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Rainbow Refugees

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Flüchtling. Und schwul.

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Schwule, Lesben und Transgender aus Krisengebieten kommen nicht nur wegen des Krieges zu uns. Für sie machen sich in Frankfurt die Rainbow Refugees stark. Eine Reportage.
Wedat* ist 34 Jahre alt. Nach seiner Flucht aus Damaskus hielt er sich zwei Jahre in der Türkei auf, ehe er im Oktober 2015 nach einer elftägigen Reise über Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich nach Deutschland kam. „In erster Linie bin ich wegen dem Krieg geflohen, aber nicht zuletzt auch, weil ich Männer liebe“, erzählt er. „In meiner Heimat musste ich meine Sexualität vor Familie, Arbeitskollegen und Gesellschaft verstecken. Wenn dich einmal die Polizei aufgegriffen hat, wissen es alle“. Drei bis sechs Monate Gefängnis warten mitunter auf die Männer, manchmal sogar ein Jahr. Im besten Fall verstößt die Familie sie, „dann bist du aber vogelfrei, es passieren plötzlich Unfälle. Ich habe auch mitbekommen, wie einer von einer religiösen Gruppe ermordet wurde“. Offen gelebte Homosexualität gibt es nicht. Wedat traf sich mit seinen Freunden zu Hause. „Selten lernt man über das Internet andere Schwule kennen, es ist einfach zu gefährlich. Das geschieht alles im Privaten“. Über einen Bekannten kam er in Kontakt mit den Rainbow Refugees, einem schönen Beispiel für Empathie und Zusammenhalt.

„Wenn man davon ausgeht, dass mindestens fünf Prozent der Weltbevölkerung unserer Community angehören, kann man sich vorstellen, wie viele unter den Flüchtlingen sind“, erzählt Holger Volland, ein Mitglied der der ersten Stunde der Rainbow Refugees. Vor gut vier Monaten fragten einige Bürger bei Ämtern an, ob sie LGBT*-Mitglieder (Lesbian, Gay, Bi, Trans*) unterstützen könnten. Dafür habe es keine Plattform gegeben, doch Mitarbeiter verwiesen an die Aids-Hilfe, über die sie sich vernetzten. So wurde aus Einzelkämpfern eine Gruppe. „Mittlerweile sind wir über 15 Aktive“, so Volland. „Wir wollen etwas von unserem sicheren Leben weitergeben“.

Es mag zunächst schleierhaft erscheinen, weshalb LGBT*-Mitgliedern unter den Flüchtlingen eine besondere Unterstützung angeboten werden sollte. „Stell dir vor, in deinem Heimatland wirst du wegen deiner Homosexualität verfolgt“, erklärt Volland, „Dazu kommt noch der Krieg – und dann kommst du in ein Land, ohne die Sprache zu sprechen“. Laut ihm seien die Community-Mitglieder aus den Unterkünften zwar miteinander in Kontakt, allerdings leben nicht alle am gleichen Ort oder unter Hunderten, die nicht die liberalen europäischen Werte praktizieren.

Für Infoblätter war es äußerst schwer, Übersetzer zu finden. „Weil es mit ihren religiösen Ansichten nicht vereinbar war, übersetzten sie falsch und sinnfrei“, sagt Volland. So langsam habe sich aber das Angebot herumgesprochen. In Kontakt mit den Rainbow Refugees kommen die Hilfesuchenden über Facebook, Mundpropaganda und schwule Netzwerke. „Und dann beginnt unsere Arbeit“, so der 45-Jährige: Ihnen erklären, wie sie von A nach B kommen, Unterstützung bei Behördengängen, sexuelle Aufklärung, kulturelle Integration oder einfach einen Kaffee trinken gehen – die Aufgaben sind manchmal banal, oft zeit- und mitunter kostenintensiv.
Zugfahrten oder ein Restaurantbesuch werden nicht selten aus eigener Tasche bezahlt. „Bei 169 Euro im Monat und Zugkosten von teilweise über 10 Euro ist nicht viel drin, was die Flüchtlinge regelmäßig unternehmen können“, erklärt Volland. Bei gemeinsamen Aktivitäten abseits des wöchentlichen Treffs im Switchboard, dem Café der Aids-Hilfe, entwickelt sich eine Vertrauensbasis. Damit eine engere Verbindung aufgebaut werden kann, gibt es das Buddy-Programm, das aktuell acht Schwule und eine Lesbe nutzen.

