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Die Bürostadt Niederrad mausert sich zum Lyoner Viertel
Tagsüber ein in die Jahre gekommener Bürostandort mit 300 000 Quadratmetern leerstehender Fläche und nach Feierabend ein Ort der Ödnis: Es wird Zeit, dass sich in der Bürostadt Niederrad etwas tut. Bald soll dort auch gewohnt werden.
Es gibt vermutlich nur zwei Sorten Frankfurter: die einen arbeiten in der Bürostadt Niederrad, die anderen kennen den Standort eher vom Vorbeifahren – etwa an der A5. Diese Autobahn führte bisher nur von Niederrad weg, doch noch in diesem Jahr soll die Strecke – nach 45 Jahren – endlich um eine Abfahrt Niederrad bereichert werden. Das kann dem Quartier, das zwischen Stadtwald und Main liegt und eigentlich perfekt an den Nahverkehr angebunden ist, nur gut tun. Und genau darum geht es bei der Standortinitiative, die der Projektentwickler Eckart von Schwanenflug und der Kommunikationsmanager Detlef Franke gegründet haben. Beide haben am Donnerstagabend Menschen aus der Immobilienwirtschaft eingeladen und ihre Visionen, sowie die Pläne der Stadt und der ABG Holding vorgestellt. Wenn die Stadt im Herbst zwei Bebauungspläne veröffentlicht, kann ein richtiger Ruck durch das Areal gehen, das demnächst als Lyoner Viertel Furore machen soll.

Lyoner Viertel – klingt zunächst nach Wursttheke. Aber die naheliegende Frage ist ja auch: „Darf’s ein bisschen mehr sein?“ Mehr Nutzung nämlich, denn 300 000 Quadratmeter, also gut ein Drittel der Bürofläche in der Bürostadt stehen leer, trotz lockender Preise ab 7 Euro pro Quadratmeter. Und wenn es schon keine Unternehmen hierherzieht, dann soll hier wenigstens gewohnt werden. Mindestens 3000 Wohneinheiten mit rund 6000 Bewohnern sollen hier mittelfristig entstehen. Wie das geht, macht die Konversion von Büroflächen in der Lyoner Straße 19 schon vor. Dort sind 98 Apartments entstanden. Die ABG Holding will im Herbst ebenfalls an der Lyoner Straße ein Projekt mit 140 Wohneinheiten starten. Ebenso sollen in der Hahnstraße 200 Apartments durch Konversion entstehen.

Der Architekt und Stadtplaner Jan Schulz vom Büro bb22 hat im Auftrag der Stadt eine Studie zur Bürostadt erstellt und kennt die Probleme des Areals: „Es gibt die Kläranlage und auch die Lärmemission von der A5, von der S-Bahntrasse und durch Flugzeuge. Die Bürostadt liegt im Siedlungsbeschränkungsgebiet.“ Doch die Bürostadt hat auch viele Stärken, etwa die vielen Grünflächen, es gibt Sportstädten und einen Reitstall, Schrebergärten, es gibt bereits Lokale, Kitas, eine Post und eine Reinigung. Rewe, Lidl und Aldi sind schon da. Vieles also, was sich in Neubaugebieten erst langsam bilden muss, liegt schon vor. Nur fehlt es an Wegen und Verbindungen für Fußgänger. Hier sei die Stadtplanung gefragt, sagt Jan Schulz.

Der Weg bis zum gefragten, mit Büronutzung gemischten, Wohnstandort ist noch weit. Bis dahin schlägt Künstlerin Anja Czioska von ACAC Gallery eine kreative Nutzung der Leerstände vor. Originelle Beispiele zwischen Kunst und Party kann sie vorweisen, wie derzeit aktuell die Ölhalle neben dem alten Hafen2, in der es 25 Jahre Clubkultur zu bestaunen gibt. In den 90er Jahren sorgte die Galerie Fruchtig für Aufsehen, die Freitagsküche sei ebenso ein Beispiel für eine originelle Leerstandsnutzung wie auch der Kunstverein Familie Montez. „So eine Kunsthalle kostet die Stadt nichts. Leerstandsentwickler lieben ihre Orte, und wer seinen Ort liebt, der kümmert sich auch darum“, sagt Czioska. Für das Lyoner Viertel schwebt ihr abends eine Lightshow parallel zur B3 Biennale vor, die sogar von den Flugzeugen aus sichtbar ist. Weitere Ideen sind eine Infobox auf dem Quartiersplatz, ein White Dinner oder auch ein Openairkino. Eckart von Schwanenflug wagt selbst vom Badeschiff am Main am Niederräder Ufer zu träumen, wobei die Realität mit der müffelnden Kläranlage noch nicht ganz so heimelig aussieht.

Aber darum geht es vermutlich auch nicht: das Viertel soll eine neues Image bekommen, ganz neue Besucher anlocken und so für alle Frankfurter interessanter werden. Man müsse sich Gedanken um das Standortmarketing machen, sagt auch Frank Junker von der ABG Holding, der in der Bürostadt erhebliche Potentiale erkennt und aus einem einstigen Schrebergarten der Bahn Wohnflächen entstehen lassen will.

Planungsdezernent Olaf Cunitz freut sich über die einzelnen Impulse, die das Viertel erfährt, weiß er doch, dass in Frankfurt laut Studien 25 000 Wohneinheiten fehlen: „Ich glaube, uns spielt die Zeit in die Hände. Die Büro-Immobilien werden nicht wertiger und der Wohndruck ist so stark. Da wo neue Wohnungen sind, da wollen die Leute hin. Das Angebot bestimmt die Zuzüge der Menschen. Da kann das Lyoner Viertel für Entspannung sorgen.“

Doch wie ist es eigentlich zu der Schieflage in der Bürostadt, die genaugenommen nicht zu Niederrad, sondern zu Schwanheim gehört, gekommen? Olaf Cunitz hat die Geschichte im Blick. Das sei auf die ungewöhnliche Planung aus den frühen 60er Jahren zurückzuführen. Die Bürostadt im Grünen sei damals die positive Folge des Wirtschaftswunders gewesen. „Damals herrschte ein großer Baudruck auf der Innenstadt. Man wollte Auffangflächen finden für Bauten und es gab damals das Leitbild des reinen monokulturellen Gewerbegebiets.“ Die Erwartungen an die Bürostadt hätten sich aber von Anfang an nicht erfüllt. Zumal auch in der Innenstadt weiterhin Büroflächen vermarktet wurden, was vor allem in den 70er-Jahren der Fall war. „Damals legte man den Grundstein für das Problem in Niederrad.“ Man habe systematisch Überkapazitäten geschaffen, der Leerstand sei die logische Folge.

Natürlich ist für viele Unternehmen ein repräsentativer Standort zentral in der City, noch dazu in einem modernen Gebäude, attraktiver als in einem in die Jahre gekommenen Bau in Niederrad. Doch mit den neuen Bebauungsplänen bekommt die Bürostadt eine zweite Chance. Vergleichbare Projekte, die großflächig leerstehenden Büroraum in Wohnungen umwandeln, hat es bisher noch nicht gegeben. Um im Wurstbild zu bleiben: Künftig können sich vielleicht einige Stadtplaner am Lyoner Viertel noch ein Scheibchen abschneiden.
28. Juni 2013
Nicole Brevoord
 
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