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Antisemitismus in Frankfurt
 
Antisemitismus in Frankfurt
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"... und dann riss er mir die Kippa vom Kopf"
Foto: Nils Bremer
Foto: Nils Bremer
Ein Mitarbeiter unseres Verlags wird in Bockenheim auf der Straße als "Drecksjude" beschimpft, als "Kindermörder" und dass er ins Gas gehöre. Seine Kippa trägt er nun nicht mehr - obwohl sie ihm viel bedeutet.
In der vergangenen Woche steckten wir mitten in der Recherche für unsere Coverstory. Sprachen mit Vertretern der Jüdischen Gemeinde, mit Integrationspolitikern wie Turgut Yüksel und mit Vertretern von muslimischen und christlichen Religionsgemeinschaften. Wir gingen der Frage nach, ob der offene Antisemitismus seit dem Wiederaufflammen des Gaza-Konfliktes zugenommen hat - und wie man ihm begegnen kann. Einfache Antworten gibt es da nicht. Mittenrein platzt eine E-Mail eines Kollegen.

Er ist als Stadtführer für uns tätig und berichtet von einer Tour durch Bockenheim. Bestürzt, hoffnungslos im Ton. Mitten auf der Leipziger Straße riss ihm ein Mann die Kippa vom Kopf, empfahl ihm das Gas, beschimpfte ihn als "Kindermörder" und als "Drecksjuden". Die Kunden unseres Stadtführers griffen ein, Passanten riefen die Polizei, doch die konnte nur wenig tun. "Ich fühle mich schuldig", sagt unser Mitarbeiter. Hätte er die Kippa nicht getragen, wäre er nicht als Jude zu erkennen gewesen, dann wären auch seine Kunden nicht in Gefahr gewesen.

Unser Mitarbeiter erinnert sich an andere Vorfälle in jüngster Zeit, einmal, da stand er mit einer Gruppe vor der Alten Oper, erklärte die Geschichte des Gebäudes, das Wahre, Schöne, Gute. Ein bisschen weiter weg allerdings - am Opernbrunnen wurde grade gegen Israel demonstriert. Palästina-Fahnen wehten in der Luft, Plakate, auf denen "Kindermörder Israel" stand, Leute von der Linken hielten ein paar Reden, plötzlich ruft es aus der Menge: "Da ist ein Jude, da ist ein Jude" und Finger zeigen auf unseren Kollegen. Er entfernt sich lieber schnell. Man wird ja wohl noch die israelische Regierung kritisieren dürfen, die Besatzung, den Krieg, sagen viele. Richtig, sagt auch unser Stadtführer. Auch in Israel seien einige seiner Freunde nicht mit dem einverstanden, was die Regierung veranstalte, es gebe auch dort eine Opposition, die es nun, im Krieg, gewiss nicht leicht habe. Doch was habe er mit Israel zu tun, mit der israelischen Politik? "Ich bin ein deutscher Jude", sagt er. Er sei Bürger der Bundesrepublik Deutschland, nicht des Staates Israel.

3,1 Promille Alkohol hatte der Angreifer aus der Leipziger Straße im Blut. Die Polizei rät, keine Anzeige zu erstatten. "Da haben Sie nichts davon." In eine Ausnüchterungszelle käme der Mann dann, morgen sei er wieder hier. Man kenne ihn, er sei schon öfter ausfällig geworden. Kurz gesagt: nicht zurechnungsfähig, damit auch nicht vergleichbar mit Salafisten oder Neonazis.

Unser Mitarbeiter hat dennoch für sich entschieden, die Kippa nicht mehr zu tragen. Er hat sie dennoch dabei, als wir uns im Restaurant Merkez in der Kaiserstraße auf einen Ayran und einen Cai treffen. "Sie bedeutet mir sehr viel", sagt er, nestelt sie aus seiner Tasche und faltet die zum Dreieck gefaltete Kopfbedeckung auseinander. "Ohne Kippa", sagt er, "fühle ich mich nackt und ausgeliefert. Ich habe sie nie getragen, um zu provozieren. Sondern weil sie mir persönlich sehr wichtig ist." Er sagt, dass er mit anderen Leuten aus der Gemeinde sprechen will, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, will ihren Rat hören. Seinen Namen, gar sein Foto möchte er einstweilen nicht in der Öffentlichkeit wiederfinden.
26. August 2014
nil
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, seit 2004 beim Journal Frankfurt, seit 2010 Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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Leser-Kommentare

Kommentieren
 
Whizzbizz am 2.9.2014, 14:18 Uhr:
Herrn Lauke's Kommentar ist an dieser Stelle auf jeden Fall fehl am Platz. Hier geht es um eine eindeutig antisemitische Aktion, nicht um die Politik Israels. Und wir Deutschen sollten wissen, wohin das führt.
 
Nora David am 28.8.2014, 12:39 Uhr:
Ach, Herr Lauke. Ein Blick in ihr Profil reicht aus, um festzustellen, welch friedensliebender Menschenfreund Sie sind. Das rückt ihre dreisten Lügen und Übertreibungen ins rechte Licht.
 
Nicole Arbeitet am 28.8.2014, 11:09 Uhr:
Wie wäre es mit einer Solidaritätskampagne, bei der sich ALLE eine Kippa aufsetzen (Na gut, vielleicht auch nur die Männer). Als Zeichen, dass ein Angriff auf Juden ein Angriff auf uns alle ist.
Ist das aus jüdischer Sicht blasphemisch oder unangemessen?
Ich fände es toll. Es setzt das Signal "Wenn Ihr Juden hassen wollt, sind wir alle Juden."
 
