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Interview mit einer Grundschullehrerin
 

Interview mit einer Grundschullehrerin

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Das Schwimmflügel-Problem

Foto: Pixabay
Foto: Pixabay
Seit Februar kommen Kinder unter 15 Jahren in Frankfurt kostenlos ins Schwimmbad. Das hilft zwar finanziell, löst aber ein grundlegendes Problem nicht: Immer weniger Kinder können schwimmen. Wir haben darüber mit Verena Borde, Grundschullehrerin im Europaviertel, gesprochen.
JOURNAL FRANKFURT: Frau Borde, wie haben Sie als Kind schwimmen gelernt?

Verena Borde: Ich komme vom ländlichen Raum, östlich von Frankfurt. Ich habe es in einem Schwimmkurs gelernt, Schwimmunterricht hatten wir in der Schule damals nicht.

Jetzt sind Sie selbst Lehrerin an einer Grundschule. Findet dort Schwimmunterricht statt? Und wenn ja: Wie läuft dieser ab?

In der Grundschule findet Schwimmunterricht üblicherweise in der dritten Klasse statt. Dabei wird der Sport- durch den Schwimmunterricht ersetzt. Einmal die Woche fährt man dann für drei Schulstunden mit seiner Klasse zu einem nahgelegenen Schwimmbad. In unserem Fall sind das etwa fünfzehn Bus-Minuten. Zeit, die natürlich dann im Unterricht fehlt. Vorab wird geschaut, mit welchen Fähigkeiten die Kinder in diesen Unterricht gehen. Dementsprechend werden sie in Gruppen eingeteilt.

Wie wird mit dem Teil der Klasse umgegangen, der noch nicht schwimmen kann?

Wenn die Kinder nicht schwimmen können, gibt es eine Lehrkraft, die dies innerhalb des Unterrichts übernimmt. Gestartet wird dann mit Wassergewöhnung, ersten Bein- und Armbewegungen. Häufig ist es aber auch so, dass die Kinder, die dann noch nicht schwimmen können, noch nie in einem Schwimmbad waren. Die gehen nicht direkt fröhlich ins Wasser, sondern sehr vorsichtig oder haben sogar Angst vor Wasser. Dann muss man erstmal mit Wasserbewältigung anfangen und kleinen Spielen, bis man dann die Basics, die man an Land erprobt, auch im Wasser üben kann.

Ab wann dürfen Sportlehrerinnen und -lehrer Schwimmunterricht geben? Welche Voraussetzungen gibt es dafür?

Sportlehrerinnen und -lehrer müssen in der Uni die Befähigung dazu erlangen. Dafür muss man über ein Semester ein Seminar besuchen und dies mit einer praktischen Schwimmprüfung abschließen. Außerdem muss man bei der DLRG das Rettungsschwimmabzeichen Bronze machen, damit die Rettungsfähigkeit gewährleistet ist. Dieser Schein muss zur Meldung des 1. Staatsexamen vorliegen und dann alle fünf Jahre aufgefrischt werden.

Die DLRG fordert eine bessere Ausbildung für Schwimmlehrerinnen und -lehrer. Wie werden angehende Lehrkräfte auf den Schwimm-Unterricht vorbereitet?

Je nach Schulform ganz unterschiedlich und auch von Uni zu Uni und noch enger gefasst wahrscheinlich auch von Dozent zu Dozent. In Gießen wurden Grundschullehrerinnen und -lehrer sehr gut vorbereitet: Es wurde ganz praxisnah begonnen und Möglichkeiten aufgezeigt, wie man Kindern von Beginn an kleinschrittig über die Wassergewöhnung bis hin zum Schwimmenlernen führen kann. Gleichzeitig wurde auch gelehrt, wie andere Kinder, die bereits Schwimmerfahrungen mitbringen, weiter gefordert und gefördert werden können, um ihre Schwimmfertigkeiten auszubauen. Neben dem praktischen Anteil gab es immer auch einen theoretischen Input.

Sie sind Sportlehrerin einer zweiten Klasse, nächstes Jahr geht es dann also in den Schwimmunterricht. Gibt es schon erste „Prognosen“ wie viele Kinder der Klasse schwimmen können?

Nach ersten Aussagen können ungefähr zwei Drittel der 22 Kinder schwimmen. Wir fragen da natürlich die Eltern, die wirklichen Fähigkeiten sieht man aber erst, wenn man im Schwimmbad ist. Im Zweifel müssen wir vorschwimmen lassen, um sie entsprechend einzuteilen. Im Jahrgang darunter, also in der ersten Klasse, kann etwa die Hälfte schwimmen – das sind schon deutlich weniger Kinder. Generell ist es ganz unterschiedlich, wie viele Kinder schwimmen können und wie viele nicht. Das differenziert sicherlich auch von Schule zu Schule und Standort zu Standort.

Welche Auswirkungen hat es auf den Unterricht, wenn wenige der Kinder schwimmen können?

Zunächst muss man zwei Lehrkräfte entbehren können, die sich um eine Klasse kümmern. Natürlich ist es unser Job, den Kindern entsprechend ihres aktuellen Leistungsstands Schwimmunterricht zu erteilen. Ungeachtet dessen splittet es aber die Klasse, wenn getrennt unterrichtet wird. Gerade aus der Perspektive der Nicht-Schwimmer ist es besonders schwierig: Sie stehen im direkten Vergleich zu ihren Mitschülerinnen und Mitschülern und werden intensiver betreut, was die Frustration und eventuell auch den Konkurrenz-Gedanken durchaus erhöhen kann.

Was wäre wünschenswert?

Natürlich fände ich es als Sportlehrerin wünschenswert, wenn zum Start des Unterrichts alle Kinder schwimmen könnten. Denn dann sind viel mehr Dinge möglich, die auch viel mehr Spaß machen: Man kann ins Springerbecken gehen, tauchen üben, den Unterricht ganz anders und vor allem einheitlich aufbauen – das stärkt die Gruppendynamik und den Zusammenhalt.

Wie könnte man das erreichen?

Eine Kooperation von Schwimmvereinen und Grundschulen wäre ein guter Weg. Eine Art Initiative, die sich für das Schwimmen-Lernen der Kinder einsetzt und so beispielsweise am frühen Nachmittag Kurse veranstaltet, die in unmittelbarem Anschluss an den Unterricht stattfinden. So würden Kinder das Angebot erhalten, schwimmen zu lernen, bevor der eigentliche Unterricht losgeht. Und das am besten so früh wie möglich: Denn Schwimmfähigkeit ist wichtig und die Kinder profitieren davon, gerade wenn sie jetzt kostenlos in die Bäder der Stadt gehen dürfen.

Was halten Sie persönlich von der Aktion der Stadt?

Es ist ein gutes Angebot, ein guter Start – gerade auch für Familien, die sich einen Schwimmbadbesuch nicht einfach so leisten können. Doch Schwimmkurse ersetzt es nicht und allein durch den Zugang lernen Kinder schwimmen sicherlich nicht.

Dieses Interview ist Teil des Kinder-Aufmachers im aktuellen JOURNAL FRANKFURT (06/2019). Neben der Perspektive der Lehrkräfte spricht dort auch die Schwimmgemeinschaft Frankfurt (SGF) über die Problematik.
 
28. Mai 2019, 09.04 Uhr
Sina Eichhorn
 
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