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Von Luftminen und Befindlichkeiten
 

Von Luftminen und Befindlichkeiten

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Die deutsche Geschichte - ein Blockbuster

Foto: Archiv
Foto: Archiv
Im Grunde genommen kommt der Bombenfund zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Denn die geistigen Brandstifter sind längst wieder unterwegs – und stehen rechts. Ein Kommentar.
Auf dem aktuellen Cover der Wirtschaftswoche ist eine dicke, fette Kartoffel zu sehen, die auf einem Sofa sitzt. Die Überschrift lautet: "Die selbstzufriedene Republik."



Wenn es doch nur so wäre. Von Parteien mit mühsam kaschierter bürgerlicher Fassade ist zu hören, es müsse nun einmal Schluss sein mit der Erinnerungskultur, Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, sollten in Südostanatolien "entsorgt" werden und auf Flüchtlinge, die vor Hunger, Vertreibung und Krieg geflüchtet sind, soll man auch schießen dürfen, wenn sie sich erdreisten, Zuflucht zu finden.

Längst taugen solche fürchterlichen Sätze dazu, nicht etwa aus der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden, sondern in den warmen Sesseln der Talk-Show-Republik Platz zu nehmen, von Tageszeitungen auf Podien eingeladen zu werden oder vom Hessischen Rundfunk, der von ihnen selbst hämisch Staatsfunk genannt wird, harmlose Fragen gestellt zu bekommen. Klar, die rare Währung Aufmerksamkeit muss genutzt werden – und wenn man damit mit der Lügenpresse, deren Abschaffung man so gerne sähe, zusammenarbeiten muss, dann sei es so. Der Staat reagiert, in dem er eine Seite verbietet, die die rechten Umtriebe ganz gut dokumentiert hat.

Man muss dabei gar nicht in die Weite der Republik schauen, sondern kann auch hier in Frankfurt bleiben. Bei der Diskussion um den neuerlichen Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt vor über zehn Jahren, waren bei einigen Befürwortern die Tendenzen schon zu sehen. Das Land der Opfer eines Krieges, der Wunden gerissen habe, die es nun an dieser Stelle, im Herzen der Stadt, zu schließen gelte. Die Stadtarchitektur der Nachkriegsära, bemüht um größtmögliche Distanz von einem früheren Deutschland, war jenen zuwider, die glaubten, früher sei alles besser gewesen. Und wenn die Alliierten nicht einen Krieg gegen die Deutschen entfesselt hätten ...

Nun wird, am Rande des IG-Farben-Campus, eine Luftmine entschärft, ein sogenannter Blockbuster mit 1,4 Tonnen Sprengstoff. Er sollte einst in der Luft, kurz vor dem Aufschlag explodieren, um Fenster und Türen einzudrücken und Häuser abzudecken. So sollte die Wirkung der dann folgenden Brandbomben verstärkt werden. Viele solcher Blindgänger liegen noch im Frankfurter Boden. Erinnerungen an eine Vergangenheit, die noch nicht so weit weg ist, wie mancher sich das wünscht. Ausgelöst von der Kriegswut der Deutschen, von einem Mann, den sie zum Diktator machten.

Am Sonntag werden 60.000 Frankfurter ihre Wohnung für einen langen Tag verlassen müssen. Oder anders gesagt:




Das Foto oben zeigt die Braubachstraße im Jahre 1945.
1. September 2017
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, seit 2004 beim Journal Frankfurt, seit 2010 Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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Leser-Kommentare

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Ronald M. Filkas am 4.9.2017, 19:51 Uhr:
Rotterdam wurde durch deutsche Bombardements 1940 und einen US-amerikanischen Luftangriff 1943 in Schutt und Asche gelegt. Nach dem Krieg entschied man sich dort gegen einen Wiederaufbau im alten Stil, sondern für ein völlig neues Stadtbild. So hatte Rotterdam 1953 eine der ersten für den Autoverkehr geschlossenen Einkaufsstraßen der Welt! Heute ist die Stadt eine der architektonisch interessantesten der Welt. Das kann man von Frankfurt und vielen anderen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städten allerdings nicht behaupten.

Andererseits liegt es aber doch sehr wohl auf der Hand, was „die prachtvolle Goldene Waage […] mit den Kriegsgräulen [sic!] des 2. Weltkrieges zu tun“ hat: ohne Kriegsverbrechen und den Verursacher dieses Kriegs keine Schäden an Häusern und deren Bewohnern. Die Originale könnten also noch stehen und nicht irgendwelche Zuckerbäcker-Imitate!
 
Peter Zimmer am 3.9.2017, 10:30 Uhr:
Was hat z.B. der niederländische Zuckerbäcker Abraham van Hamel der 1618 die prachtvolle Goldene Waage in die Altstadt stellte, mit den Kriegsgräulen des 2. Weltkrieges zu tun? Nichts. Es waren keine Häuser, die Kriegsverbrechen begannen haben, sondern Menschen. Dazu gehörten auch viele der Architekten der Nachkriegsmoderne, die Frankfurt als verkehrsgerechte, funktionelle Stadt aufgebaut haben und keinerlei Rücksicht auf die historische Stadt genommen haben. Mit Architektur kann man sich nicht reinwaschen. Architektur kann aber zum erinnern anregen. Nur wer seine Geschichte kennt, kann die Gegenwart und Zukunft richtig gestalten. Der Wiederaufbau der Altstadt ist in diesem Sinne eine gute und nachvollziehbare Entscheidung.
 
Ronald M. Filkas am 2.9.2017, 00:52 Uhr:
Guter Kommentar; damit lässt sich für mich als von der Evakuierung Betroffener die Situation etwas leichter ertragen.
 
 
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