Sven Barthel am 27.8.2014, 18:42 Uhr:
Ich bin geschockt, dass es in Fankfurt offensichtlich nicht nur Mut braucht eine Kipa zu tragen, sondern dass man sich damit Handgreiflichkeiten aussetzt. Was hat denn der Mann mit der Politik von Israel zu tun?
Das ist natürlich Antisemitismus, was denn sonst? Steht auf dagegen wenn ihr Menschen seid, anstatt es - wie in manchen Kommentaren hier - auch noch zu rechtfertigen! Hier gehts um den Umgang mit euren Nächsten.

Ein kluger Mensch hat mal gesagt: deine Nachbarn sind dein Volk.
 
Beatrice Jessner am 27.8.2014, 16:38 Uhr:
Es ist sehr traurig,daß solche Straftaten immer häufiger passieren und das Resultat,daß man im Anschluß Angst hat seine Identität zu zeigen noch schlimmer !
Wir Juden ,Weltweit müssen uns nicht schämen , daß wir Juden sind ,egal welcher Nationalität wir angehören ,wir dürfen uns um keinen Preis einschüchtern lassen ,diese Zeiten sollten der Vergangenheit angehören ,hat die Welt denn Nichts aus der Geschichte gelernt ??
 
am 26.8.2014, 21:16 Uhr:
Ist das jetzt der wohlwollende Begleitartikel zur Propagandashow der Honestly Disturbten am kommenden Sonntag? Orwell lässt grüßen, der Antisemitismus wird medial hochgeschrieben, um die Kriegsverbrechen Israels zu vertuschen. Holocaust-Überlebende verurteilen unmissverständlich das MASSAKER an Palästinensern in Gaza ijsn.net/gaza/survivors-and-descendants-letter/
 
Amem Annegret am 26.8.2014, 18:42 Uhr:
Jüdische Mitbürger werden für etw. in Haftung genommen, also für den Anti-Israelismus. Nach meiner Meinung verbirgt sich hinter dem Anti-Israelismus Judenhass und Anti-Semitismus. Nicht nur bei Deutschen und Menschen mit anderem Hintergrund. Die Sikhs in Frankfurt werden auch nicht zur Rechenschaft gezogen, wenn die Sikshs in Indien etw. falsch machen. Hier in Frankfurt leben so viele Ausländer mit div. religösen Prägungen. Hier lasses sich z.B. äthop. orthodoxe Gemeinden mit eriträischen Gemeindne gegenseitig in Ruhe, was in ihrer Region teilweise undenkbar wäre. Auf den sog. Pro-Pälästina Demos sind sehr viele Türken, Menschen aus Marokko, Tunesien, Algerien. Was hat das mit Israel zu tun. Warum engagieren sich so viele Türken? Was wird da geschrieen? Z.B. Kindermörder Israel oder auf Arabisch: Schlachtet die Juden. Was soll das?
 
Günter Yogi Lauke am 26.8.2014, 15:17 Uhr:
Es ist NICHT der "ANTI-SEMITISMUS der sich flächenbrandartig ausbreitet!
NEIN!
Es ist der "ANTI-ISRAELISMUS" , der rasant zunimmt!
Kein WUNDER nach gut 10.000 TOTEN Palästinensern in 3 israelischen Angriffen auf den GAZA-STRIP durch die ISRAELISCHE ARMEE! Die ja angeblich "nur" zur Verteidigung da ist...aber ständig überprportionerte ANGRIFFE auf GAZA durchführt...von Land, Luft & See!
ICH bin seit JAHREN auch NICHT damit einverstanden, wie ISRAEL vor aller Augen einen GENOZID an den Palästinensern durchzieht!
=> Die "Zwei-STAATEN-Lösung" mus her!! SOFORT!
Selbst Überlebende des HOLOCAUST sind in der "New York Times" mit ISRAEL deshalb sehr scharf in's Gericht gegangen!

Es muss endlich mal SCHLUSS sein mit dem TÖTEN!
 
Whizzbizz am 26.8.2014, 15:07 Uhr:
Ich finde es auch traurig und auch schädlich, wenn er die Kippa nicht mehr trägt. Wir alle - wir Deutschen zuerst - müssen es dahin bringen, dass wir jederzeit solche Ausfälle gemeinschaftlich ächten.
Ich bin sicher kein Freund der momentanen israelischen "Politik" (mit anderen Mitteln). Aber diese primitive Form der Haftbarmachung Unschuldiger aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft (wieso eigentlich "Rasse"?) ist schlicht und einfach unentschuldbar.
Natürlich werde ich niemandem vorschreiben, was er zu tragen hat und was nicht, und ich muss auch nicht die Angst ertragen, die ein Betroffener ertragen muss. Trotzdem ist es schädlich für uns alle, wenn irgendjemand seine Zugehörigkeit aus Angst verleugnen muss.
 
Patrick Meier am 26.8.2014, 14:22 Uhr:
Es ist verständlich, dass er sie nicht mehr tragen möchte. Ertragbar ist es für mich als Frankfurter und Deutscher aber nicht, dass wir es nicht schaffen unsere Mitbürger zu schützen.
 
 
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