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Im Gespräch mit Meron Mendel
 

Im Gespräch mit Meron Mendel

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„Das Problem ist nicht die Kippa, das Problem sind die Antisemiten in diesem Land“

Foto: Rafael Herlich
Foto: Rafael Herlich
Meron Mendel leitet seit 2010 die Bildungsstätte Anne Frank. Im Interview mit dem JOURNAL FRANKFURT äußert er sich zu der Warnung des Antisemitismusbeauftragten Felix Klein und dazu, welche Auswirkungen diese für Jüdinnen und Juden in Deutschland haben.
JOURNAL FRANKFURT: Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, hat vor einigen Tagen öffentlich Jüdinnen und Juden geraten, sich nicht überall in Deutschland mit einer Kippa zu zeigen. Unterstützen Sie diese Aussage?

Meron Mendel: In den vergangen Monaten sind einige Vorfälle bekannt geworden, in denen Männer wegen des Tragens einer Kippa verbal oder körperlich angegriffen wurden. Auch bei uns in der Bildungsstätte Anne Frank und unserer Beratungsstelle Response sind einzelne Fällen aus dem Rhein-Main Gebiet eingegangen. Ob man aufgrund solcher Fälle eine Warnung aussprechen soll, ist für mich eine offene Frage. Wie würden wir darauf reagieren, wenn Frauen davor gewarnt werden würden, einen Minirock zu tragen, weil die Gesellschaft das Problem der sexuellen Belästigung nicht in den Griff bekommt? Das Problem ist nicht die Kippa, das Problem sind die Antisemiten in diesem Land.

Welche Auswirkungen hat diese Aussage Ihrer Meinung nach für die Jüdinnen und Juden in Deutschland?

Jüdinnen und Juden kennen das Problem nicht erst seit gestern und können selbst ganz gut einschätzen, ob und wann sie Kippa tragen wollen. Insofern glaube ich nicht, dass die Aussage eine große Auswirkung auf ihr alltägliches Verhalten hat. Wenn solch eine Warnung von einem offiziellen Repräsentanten der Bundesregierung kommt, werden Jüdinnen und Juden in Deutschland natürlich nicht unbedingt in ihrem Sicherheitsgefühl bestärkt. Andere sagen: Endlich nimmt die Bundesregierung das Problem ernst.

Welche Erfahrung mit Antisemitismus haben Sie in Frankfurt gemacht? Können Sie bestätigen, dass dieser immer weiter zunimmt?

Frankfurt ist, auch im Bundesvergleich, eine weltoffene und tolerante Stadt. Mit der viertgrößten Jüdischen Gemeinde in Deutschland fühlen sich Jüdinnen und Juden hier verwurzelt und sind fester Bestandteil der Stadtgesellschaft. Auch bei uns gibt es antisemitische Gewalt, es handelt sich aber um Einzelfälle. Bisher haben wir keine festen Indizien, dass Antisemitismus in Frankfurt generell zunimmt. Antisemitische Schimpfwörter, Ressentiments und Verschwörungsideologien machen auch in Frankfurt die Runde, das fängt schon auf dem Schulhof an. Natürlich müssen wir wachsam bleiben.

Glauben Sie, in der Öffentlichkeit wird genug über dieses Thema diskutiert?

Die öffentliche Empörung über den ein oder anderen Vorfall ist zwar löblich, trägt aber kaum zu einer langfristigen Lösung bei. Wir brauchen nachhaltige Strategien zur Antisemitismus- und Rassismusbekämpfung. Deshalb haben wir zusammen mit dem Hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) und dem Sozialminister Kai Klose (Bündnis 90/ Die Grünen) langfristige und großangelegte Projekte vereinbart, um die Probleme an der Wurzel packen zu können. Durch die gesteigerte mediale Aufmerksamkeit wird natürlich auch Druck ausgeübt, dass die Politik das Thema nicht einfach wieder zu den Akten legt.

Welche Maßnahmen müsste Ihrer Meinung nach die Politik einleiten, um Antisemitismus entgegenzuwirken?

Es ist notwendig, jede Form der Diskriminierung und Ausgrenzung zu bekämpfen. Antisemitismus ist ein Ausdruck einer menschenfeindlichen Haltung, aber nicht die einzige. Wir brauchen keine Symbolpolitik, sondern konkrete Maßnahmen in der Lehrerausbildung, in der Gestaltung von Lehrplänen und beim aktiven Schutz von Betroffenen. Wir brauchen eine Verankerung der politischen Bildung in den Regelstrukturen zum Beispiel in der beruflichen Ausbildung, der Unterstützung von Betroffenen von rassistischer und antisemitischer Gewalt und ganz besonders liegt mir die Stärkung des jüdisch-muslimischen Dialogs am Herzen.

Am Samstag ist der jährliche Al-Quds-Tag, der häufig zu staatlich organisierten Massendemonstrationen gegen Israel genutzt wird, bei denen die „Befreiung Jerusalems von den zionistischen Besatzern“ gefordert wird. Anlässlich dazu hat Felix Klein zu einem solidarischen Kippa-Tragen aufgerufen. Damit setze man ein wichtiges Zeichen der Solidarität mit Juden und trete ein für die uneingeschränkte Religionsfreiheit und gesellschaftliche Vielfalt. Ist ein solidarisches Kippa-Tragen Ihrer Meinung nach ausreichend?

Auch wenn ich gegen die Solidarität mit dem Kippa-Tragen nicht grundsätzlich etwas einzuwenden habe, bin ich skeptisch, ob sich tatsächlich viele Menschen mobilisieren lassen. Wir hatten schon in Frankfurt und anderen Städten den Kippa-Tag mit relativ geringer Beteiligung. Selbst in Berlin, wo diese heftige Gürtel-Attacke auf einen Kippaträger in Neukölln stattgefunden hat, kamen nur etwa 2.000 Teilnehmende zusammen. Die Demonstrationen am Al-Quds-Tag werden meines Erachtens dadurch nicht mit verhindert. Sie finden schon seit Jahrzehnten vor allem in Berlin statt und werden vom iranischen Regime finanziert und organisiert. Es gilt, erstmals diese Einmischung eines fremden Staates hierzulande mit geheimdienstlichen und rechtlichen Mitteln zu verhindern. Erfreulich ist auf jeden Fall, dass in Frankfurt bisher keine Demos zum Al-Quds-Tag stattgefunden haben. Auch in diesem Aspekt ist Frankfurt ein Vorbild für die gesamte Bundesrepublik.
 
31. Mai 2019, 11.40 Uhr
Elena Zompi
 
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