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Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder

Kommentar: Monotonie statt plurales Leben

Die Berger Straße ist im Arsch!

Früher war die Berger Straße ein Ort des pulsierenden, pluralen Lebens. Heute, so findet unser Autor, ist sie nur noch ein Sammelbecken für austauschbare Drogeriemärkte, Bioläden und Discount-Bäckereien. Ein Kommentar zur Berger Straße als Ort der Entmenschlichung.
Gehen Sie einmal über die Berger Straße. Die zweitgrößte Einkaufsstraße der Dreiviertelmillionen-Metropole Frankfurt am Main. Hier ist die Welt der Frankfurter noch in Ordnung. Auf der Berger Straße gibt es sie noch: die vielen Einkaufsmöglichkeiten, die netten Cafés und die trendigen Bars und Kneipen. Und so sagen es uns auch die zahlreichen Gastroführer und Szenemagazine. Können Sie es auch fühlen? Atmen Sie tief durch. Gehen Sie bummeln. Auf der Berger Straße. Hier sind Sie Mensch, hier dürfen Sie’s sein. Schauen Sie sich um: Gleißend spiegelt sich die Frühlingssonne in den etagenhohen Fensterscheiben des gerade fertig gestellten Wohn- und Geschäftshauses „Berger Village“. Fahnen wehen anlässlich der Neueröffnung des lange Zeit brachliegenden Gebäudekomplexes im Wind. Türen öffnen und schließen automatisch. Rote und weiße Luftballons sind entlang der hochglanzpolierten Fassade aufgespannt. Der Gehweg ist belebt. Menschen bleiben stehen, schauen interessiert, treten ein, gehen weiter.

Doch das Idyll trügt. Es umgarnt die Menschen kaum merklich mit einem Narrativ von heiler Welt und gaukelt ihnen vor, dass genau hier und jetzt der richtige Ort und die richtige Zeit sei. Nordend. Bornheim. Die Berger Straße. Sie ist die Inkarnation all jener spätkapitalistischen Dystopien, die uns vor den Folgen eines unreflektierten Konsums gewarnt haben. Hier werden diese Erzählungen real. Hier wird dem Menschsein ein jähes Ende gesetzt.

Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts bildete die Berger Straße die Hauptverbindung zwischen dem unabhängigen Bornheim und der Stadt Frankfurt. Oben das „lustige Dorf“ mit Apfelwein, Tanzlokalen und Prostitution. Unten die große Messe- und Börsenstadt, die durch den Handel in ihren Mauern zu bedeutender Prosperität gelangt war. Dazwischen, wo sich heute das Nordend Ost befindet, lag die Bornheimer Heide. Mit der Bebauung des Areals in der Gründerzeit entwickelte sich die Berger Straße zum Ort des pulsierenden Lebens: Klassische Lokale und Kneipen siedelten sich an, Boutiquen und Fachgeschäfte eröffneten und machten die Berger Straße zu einem Ort des pluralen Lebens.

Und was findet sich heute zwischen Bethmannpark und Saalburgstraße? Monotonie. Der Spätkapitalismus gaukelt den Menschen scheinbare Vielfalt vor, die Möglichkeit der Wahl aus dem mannigfaltigsten Angebot der Ladengeschäfte, die sich entlang der Berger Straße aneinanderreihen. Dabei bietet der Straßenzug nichts als Tristesse. Auf den rund neunhundert Metern zwischen Merian- und Uhrentürmchenplatz bricht sich die Langweile Bahn: Vier Ladengeschäfte des selben Bäckerei-Filialisten mit exakt dem gleichen Angebot. Vier Drogeriemärkte, die ein nahezu identisches, von zwei Großkonzernen produziertes Sortiment anbieten. Im Abstand von 150 Metern alternierend die Vertretungen seelenloser Kommunikationskonzerne. Und im „Berger Village“ bewirbt die rot-weiße Luftballonkette die Eröffnung einer weiteren Filiale des beinahe unheimlich die Stadt beherrschenden Nahversorgungskonzerns, der in zwei Minuten Laufweg Entfernung – die Berger Straße hoch oder runter ist völlig egal – ohnehin schon seit Jahren vertreten ist.

Doch den Menschen auf der Berger Straße ist es herzlich egal, während sie auf den weichen Stühlen der Gastronomen die ersten Strahlen der Frühlingssonne einfangen. „Tischlein deck dich“, „Grey Bar“, „Ginkgo“, „Leidenschaft“, „Mirador“, „Mint“, „Corners“, „Bohne“ – Lifestyle-Lokale, die an Klischeehaftigkeit der eigentlich schon viel zu oft zitierten Aperol-Spritz-Bars und Cappuccino-Mutti-Cafés nicht zu überbieten sind, laden von der Inneneinrichtung her ebenso zum Vergessen ein, wie ihre Namen. Die Austauschbarkeit wird auf der Berger Straße zum Prinzip des gutes Gefühls: Egal, ob „Wonder Waffel Frankfurt“ oder im „Waffel House Frankfurt“ – trennt beide Läden nichts im Angebot, so wenigstens dreißig Meter Luftlinie. Ebenso die Fitnessstudios: Den „Urban Performer“ bei „Primetime Fitness“ und das „Gründungsmitglied“ bei „7/11“ unterscheiden auf der Berger Straße nur eine Minute Fußweg. Und in den ansässigen Bioläden, deren Slogans wie „Bio-Genuss für alle!“ in einer von massiver Gentrifizierung geprägten Umgebung nur noch höhnisch wirken, spielt ökologisches Denken keine Rolle. Auf der Berger Straße verkommen Ernährungs- und Umweltbewusstsein zum reinen Akt egozentrischer Selbstvergewisserung für all jene, die es sich leisten können.

Die Berger Straße: Ein Ort der Entmenschlichung. Ein Ort mitten in Frankfurt, an dem die Entindividualisierung als erstrebenswertes Gut gefeiert wird. Die Menschen frönen dem Selbstoptimierungswahn und finden Befriedigung, indem sie aus einem Angebot wählen, das ihnen in Wirklichkeit gar keine Wahl lässt. Im antiken Rom wurde dem Pöbel noch Brot und Spiele geboten. Im 21. Jahrhundert ist man sich bewusst, dass Brot zum Funktionieren auch reicht. Freiräume und Spiele gibt es auf der Berger Straße nicht mehr. Die Berger Straße ist im Arsch!
 
8. März 2019, 10.17 Uhr
Moritz Post
 
 
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