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Interview: Olivia Sarma von Response
 

Interview: Olivia Sarma von Response

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„Rassistische Gewalt ist kein Problem Einzelner“

Foto: Response/Bildungsstätte Anne Frank
Foto: Response/Bildungsstätte Anne Frank
Olivia Sarma leitet die Beratungsstelle Response der Bildungsstätte Anne Frank für Betroffene rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt. Mit dem JOURNAL FRANKFURT hat sie darüber gesprochen, weshalb es wichtig ist, solche Vorfälle öffentlich zu machen.
JOURNAL FRANKFURT: Frau Sarma, Sie bieten mit Response Opfern von rechter, antisemitischer und rassistischer Gewalt Beratung an. Von wie vielen Straftaten dieser Art sprechen wir denn?
Olivia Sarma: 2018 gab es täglich mindestens vier rechte und rassistische Gewalttaten in Deutschland. Dies gab unser Dachverband, der Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG), kürzlich bekannt. „Mindestens vier“ sind es, weil in den Statistiken des VBRG bisher lediglich sieben Bundesländer enthalten sind. Für die anderen – auch für Hessen – gibt es bisher keine Monitoringzahlen. Vieles, was passiert, bleibt außerdem ungesehen und taucht in Statistiken nicht auf – das berühmte Dunkelfeld. Rechte, rassistische und antisemitische Gewalt sind für viele Menschen Alltag. Gleichzeitig werden ihre Perspektiven selten gehört. Es ist daher notwendig, rechte, rassistische und antisemitische Gewalt als ein Problem für die gesamte Gesellschaft zu betrachten und Verantwortung zu übernehmen.

Wie ist die Beratungsstelle Response entstanden?
Die Bildungsstätte Anne Frank (BAF) berät bereits seit 2006 im Rahmen des Beratungsnetzwerks Hessen mit einem mobilen Beratungsteam Schulen, Vereine und andere Institutionen nach rassistischen, antisemitischen und rechtsextremen Vorfällen. Dass es wichtig ist, die Perspektive (potentiell) Betroffener dabei mitzudenken, war immer zentrales Anliegen und Qualitätsmerkmal der Arbeit der BAF. Es war auch lange deutlich, dass es für die Betroffenen selbst ein anderes unabhängiges und parteiliches Beratungsangebot braucht. Als es dann 2015 mit dem neuen Bundesprogramm „Demokratie leben!“ Fördergelder für die Opferberatung gab, war klar, dass wir uns bewerben und dass eine solche Stelle in der BAF aufgrund der umfassenden Erfahrungen in dem Feld gut angesiedelt ist. Wir haben uns dann schnell in Verbindung mit den anderen und schon länger arbeitenden Beratungsstellen in Deutschland vernetzt und sind im Dachverband VBRG Mitglied geworden. Die professionellen Qualitätsstandards, die sie entwickelt haben, sind auch für uns bindend.

Und wie kam der Name zustande?
Als erstes steht Response dafür, dass Betroffene nicht alleine bleiben und es bei uns ein solidarisches Gegenüber gibt. Wir möchten mit unserem Namen kommunizieren, dass es bei uns Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner gibt, die das Erlebte ernstnehmen und gemeinsam mit den Beratungsnehmenden nach Strategien und Wegen suchen, mit dem Erlebten umzugehen. Nach Vorfällen gibt es viele offene Fragen, wir haben auch ein paar Antworten – zwar nicht alle, aber zumindest können wir eine erste Orientierung geben, zum Beispiel was Ermittlungsverfahren und Gerichtsprozesse angeht.

Wie hoch ist die Nachfrage seither nach dem Beratungsangebot?
Wir haben 2015 mit zehn Beratungsfällen begonnen und vergangenes Jahr in 102 Fällen beraten. Dieses Jahr sind schon 65 neue Anfragen bei uns eingegangen. Die Vorfälle reichen von massivem Hatespeech gegen Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen, über Personen, die tägliche rassistische Abwertungen, sogenannte Mikroaggressionen, erleben und sich dadurch stark belastet fühlen, bis hin zu körperlichen Angriffen auf Frauen, die einen Hijab tragen. Ob mehr Menschen betroffen sind oder einfach mehr von unserem Beratungsangebot erfahren, kann ich nicht beurteilen. Deutlich ist jedoch, dass der Bedarf sehr hoch ist, und je sichtbarer Response wird, desto mehr Menschen nehmen unsere Unterstützung in Anspruch.

