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Gastbeitrag von Frank E. P. Dievernich
 

Gastbeitrag von Frank E. P. Dievernich

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Hase und Igel

Foto: Unsplash
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Frank E. P. Dievernich, Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences, hat in einem Gastbeitrag über Hochschulentwicklung im Zeitalter der Digitalisierung geschrieben – und darüber, was das mit Meditation zu tun hat.
Gesellschaft verändert sich. Das war immer so. Nichts Neues also, könnte man meinen. Da die Vergangenheit vermeintlich bekannt und die Zukunft unbekannt ist, neigt man jedoch gelegentlich dazu, den aktuellen Stand der Dinge mit Blick auf das Unbekannte, was vor einem liegt, als tatsächlich „anders“ zu beschreiben. Wie sehr wir nun wirklich in einem neuen gesellschaftlichen Zustand leben oder in ihn hinein steuern, ist abschließend nicht zu beantworten. Jedoch braucht es, um überhaupt diese ersten Zeilen schreiben zu können, so etwas wie ein Reflexionsvermögen. Um dieses, gewissermaßen einen Klassiker der Aufklärung, soll es nachfolgend gehen. Deutlicher formuliert: Was muss getan werden, um das Reflexionsvermögen in einer Gesellschaft, die sich in der digitalen Transformation befindet, zu sichern? Wie müssen die Rahmenbedingungen gestaltet werden, damit wir die Fähigkeit zur Reflexion nicht verlieren? Und welche Rollen sollten dabei Hochschulen spielen, die doch traditionellerweise als Bildungsinstitutionen der Reflexion verschrieben sind?

Zunächst muss festgehalten werden, dass die Digitalisierung für das Wissen eine entscheidende und gravierende veränderte Rahmenbedingung darstellt. Sie ist derart schnelllebig und produziert durch ihre Technologie völlig neuartige Produktionsmethoden, -prozesse und Produkte, die jenseits des bisherigen Wissens- und Kulturbestandes liegen. Zudem verändert sie das Denken, die Kommunikation und das Lernen. Schließlich, als Resultat aus allem, den Menschen als soziales Wesen selbst. Solche disruptiven Innovationen, welche die Rahmenbedingungen des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens sprunghaft verändern, sind selten und haben einen epochalen Charakter. Von daher spricht man auch von der sogenannten digitalen oder industriellen Revolution, da nichts mehr selbstverständlich an dem anschließt, was vorher war.

Eine solche Diagnose kann Hochschulen nicht unberührt lassen; sie können nicht einfach weitermachen, wie bisher. Tun sie es dennoch, dann kann man ihnen im besten Falle vorwerfen, sie säßen in einem Elfenbeinturm, ein Stück weit losgelöst von der Gesellschaft, in der sie eingebettet sind. Eine Gesellschaft braucht durchaus Elfenbeintürme, die jenes Wissen produzieren oder gar konsumieren, welches die Gesellschaft zu einem anderen Zeitpunkt, jenseits ihres Mainstreams, dann brauchen könnte. Sie sind sozusagen Vorratsspeicher unterschiedlichen, nicht eindeutig anschlussfähigen Wissensbestands, ja, sie sind sogar der Lieferant überschüssigen Sinns. Freie Gesellschaften leisten sich eine solche Funktion.

Im schlechtesten Fall hingegen bespielen Hochschulen sich und ihre Studierende mit altem Wissen, weil sie keinen Zugang, keine Fantasie und keinen Mut haben, neue Wege zu gehen. Schließlich ging es in Hochschulen stets darum, theoretisch fundiertes und/oder praktikables Wissen zu vermitteln, was vor allem berufsförderlich sein sollte. Was aber machen Hochschulen, genauer, was können Hochschulen an Wissen vermitteln, wenn im Zeitalter der Digitalisierung nicht mehr klar ist, welche Art des Fachwissens noch relevant ist?

