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Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder

Alternativer Drogen- und Suchtbericht

Heroin im Supermarkt?

Im Alternativen Drogen- und Suchtbericht fordern Forscher von der Politik, den Umgang mit illegalen Drogen zu liberalisieren. Mitherausgeber Bernd Werse, Forscher an der Goethe-Universität, erklärt warum.
Der Diplom-Soziologe Bernd Werse, 44 Jahre alt, arbeitet seit 2002 am Centre for Drug Research der Goethe-Universität.

JOURNAL FRANKFURT: Herr Werse, jedes Jahr erscheint ein Drogen- und Suchtbericht. Warum braucht es eine Alternative?

BERND WERSE: Der Bericht der Bundesregierung ist eine ganz gute Beschreibung des Status quo. Auch was die verfügbaren Daten und Projekte angeht, die zur Prävention unternommen werden. Wir selber haben auch etwas dazu beigetragen. Aber es steht nicht drin, wo es Handlungsbedarf gibt. Dabei gibt es nach Meinung der Beteiligten davon sehr viel. Einerseits was rechtliche Regelungen angeht, sowohl für legale als auch illegale Drogen, andererseits in welche Bereiche man noch mehr Anstrengungen stecken sollte, etwa in die Drogenhilfe. Wir versuchen viele Missstände aufzuzeigen, die häufig auf ideologische Gründe zurückzuführen sind.

Sie kritisieren einen Reformstau in der Politik. Woran liegt das?

Politiker haben Angst, sich unbeliebt zu machen. Unter ihnen gibt es eine große Angst davor, als drogenfreundlich zu gelten. Der größte Anteil der Bevölkerung hat nichts mit illegalen Drogen zu tun, interessiert sich nicht dafür und findet gut, dass sie verboten sind. Wenn ein Politiker auch nur kleine Schritte in Richtung Liberalisierung formuliert, kann er sich sicher sein, dass die Gegenseite oder zumindest die Boulevardpresse das entsprechend ausschlachtet. Dann heißt es: Der ist für Drogen. Den Schuh möchte keiner anziehen.

Wie steht es um den Alkohol? Ist das Komasaufen bei Jugendlichen ein großes Problem?

Repräsentativdaten zeigen, dass der Alkoholkonsum unter Jugendlichen nicht zu-, sondern langfristig eher abgenommen hat. Ein leichter Gegentrend vor einigen Jahren hat gereicht, um einen Skandal auszurufen. Ich will das Problem nicht kleinreden; es gibt sicher viele Jugendliche, die zu viel trinken. Aber riskanter Alkoholkonsum und Abhängigkeit sind eher bei den mittleren bis höheren Altersstufen zu finden.

Was kann man beim Umgang mit Alkohol verbessern?
Zum Beispiel den Jugendschutz. In Supermärkten wird der einigermaßen gut eingehalten. In allen anderen Bereichen eigentlich nicht. Man muss nur mal einen 16-Jährigen in die Kneipe schicken und einen Schnaps bestellen lassen, dann wird er in 99 Prozent aller Fälle auch einen bekommen. Allein das stärker zu kontrollieren, wäre eine Maßnahme, um Jugendliche besser zu schützen. Supermärkte werden aber zum Problem, wenn sie bis 24 Uhr geöffnet haben und billigen Alkohol anbieten. Das macht es einem natürlich leicht, sich ordentlich abzuschießen. Verkaufseinschränkungen haben einen Effekt auf das Ausmaß des Konsums.

Und wie sehen Sie den Nichtraucherschutz?
Ich finde es gar nicht mal so schlecht, wie man das mit dem Nichtraucherschutz in Kneipen geregelt hat … Man könnte darüber streiten, ob das mit den Raucherkneipen eine gute Regelung ist. Aber im Hinblick auf Werbung bin ich voll dafür, diese weiter einzuschränken.

In jüngster Zeit wurde Cannabis-Besitz in einigen Bundesstaaten der USA legalisiert, auch in Frankfurt hat man Verkaufsräume gefordert. Steht eine Legalisierung in Deutschland kurz bevor?
Ich würde es mir wünschen. Die Kriminalisierung würde wegfallen, der Schwarzmarkt würde in regulierte Bahnen gelenkt werden, der Staat könnte damit Geld verdienen. Bis jetzt hat sich die deutsche Drogenpolitik sehr resistent gezeigt. Die Entwicklungen weisen in die richtige Richtung. Wenn sich das fortsetzt, dass andere Länder hinzukommen, halte ich das durchaus für denkbar. Zumindest müsste das Strafrecht für Konsumenten abgeschafft werden, weil damit niemandem geholfen ist.

Frankfurt wirkt in Ihrem Bericht als eine Art Vorreiter: wegen der erfolgreichen Drogenkonsumräume, aber auch wegen Programmen wie „Buddy Care“ und „Smoke it!“.
Frankfurt ist beispielhaft für den Rest des Landes. „Buddy Care“ ist für einige Junkies eine ganz wichtige Sache, weil sie völlig verlernt haben, normale Sozialkontakte zu haben. Im Jahr 2012 haben wir in unserer Szenebefragung die Frage gestellt, welche zusätzlichen Angebote der Drogenhilfe sich die Betroffenen wünschen.Was am häufigsten genannt wurde, war Sport. Es gibt bei nicht wenigen den Willen, in ein normales Leben reinzukommen.

Sie wehren sich gegen das Argument, eine Entkriminalisierung würde das „falsche Signal“ senden. Können Sie das erläutern?
Wenn man Drogen legalisieren und dem freien Markt überantworten würde, wäre es das falsche Signal. Wenn man auf den Jugendschutz und präventive Botschaften achten würde, wäre das sicherlich das bessere Signal, indem man auch glaubwürdiger über die Risiken berichten würde. Man könnte offener darüber reden. Cannabis wird verharmlost, weil Jugendliche das Verbot als ungerecht empfinden. Dieses Signal könnte man gut damit aufheben.

In Ihrem Bericht fordern Sie weniger Repression …
Wo man besonders repressiv gegen den Konsum vorgeht, gibt es – wenn überhaupt – nur etwas weniger Konsumenten, aber diese leiden mehr unter den Bedingungen. Ein kontrollierter Zugang wäre viel sinnvoller, weil Leute sich mehr trauen, eine Beratung aufzusuchen, da sie keine Strafverfolgung zu befürchten haben. Andererseits hat auch eine praktisch unbegrenzte Verfügbarkeit von Drogen – wie derzeit bei Alkohol – ein hohes Ausmaß an individuellen und sozialen Schäden zur Folge.

Könnte eine völlige Aufhebung der Prohibition die Probleme lösen?
Ich wäre schon dafür, dass man alle Drogen in irgendeiner Weise verfügbar macht, aber mit Abstufungen. Für Cannabis sollte es eine begrenzte Anzahl an Ausgabestellen geben, ohne Werbung und Plakate. Für andere Drogen sollte man Ausgabestellen stärker kontrollieren und reglementieren, eine Kontigentierung einführen. Bei Heroin sollte man eine kontrollierte Vergabe mit Krankenschein ausbauen, mit sehr großer Einschränkung und Beratungspflicht. So etwas wie Heroin im Supermarkt will natürlich niemand.

Eine Version dieses Artikels erschien zuerst im Journal Frankfurt vom 15.7.2014. Ein Abonnement können Sie hier abschließen.
 
22. Juli 2014, 11.17 Uhr
Lukas Gedziorowski
 
 
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