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Foto: Bernd Kammerer
Foto: Bernd Kammerer

5 Fragen an Oliver Strank

„Das Bahnhofsviertel macht Frankfurt erst zur Metropole“

Problemstadtteil oder Szeneviertel? Das Bahnhofsviertel polarisiert. Im Gespräch erklärt Oliver Strank, Ortsvorsteher des Viertels, wie er die Entwicklungen der vergangenen Jahre beurteilt und warum der Frankfurter Weg in der Drogenpolitik der richtige ist.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Strank, wie bewerten Sie die Entwicklung des Bahnhofsviertels in den vergangenen Jahren?

Oliver Strank: Das Bahnhofsviertel hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren insgesamt sehr positiv entwickelt. Es wurde durch stadtplanerische Weichenstellungen zum Teil massiv aufgewertet. Es ist inzwischen hip ohne Ende und weltberühmt. Ich habe mit New Yorkern gesprochen, die sagen: Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist jetzt „the place to be“. Aber wie in New York, ziehen auch hier die Investoren immer den Künstlern und der Szene hinterher. Und seitdem auch Investoren das große Potenzial des Bahnhofsviertels entdeckt haben, werden hier Mieten verlangt und gezahlt wie im Westend. Das Viertel droht zu kippen und hat nun eher mit dem Problem der Mieterverdrängung zu kämpfen. Wir müssen höllisch aufpassen, dass das Viertel nicht kippt. Deshalb bin ich froh, dass wir verhindern konnten, dass das Bahnhofsviertel zum Baugebiet des sogenannten "urbanen Viertels" erklärt wird, weil dann die Mieten weiter angestiegen wären und die kulturelle Vielfalt von einer reinen Schickeria erstickt worden wäre. Dabei bleiben Sicherheit und Sauberkeit natürlich weiterhin Dauerbrenner.

Robert Urseanu, Betreiber des Manhattan Hotels, hat der Stadt Frankfurt und dem Justizministerium kürzlich eine zu laxe Drogenpolitik vorgeworfen. Stimmen Sie dem zu?

Herr Urseanu hat völlig Recht, wenn er fordert, dass härter gegen Drogendealer durchgegriffen werden muss. Ich widerspreche ihm aber genauso deutlich, wenn er sagt, wir müssten weg vom Frankfurter Weg in der Drogenpolitik. Leider wird häufig verkannt, dass dieser Weg nicht bloß Prävention, sondern auch Repression bedeutet, aber eben immer in angemessenem Verhältnis zueinander. Beides ist wichtig: Hartes, repressives Durchgreifen gegen den illegalen Drogenhandel und präventive Hilfsangebote für die Drogensüchtigen. Diesen vorbildlichen Frankfurter Weg gilt es weiter zu entwickeln und anzupassen gegen die neuen Herausforderungen unserer Zeit. Den Konsumenten mit gesundheits- und sozialpolitischen Maßnahmen zu helfen, heißt nicht, dass die Polizei nicht auch repressiv gegen Konsumenten vorgehen darf, wenn sie die Regeln verletzen. Das Bahnhofsviertel darf niemals ein rechtsfreier Raum werden.

Wird die Situation im Bahnhofsviertel wirklich seit zwei Jahren schlimmer, wie Robert Urseanu sagt? Wenn ja, woran liegt das und wie kann man dagegen vorgehen?

Ja, die Situation hat sich in den vergangenen zwei Jahren verschärft, was den Drogenhandel, die gefühlte Sicherheit und das Elend auf der Straße angeht. Es scheint so zu sein, dass sich die Themen Sicherheit und Sauberkeit in Wellen bewegen. Vielleicht auch, weil sich bei vorübergehenden Verbesserungen oftmals eine gewisse Trägheit einschleicht. Anfang der 90er Jahre wurde das Viertel mit billigem Heroin überschwemmt. In den vergangenen Jahren hat es wieder eine Wellenbewegung gegeben. Dieses Mal mit Crack. Alleine mit regelmäßigen Razzien werden wir die Situation nicht nachhaltig verbessern, aber immerhin verstärken sie das subjektive Sicherheitsgefühl. Die Leute sehen: Das Bahnhofsviertel ist kein rechtsfreier Raum, da werden Straftaten aufgedeckt und verfolgt. Das ist ein wichtiger psychologischer Effekt. Und der Polizeipräsident hat mir bestätigt, dass in diesem Jahr tatsächlich mehr Straftaten aufgeklärt wurden als zuvor. Der Blick in die polizeiliche Kriminalitätsstatistik trägt aber natürlich nicht weit, wenn die Menschen vor Ort keine dauerhafte Verbesserung sehen.