Auf den Umgang mit Nichtwissen haben sich Hochschulen in der Lehre nie einstellen müssen, obwohl sie in der Forschung mit einem Bein doch im Bereich des Nichtwissens agierten. Genau darum geht es aber in Phasen disruptiver Innovationen. Das Fachwissen veraltet im Kontext der Digitalisierung dramatisch, immer wieder wird von einer massiven Verringerung der „Halbwertszeit“ des Wissens gesprochen. Das, was heute als modern und relevant, als „state of the art“ gilt, stellt morgen nur mehr eine Erinnerung an Modernität dar. Dass Hochschulen nun vermehrt Gefahr laufen, Opfer dieser Entwicklung zu sein, hat viel mit dem zu tun, was Hochschulen in den letzten Jahren getan haben: Sie haben sich spezialisiert, sie haben vielfältigste Studiengänge, zumeist im Bereich der Master-Abschlüsse, entwickelt, welche die jungen Menschen besonders effektiv auf die Bedürfnisse der Praxis ausgerichtet haben. Daran ist erst einmal nichts auszusetzen, jedoch verändert sich diese Einschätzung, wenn Technologie, Wirtschaft und Gesellschaft sich schneller verändern, als Hochschulen mit ihren spezialisierten Studienangeboten hinterherkommen könnten. Und sind Studieninhalte akkreditiert, dann können sie nicht so einfach wieder herausgenommen werden. Am Ende sind die Hochschulen dann doch der Hase, der gegen den Igel das Rennen verliert. Was ist also zu tun? Die Antwort ist, der klügere Igel zu werden.

Zum klugen Igel, um im Bild zu bleiben, gehört nun dreierlei. Vorweg sei aber erwähnt, dass dies per se nicht zu jedem Zeitpunkt gleich einzuschätzen ist. Es ist ein Ratschlag, der derzeit Sinn zu machen scheint. Ein anderer Zeitpunkt könnte hingegen nahelegen, wieder zum Hasen zu mutieren. Nun zum Igel: Erstens scheint es derzeit entscheidend zu sein, sich in seinem Leistungskatalog darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist, was es tatsächlich braucht. Hochschulen müssen wieder vermehrt und vielleicht für eine noch unbestimmte Dauer vor allem Grundlagenkompetenzen vermitteln. Wie sehr verloren gegangen dies zu sein scheint, kann man erfahren, wenn man sich mit Chris Boos, dem in Frankfurt ansässigen Gründer von Arago, unterhält: In seinem Unternehmen ist besonders studiertes Personal aus Osteuropa erwünscht, da es das Grundhandwerkszeug beispielweise der Mathematik fließend beherrscht; den „digitalen en Vogue-Rest“ lernen sie dann im Unternehmen selbst.

Zwar mögen durch eine Fokussierung auf die Grundlagen spannende Namen von vermeidlich hippen Studiengängen verloren gehen, aber wir wissen, wie schnell Namen und imaginäre Versprechen doch nur Schall und Rauch sein können. Ein solcher Schritt erscheint spröde, trocken und vielleicht altbacken, jedoch geht es um das dringend benötigte Handwerkszeug, das die jungen Menschen überhaupt erst in die Lage versetzt, mit unbekannten und hochkomplexen Situationen, wie sie die Digitalisierung bereithält, umgehen zu können. Diesen Weg eines Zurück in die Zukunft ist auch im zweiten Punkt vorhanden. Das eine ist also das Fachwissen, das im Zeitalter der Digitalisierung eher ein Grundlagenwissen sein muss, welches die Hochschulen vermitteln sollten. Man könnte auch von einer fachlich stabilen Grundierung sprechen, um die es gehen muss. Ein solch Basales braucht es zudem vermehrt auf der Ebene der Persönlichkeitsentwicklung. Es sind vor allem die Menschen, die als Persönlichkeiten stabil genug sein müssen, um sich in einem extrem schnelllebigen digitalen Umfeld sich sicher bewegen zu können. Zur Digitalisierung gehört, dass sie Informationen in unendlicher Fülle als Reize versendet und zur Verfügung stellt. Digitalisierung erfordert Aufmerksamkeit in einem Maß, wie wohl bisher nicht da gewesen.

So gibt es die analoge Welt, die Aufmerksamkeit einfordert und es existiert neuerdings auch die digitale Welt, sozusagen als zweite Wirklichkeit, die ebenfalls von unserer begrenzten Aufmerksamkeit etwas abhaben will. Beides muss unter einen Hut gebracht werden – und dies gelingt für den Einzelnen immer schwieriger. Es bedarf also einer Fokussierung. Das kann und muss trainiert werden. Ein Weg dies zu tun ist, findet gerade an unserer Hochschule, der Frankfurt University of Applied Sciences, statt. Die Meditation wird als Lehrstoff, als Option in das Curriculum, konkret in das Interdisziplinäre Studium Generale eingebaut. Die Nachfrage ist enorm und das Gefühl der Studierenden besser zu sich zu kommen oder bei sich zu bleiben bestätigt uns in diesem Vorhaben. Dass das ein Weg zurück in die Zukunft ist, hat vor allem damit zu tun, dass Meditation eine jahrtausendalte kulturelle Praxis ist. Und wie wirksam, hilfreich und aktuell sie ist, sieht man an den aktuellen Feedbacks der Studierenden. Wir wären keine Hochschule, wenn wir eine solche Praxis nicht auch in einem wissenschaftlichen Kontext präsentieren würden. Es muss verstanden werden, wie die Mediation im Kontext von Wissenschaft, Kultur, Philosophie, Religion und der Wirtschaft einzuordnen ist – kurz, warum sie einen signifikanten, hilfreichen und spürbaren Unterschied in den heutigen Zeiten machen kann, diese besondere Epoche bewusst und achtsam anzugehen –
und selbstbestimmt durchzustehen.