Mitglieder der Rainbow Refugges sind wie Paten für einen Flüchtling. Sie werden direkter Ansprechpartner bei Problemen, so entsteht schnell ein freundschaftliches Verhältnis. Englisch ist die Hauptverständigungs-Sprache, allerdings können einige dies nur gebrochen: „Daher sind Deutschkurse unheimlich wichtig. So lange aber noch nicht ausreichend Grundkenntnisse vorhanden sind, sind wir auf Dolmetscher angewiesen. Welche zu finden, die vorurteilsfrei sind und uns wirklich helfen, ist sehr schwer“, sagt Volland.

Vertrauen wird allerdings viel von außen in die Gruppe gesteckt. Mittlerweile erreichen sie E-Mails aus der ganzen Welt. „Sogar aus der Karibik haben wir eine Anfrage erhalten und konnten vermitteln“, sagt der Mittvierziger. Innerhalb der Community ist eine große Hilfsbereitschaft zu verzeichnen, immer mehr wollen helfen. Das Problem sei bislang aber, dass die zuständigen Behörden und Einrichtungen nicht wirklich von der Existenz der Gruppe unterrichtet sind. „Vor allem brauchen wir Ärzte, Rechtsanwälte und Übersetzer, die uns unterstützen, aber auch die Zusammenarbeit mit den Ämtern müsste noch enger werden“, sagt Volland. Mit einigen Institutionen hätten sie aber bereits guten Kontakt und erhalten auch von Sozialarbeitern vor Ort ein überaus positives Feedback bezüglich ihres Schaffens. Denn mitunter müssen die LGBT*-Mitglieder auch im Lager um ihren sozialen Status innerhalb ihrer Unterbringung und ihre Gesundheit bangen. Fast keiner ist geoutet – die Familie könnte es irgendwie erfahren.

Die Zugehörigkeit zur LGBT*-Community ist auch bei Genehmigung des Asylantrags ein wichtiger Aspekt. „Die Menschen erleben in ihrem Heimatland eine mehrfache Verfolgung – sowohl durch den Krieg, als auch von der Gesellschaft und dem Staat aus“, erzählt der Mittvierziger. „Dort sind gewalttätige Übergriffe, Polizei-Schikanen und die fehlende freie Gestaltung des Lebens Alltag“. Viele Flüchtlinge seien von Narben am Körper gezeichnet. Gerüchte besagen, dass Schwule sich im Intimbereich zur Frau umoperieren haben lassen, um ihre Sexualität ausleben zu können. „Die meisten leben ihre Leben lang eine Lüge. Doch viele können und wollen das nicht mehr“.

Auch Wedat lebt in seiner Unterkunft ungeoutet. Keiner weiß, wie die anderen darauf reagieren würden. Der Syrer sagt, er möchte in einem sicheren Land leben. Das beziehe sich nicht nur auf den Krieg, sondern auch auf seine Sexualität: „Als ich das erste mal einen Schwulen in Deutschland gesehen habe, der nicht angefeindet oder bespuckt wurde – das war wie frische Luft atmen, Freiheit“.


>> Infos zu den Rainbow Refugees finden sich auf der Facebook-Seite „Rainbow Refugees Frankfurt/Main“, direkter Kontakt ist via E-Mail an rainbowrefugees@gmail.com oder unter Telefon 0157 59101483 möglich.


*Name geändert

Eine Version dieses Textes ist zuerst im Journal Frankfurt vom 26. Januar 2016 erschienen.
19. Februar 2016
Oliver Henrich
 
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