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Zwischenbericht vorgestellt
 

Zwischenbericht vorgestellt

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Experte äußert sich zu Missständen in Höchster Psychiatrie

Foto: Marius Becker/dpa
Foto: Marius Becker/dpa
Ein halbes Jahr nach der Wallraff-Reportage, die Missstände in der Psychiatrie am Klinikum Höchst aufgedeckt hat, hat ein externer Berater einen Zwischenbericht veröffentlicht. Darin kritisiert er vieles, lobt aber auch so manche bereits eingeleitete Veränderung.
Am Mittwoch hat sich der mit der Untersuchung beauftragte externe Berater Hans-Joachim Kirschenbauer zur Aufklärung in der Psychiatrie Höchst geäußert. Ein halbes Jahr lang hat der Psychiater sich auf der Akut-Station umgeschaut und die Zustände auf einem mehr als 170 Seiten umfassenden Bericht analysiert. Diesen hat er in einer Pressekonferenz Sozialminister Kai Klose (Bündnis 90/Die Grünen) in Wiesbaden überreicht. Im Rahmen dessen sagte der Berater: „Konsequent und ergebnisoffen an die Aufarbeitung heranzugehen, erfordert Mut.“ Nach der erschreckenden RTL-Dokumentation hatten die Klinik, die Stadt Frankfurt und das Land Hessen Aufklärung versprochen.

Berater bestätigt Missstände

Der Berater hat die in der Reportage gezeigten Missstände in 12 Themenbereiche aufgeteilt und diese mit einem Ampelsystem bewertet: 5 Themen mit grün (kein Problem), 3 Themen mit gelb (weniger gravierend), 4 Themen mit rot (gravierend). Kirschenbauer bestätigt zentrale Kritikpunkte der RTL-Reportage: Dringliche Probleme seien die Überbelegung der Station, das veraltete und zu enge Raumangebot, fehlende Therapien und der Umgang mit Patientinnen und Patienten bei Chefarztvisiten. Einen der wesentlichen Vorwürfe, das Fixieren von Patientinnen und Patienten, bewertet der Experte allerdings mit grün. Ausführlich wollte er sich dazu nicht äußern, er habe keine Einsicht in die Protokolle. Die grüne Bewertung beziehe sich lediglich auf die in der Wallraff-Reportage gezeigte Szene, in der ein junger Mann fixiert worden war. Der Beitrag habe Hintergründe zu dem Fall nicht gezeigt. Derweil wertete das Sozialministerium die Maßnahmen vom Frühjahr 2018 aus - dem Zeitpunkt der Filmaufnahmen. Die Prüfungen hätten ergeben, dass alle Fixierungen Folge einer ärztlichen Indikation waren, sagte Klose.

Die Probleme, die Kirschenbauer besonders aufgefallen seien, beträfen die Strukturqualität und die Prozessqualität. Dazu zählten die Optimierung der räumlichen Rahmenbedingungen; die Optimierung der Digitalisierung und die Einbindung von Angehörigen, Selbsthilfegruppen und regionalen Kooperationspartnerinnen und -partnern. Auch sei der Umgang der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter untereinander verbesserungswürdig. Es mangele an Wertschätzung – auch gegenüber den Patientinnen und Patienten.

Allerdings sieht Kirschenbauer, der viele Gespräche mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geführt habe, auch Positives: „In der Klinik arbeiten viele Menschen mit großem Engagement und Herzblut.“ Allerdings gebe es auch diejenigen, die auf Veränderungen zurückhaltend reagierten und damit eine Bedrohung für notwendige Veränderungen darstellten. Die Punkte Sauberkeit, Zustand der Einrichtung und Erscheinungsbild der Patientinnen und Patienten bewertet der Psychiater positiv. Insgesamt sieht Kirschenbauer positive Zeichen für einen Aufbruch. „Mein Bericht legt nun die Grundlage für eine gute Qualitätspolitik und ein systematisiertes Qualitätsmanagement“, ist sich Kirschenbauer sicher. Sein Fazit: „Das Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Klinikchefin kritisiert negative Darstellung in Wallraff-Reportage

Klinikchefin Dorothea Dreizehnter findet, die Wallraff Reportage habe ein ausschließlich negatives Bild gezeichnet, das falsch sei. Die Folge dessen sei eine „unfassbare Welle der öffentlichen Empörung“ gewesen, die die Mitarbeiterinne und Mitarbeiter bis heute spürten. „Das haben sie nicht verdient.“ Es sei ohne Frage, dass es Themen gebe, die Verbesserungspotenzial hätten. „Wir nehmen das Thema als Herausforderung wahr. Viele begreifen es als Chance“, so Dreizehnter. Der Analyseprozess werde mit aller Ernsthaftigkeit geführt und könne sich noch Wochen, Monate, oder vielleicht sogar Jahre ziehen. Zudem verwies sie auf bereits eingeleitete Verbesserungen: So würden beispielsweise fixierte Patientinnen und Patienten nur noch von geschultem Personal als Sitzwachen betreut, die mindestens eine Pflegehelferausbildung absolviert hätten. Doch viele andere Themen bräuchten mehr Zeit. So sollen unter anderem Therapiekonzepte in den nächsten Monaten nachhaltig überdacht werden. „Wir haben verstanden, dass es immer nur Weiterentwicklung geben darf und niemals Stillstand geben kann. Stillstand hatte sich an einigen Stellen eingeschlichen.“

Kritik von der SPD

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag, Daniela Sommer, bezeichnete den Zwischenbericht als einen ersten Schritt. Zwar sei in Frankfurt-Höchst, im Vergleich zu anderen Kliniken, ein deutlicher Wille zu erkennen, die Probleme anzugehen und grundsätzliche Verbesserungen einzuleiten. Aber: „Dass ein solcher Prozess erst öffentlichen Druck braucht, ist bedauerlich.“ Kirschenbauer wir den dritten Teil seiner Analyse, der die eigentlichen Handlungsempfehlungen enthalten soll, Ende des Jahres vorlegen. „Leider wird Minister Klose so lang warten und erst danach eine Meinung dazu haben, welche Verbesserungen er sich für psychiatrische Kliniken in Hessen vorstellen kann“, bedauerte Sommer. Die SPD-Landtagsfraktion hatte vor den Sommerferien in einer internen Anhörung das Gespräch mit Expertinnen und Experten gesucht. Darin wurden die Überbelegungen der Stationen und fehlende Therapiemöglichkeiten als besondere Mängel benannt. Man benötige mehr und vor allem auch qualifiziertes Personal, zusätzliche sozialtherapeutische Maßnahmen, und einen Ausbau inklusive der Vernetzung der Hilfe-Systeme. Fixierungen dürften nur das letzte Mittel der Wahl bleiben, um Patientinnen oder Patienten ruhig zu stellen, findet Sommer.
 
12. September 2019, 13.20 Uhr
Helen Schindler
 
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