen Sie, ich bin ja der Auffassung, dass wenn die Franzosen im Zweiten Weltkrieg der Wehrmacht auch nur zwei, drei Wochen widerstanden hätten, dann hätten sich Hitlers Pläne in Luft aufgelöst, insbesondere Russlandfeldzug. Was meinen Sie?" Tja, ich war so überrascht, dass ich ein wenig über die Maginot-Linie gefaselt habe und ob dass denn so viel gebracht hätte, da kam schon die nächste Frage: "Okay, nächste Frage, können Sie mir als Journalist erklären, warum immer mehr Zeitungen auf den Straßen rumliegen? Das nimmt ja regelrecht überhand!" Ich sage ihm, dass das nicht am JOURNAL liegen kann, wir kosten ja Geld und wer wirft sowas weg, die Gratiszeitungen hingegen, die irgendwelche Teenies nachlässig austeilen oder ihren mit Papier gefüllten Einkaufswagen gleich in den Main kippen, um die Kohle zu kassieren. Und dann gratuliere ich ihm noch zur unerwartetsten Überleitung in einem Gespräch, von der Maginot-Linie zu Papiermüll in einem Satz. "Na, wir haben ja auch keine Zeit, nicht wahr?" Da hat er nicht unrecht. Er setzt sich einen Platz weiter zur Künstlerin Anja Czioska, die ne ziemlich coole Brille aufhat, dadurch aber ziemlich streng guckt, als ich mit ihrem DVD-Camcorder ungefragt ein paar Aufnahmen des Geschehens mache.

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Cohn-Bendit diskutiert

Nach dem zehnten Gesprächspartner sagt Mengi Zeleke neben mir: "Ich bin fertig, Alter!" Da fällt mir auf: ich auch. Meine Stimme wird heiser, meine Konzentration lässt nach. Reden ist ja sooo anstrengend. Dazu kommt, dass meine Aufnahmefähigkeit begrenzt ist. Schließlich redet man ja nicht nur. Man schaut alle zwei Minuten einem anderen, bislang unbekannten Menschen an. Naja, meist, ein paar kannte ich auch schon, was ganz angenehm war. Manche musste ich erst wiedererkennen, wie die einstige Asta-Vorsitzende, die jetzt eine Brille hat. Manche konnten mir gerade nur sagen, was sie so machen, wo sie so wohnen, dann war die Zeit schon um, mit einer redete ich über die Unterschätztheit von Hannover und Frankfurt, mit einem über die Gründe, warum Frankfurter Offenbacher nicht leiden können. Wie schaffen es eigentlich Spitzenpolitiker soviel so laut zu reden am Tag? Ah, Tarek Al-Wazir und Dany Cohn-Bendit sparen sich die zweite Runde - so ist das also ...

Das Wort Nazis ist bei all diesen Gesprächen nicht gefallen. Das Wort Koch nur ein paar Mal. Das nächste Mal würde ich mir mehr Kontroverse wünschen. Liebe Grüne, ladet doch beim nächsten Speeddating ein paar CDU-Leute ein. Mit denen könnt Ihr doch so gut. Und: kleinere Tische bitte.

Fotos: Manuel Stock
 
20. Januar 2008, 20.33 Uhr
Nils Bremer
 
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