Mit welchen Problemen wird Response am häufigsten aufgesucht?
Die meisten Personen, die sich an uns wenden, haben rassistische Angriffe oder Bedrohungen erlebt. Es kommen aber auch Menschen mit Antisemitismuserfahrungen, Menschen, die sich für Geflüchtete oder gegen Nazis engagieren und von Rechten angegriffen werden, oder Menschen, die von Rassismus gegen Roma betroffen sind. Wir unterstützen dann auf vielfältige Weise, je nachdem was gebraucht wird: Manche Personen suchen einen Ort zum Sprechen und wollen ihre Erfahrung teilen. In psychosozialen Beratungen begleiten wir dabei, die eigenen Ressourcen und Handlungsfähigkeit im Alltag wieder zu stärken. Wir informieren aber auch zu Strafprozessen und begleiten in Ermittlungsverfahren. Manchmal wünschen sich Betroffene auch mehr stärkere Aufmerksamkeit für ihre Probleme in der Öffentlichkeit und dann unterstützen wir auch damit.

Sie haben auf Ihrer Homepage eine Chronik rechter Gewalt in Hessen und werden zudem im Herbst eine Online-Meldestelle einrichten. Inwiefern hilft die Veröffentlichung von Gewalttaten den Betroffenen?
Es ist außerordentlich wichtig, die Dimensionen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt sichtbar zu machen, denn viel zu oft wird etwa über das Thema gesprochen, ohne Betroffene sprechen zu lassen. Gleichzeitig machen Betroffene oft die Erfahrung der Vereinzelung und der Bagatellisierung. Das Gefühl, im Alltag bedroht zu sein, wird heruntergespielt, und das, während es offensichtlich ist, dass besonders im Netz – aber nicht nur dort – rassistische Hetze zunimmt. Dadurch fühlen sich Rassistisch- und Rechtsgesinnte legitimiert, gegen Menschen of Color, schwarze Personen, Migrantinnen und Migranten und Geflüchtete zu mobilisieren oder sie anzugreifen.

Die Veröffentlichung der Fälle macht die Dimension des Problems deutlich, zeigt die Bandbreite auf, zeigt Betroffenen, dass sie nicht alleine sind und ihre Erfahrungen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Es regt nicht-betroffene Menschen auch an, Fälle zu melden, als Akt des zivilgesellschaftlichen Engagements und der Intervention.

Sie haben außerdem dazu aufgerufen, in den sozialen Medien unter dem Hashtag #istAlltag Erfahrungen mit Rassismus zu sammeln. Was ist der Hintergrund dieser Kampagne?
Mit unserer Kampagne #istAlltag haben wir im vergangenen Jahr sehr viele Menschen erreicht und viele haben ihre Erfahrungen geteilt. Die zugehörigen Kampagnenfilme von Lars Becker mit Victoire Laly und Kida Ramadan zeigen aus der Betroffenenperspektive, auf welche Weise sich rassistische Gewalt in der Gesellschaft äußert – nämlich überall: im Treppenhaus, in der U-Bahn, am Kiosk. Rassistische Gewalt ist Alltag in Deutschland – das ist die Botschaft der Kampagne. Und: Rassistische Gewalt ist kein Problem Einzelner.

Mit der Veröffentlichung der Online-Meldestelle im Herbst werden wir einen neuen Hashtag einführen: #HessenSchautHin. Der Start der Meldestelle wird ebenfalls von einer Kampagne begleitet, für die wir Videos produzieren lassen. Die Kampagnenfilme zu #istAlltag sind auch dieses Jahr wieder hessenweit in Kinos zu sehen.
 
5. Juli 2019, 12.25 Uhr
Julia Heßler
 
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