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Im Gespräch mit Titanic-Chef Moritz Hürtgen
 

Im Gespräch mit Titanic-Chef Moritz Hürtgen

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Ein unbequemer Kollege

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Leser lieben ihn, Journalisten fürchten ihn: Moritz Hürtgen ist neuer Titanic-Chefredakteur. Mit dem JOURNAL FRANKFURT hat der erste Satiriker im Land über Fakes, Fake-Fakes und die Bild-Zeitung gesprochen.
Die Satire erlebt eine wilde Achterbahnfahrt. Nach Charlie Hebdo und der Böhmermann-Affäre wogten große Solidaritätswellen für die Freiheit des komischen Wortes durch das Land. Heute liest man das Wort Satire zumeist auf den Facebook-Seiten von Wutbürgern, wenn diese beim Verbreiten von Lügengeschichten, verniedlicht als Fake News, ertappt werden. „War alles nur Satire“ – ach so, na dann. Trotzdem gebe es keine bessere Zeit, Satiriker zu sein, ist Moritz Hürtgen überzeugt. „Durch das Internet ist alles schneller geworden. Satire kann sofort reagieren und weil es so viel Konkurrenz gibt, werden uns die billigen Witze, die wir früher gemacht haben, weggeschnappt. Dadurch sind wir gezwungen, nachzudenken. Deshalb ist Titanic auf einem Niveau, das es vorher nie gab. Je mehr Satire, desto besser.“

Er muss das sagen, immerhin ist er seit Januar als neuer Titanic-Chef der erste Satiriker im Land. Völlig überraschend ist seine Beförderung nicht gewesen. Schon zweimal ist es ihm gelungen, die große Bild-Zeitung an der Nase herumzuführen. Als angeblicher Juso erzählte er dem Springer-Verlag eine wilde Räuberpistole über russische Trolle im SPD-Mitgliederentscheid. Die nahmen das für bare Münze und druckten das Märchen auf ihrer Titelseite. Dafür gab es hinterher reichlich Kritik, auch an Hürtgen. Dabei hat er mit seinem Fake gezeigt, wie simpel man der Bild eine Geschichte unterjubeln kann, wenn sie nur in das Weltbild der Redaktion passt. Wer weiß, welche andere Falsch-Informationen es noch auf die Titelseite geschafft haben.

Beim zweiten Mal tarnte er sich auf Twitter als „HR-Tagesgeschehen“, ein erfundener Nachrichtenkanal des Hessischen Rundfunks und behauptete, die CDU wolle in Bayern gegen die CSU antreten. Ein einfacher Anruf bei HR oder CDU hätte den Fake aufgeklärt. Viele Journalisten taten das nicht und verbreiteten stattdessen die Geschichte ungeprüft weiter: Darunter die Nachrichtenagentur Reuters und, erneut, die Bild. Kann er solche Coups als Chefredakteur überhaupt noch toppen? „Ich habe vier Jahre daran gearbeitet, dass Tim Wolff bricht und früher aufhört, damit ich schneller zum Zug komme“, sagt Hürtgen mit ernster Miene. „Jetzt sind diese Erfolgsgeschichten vor meiner Chefredakteurszeit durchgegangen. Natürlich ist die Erwartung hoch. Wir arbeiten hier mit Hochdruck an Fakes und Fake-Fakes.“

Das Titanic Magazin lebt vom eitlen Geplauder der Prominenten und Politiker. Unachtsam dahin geworfene Sätze greifen die Titanic-Redakteure mit diebischer Freude auf und schreiben dann die berühmten „Briefe an die Leser“. Diese Tätigkeit färbt offenbar auf das eigene Gesprächsverhalten ab. Moritz Hürtgen agiert defensiv. Er denkt nach, wählt seine Worte genau und antwortet dann so knapp wie möglich. Manchmal antwortet er mit großem Ernst, manchmal mit offensichtlichem Blödsinn und oft irgendwo dazwischen.

In seiner Schulzeit sei er kein Pausen-Clown gewesen, sagt Hürtgen. Doch zur Titanic kam er früh. Als Oberstufenschüler bei München schrieb er im Deutsch-Leistungskurs seine Facharbeit über das Satiremagazin. Deshalb machte er ein dreiwöchiges Schülerpraktikum bei Titanic. „Der damalige Chefredakteur Thomas Gsella hatte mir leichtsinnig versprochen, dass es dafür auch Geld gebe“, sagt Hürtgen. Mit der ersten Gehaltsüberweisung kam die Erkenntnis, dass Satire tatsächlich ein Beruf ist. „Mit so einfacher Arbeit kriegt man hier Geld – das muss mein Job werden.“ Die weitere Karriere verläuft logisch auf ihren jetzigen, vorläufigen Höhepunkt zu, den Chefredakteursposten – mit gerade mal 29 Jahren. „Alle fünf Jahre wird jemand aus der Redaktion zum Chefredakteur ausgewählt und ich hatte das Pech, als letzter gesagt zu haben, ich wolle es nicht tun. Deshalb muss ich das jetzt machen.“

Bei Titanic ist der Aufstieg nach ganz oben immer auch automatisch der Ausstieg. Nach spätestens fünf Jahren muss ein Chefredakteur gehen und verlässt damit auch die Redaktion. Das war schon bei Hans Zippert und Martin Sonneborn so. Warum, weiß Hürtgen selbst nicht ganz genau. „Man will wohl verhindern, dass da einer zu viel Macht hat.“ Vielleicht eine Lehre aus dem Schicksal der Pardon. Bei dieser Zeitschrift hatten sich die Gründerväter der Titanic um Robert Gernhardt, Hans Traxler und F. K. Waechter ihre ersten Lorbeeren verdient. Als das Heft unter der Leitung von Hans A. Nikel in die Esoterik abdriftete, stiegen die Satiriker aus und machten ab 1979 mit Titanic ihr eigenes Ding.

Das Magazin feiert diesen November den vierzigsten Geburtstag – Pardon wurde 1982 eingestellt. Hürtgens Wegbereiter Gernhardt und Waechter hängen heute in Museen – ein schweres Erbe? „Es heißt, früher sei die Satire besser gewesen“, sagt Hürtgen. „Wir haben aber das Glück, dass einige unserer Gründer noch leben und die erzählen uns, damals sei es genauso gewesen.“ Auch der ersten Titanic-Generation habe man vorgeworfen, ihr Werk sei nicht gut und davor war alles besser. „Von daher freue ich mich auf die Zeit in 20 bis 30 Jahren, wenn ich ein Ex-Satiriker bin. Dann werden die Leute sagen, damals unter meiner Leitung sei alles gut gewesen“, sagt Hürtgen.

Gibt es etwas, worüber er keine Witze machen würde? „Das ist eine Standard-Antwort, aber die gilt: Man macht keine Witze über Menschen in einer schwächeren Position. Man schlägt nach oben und tritt nicht nach unten.“ Vor den Mächtigen im Mediengeschäft hat er keine Angst. Moritz Hürtgen ist ein unbequemer Kollege – Querulant und Korrektiv in einer Person.

Eine Version dieses Artikels erschien erstmals in der Print-Ausgabe 02/2019 des JOURNAL FRANKFURT.
13. März 2019
Jan Paul Stich
 
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