Ich bin froh, dass es jetzt endlich ein Nachtcafé gibt, das Drogensüchtigen und Obdachlosen einen Unterschlupf bietet. Wir haben das als Ortsbeirat viele Jahre gefordert. Das macht Hoffnung, dass der Gesundheitsdezernent sich vielleicht doch noch größeren Lösungen öffnet. Ich glaube, wir müssen größer denken und den Mut aufbringen, neue Wege zu gehen. Deshalb fordere ich schon seit Langem, im Bahnhofsviertel einen Crack-Raum zu öffnen, in dem Crack-Süchtigen maßgeschneiderte Hilfsangebote gemacht werden. Wir brauchen endlich eine große Lösung für das Crack-Problem, auch wenn es ein langer Weg wird, auf dem wir uns dem Ziel vielleicht letztlich nur annähern. Wir müssen eine mutige Debatte ohne Denkverbote führen. Und wir brauchen einen ganzheitlichen Ansatz auf Bundesebene, zu dem auch die Legalisierung von Cannabis gehören kann.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Viertels?

Ich wünsche mir für das Bahnhofsviertel, dass der Balanceakt gelingt, dort mehr Sicherheit zu schaffen, aber trotzdem seine schöpferische Kreativität zu erhalten. Das Bahnhofsviertel ist der Stadtteil, der Frankfurt erst zur Metropole macht. Es pulsiert ständig. Es ist ein Ort, an dem Zukunft gestaltet und Innovationen entwickelt werden, weil in diesem verrückten Stadtteil auch mal "out of the box" gedacht werden kann, ohne Tabus und ohne Denkverbote. Es ist ein Fortschrittsmotor und ein Zukunftslabor, das ständig neue Impulse in die ganze Stadt sendet und sie dadurch bereichert. Dieses Viertel bietet unglaublich viel: Kreativität, kulturelle Vielfalt, ein berühmt-berüchtigtes Nachtleben und kurze Wege. Hier ist alles möglich. Wir müssen die positive Seite dieses tollen Viertels noch viel mehr hervorheben. Deshalb habe ich als Ortsvorsteher 2017 spontan ein Cellokonzert auf dem Dach des Hauptbahnhofs gegeben.

Was verbindet Sie persönlich mit dem Bahnhofsviertel?

Ich bin in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Schon während meiner Schulzeit war das Bahnhofviertel ein faszinierender Ort, an dem es nichts gibt, was es nicht gibt und wo alles möglich ist. Der Name des berühmten Kiosks "Yok Yok" ("gibt`s nicht, gibt`s nicht") bringt das auf den Punkt. Ich bin im beschaulichen und behüteten Berkersheim am Rande der Stadt großgeworden. Als ich 18 Jahre alt war, wollte ich schnellstmöglich meinen Führerschein machen. Einen Crash-Kurs gab es aber nur in einer Fahrschule in der Kaiserpassage. Natürlich war das ein Kulturschock für mich, aber ein faszinierender. Dass ich damals dort meinen Führerschein gemacht habe und heute ein autofreies Bahnhofsviertel fordere, ist natürlich eine Pointe. Sie zeigt aber, dass sich das Bahnhofsviertel ständig wandelt und mit der Zeit geht. Als ich viele Jahre später als Ortsvorsteher ins Bahnhofsviertel zurückkehrte, begann es sich schon zu einem angesagten Ausgehviertel zu entwickeln, an dem ständig neue Ideen entstehen. Mich verbindet mit dem Bahnhofsviertel, dass ich Zukunft gestalten will. Ich war so beeindruckt von der Innovationskraft dieses Quartiers, dass ich 2017 als Bundestagskandidat mein Wahlkampfbüro in der K37 hatte. Deshalb ist es bis heute mein Büro als Ortsvorsteher geblieben.

Oliver Strank, 39, ist in Frankfurt geboren und aufgewachsen. Seine großen Leidenschaften sind Fußball und das Cello. Von Beruf ist Strank Anwalt, 2015 hat er in Völkerrecht promoviert, seit Mai 2016 ist er Ortsvorsteher im Ortsbeirat I.

Auch für die Titelgeschichte der Januar-Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT, die sich mit dem Allerheiligenviertel befasst, haben wir mit Oliver Strank gesprochen. Bei einem Spaziergang hat er uns verraten, warum das „unheilige Viertel“ großes Entwicklungspotenzial hat.
 
3. Januar 2019, 10.12 Uhr
Martina Schumacher
 
Martina Schumacher
Jahrgang 1991, Studium der Germanistik an der Goethe-Universität, seit 2016 beim Journal Frankfurt – Mehr von Martina Schumacher >>
 
 
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