Die Selbstbestimmung ist der dritte entscheidende Punkt, an der sich Hochschulen im Zeitalter der digitalen Transformation ausrichten müssen. Die Frage, der sich derzeit nicht nur Hochschulen, aber diese vor allem stellen müssen, lautet, was den Menschen in Zukunft noch ausmachen wird, wenn die Künstliche Intelligenz (KI) vieles, was bisher vom Menschen gemacht wurde, schneller, besser oder überhaupt erst möglich macht. Welche Rolle bleibt dem Menschen in einer solchen Gesellschaft noch übrig, ohne dass er sich als überflüssig erleben muss? Es geht darum herauszufinden, wo das Menschliche komplementär zur KI wirken kann. Dieses Menschliche wiederum ist stark an der jeweiligen Persönlichkeit und an den entsprechenden sozialen Kontext gebunden.

Sicher scheint heute zu sein, dass Kreativität eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist, ebenso philosophisches, ganzheitliches Denken sowie seine Reflexionsfähigkeit. Wenn dem so ist, müssen Hochschulen genau hier einen neuen Schwerpunkt setzen – unabhängig vom Hochschultyp und vom gewählten Studium. Salopp formuliert könnte man auch sagen und fordern: Philosophie und (kreatives) Denken (endlich) für alle! Es ist der Mensch, der denken kann – das Gehirn muss wie ein Muskel trainiert werden, ansonsten verkümmert es. Und gerade das braucht unsere Gesellschaft: denkende, selbstreflektierte, empathische und kreative Menschen. Wo, wenn nicht an Hochschulen (und Schulen) muss das angeleitet werden? Es ist ja gerade die Digitalisierung, die uns verleitet zwar jederzeit zu wissen, wo bestimmtes Wissen abrufbar ist – die eigenständige und damit kritische Herleitung jedoch bleibt auf der Strecke.

Dass es die reflektierte, faktenbasierte Kritikfähigkeit braucht, legt die Digitalisierung in Form der sozialen Medien täglich nahe. Es ist nur mehr schwer nachvollziehbar, was wirklich Fakten und was die sogenannten „alternativen Fakten“, was Fake News sind. Nicht ohne Grund gehen angeführt von vielen wissenschaftlichen Institutionen die Menschen bei den March for Science-Veranstaltungen auf die Straße. Fake News nicht auf den Leim zu gehen, setzt voraus über das Selbstverständnis, eine Haltung und Techniken zu verfügen, die einen nicht leichtfertig verführen, das zu glauben, was einem serviert wird und möglicherweise aufgrund des Daten-Trackings sogar zum eigenen Mind Set passend erscheint. Es braucht also mehr akribische Wissenschaftlichkeit, die in Fächern wie der empirischen Sozialforschung und des Data Literacy vermittelt gehören. Dahinter steht nichts Geringeres als zu lernen, es sich nicht zu einfach zu machen – und das in einer digitalisierten Welt, deren Narrativ täglich nichts anderes beschwört, als im Alltag die intuitive Einfachheit zu zelebrieren.

Zusammenfassend: Grundlagenwissen, die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit sowie (faktenorientiertes, kritisches) Denken sind also die (analogen und eben nicht veralteten) Elemente einer in der digitalen Transformation befindlichen Gesellschaft. Das anzubieten muss die Aufgaben der Hochschulen sein, wollen sie Zukunftsorte bleiben – oder besser: Orte, in denen man sich auf die Zukunft einstellen kann. Die Meditation ist dabei als ein pädagogisches Element anzusehen, welche wir vor allem auf dem Weg hin zu einer stabilen und stressresistenteren Persönlichkeit verorten. An der Frankfurt University of Applied sind wir auf dem Weg zu einer moderneren Hochschule, die den Menschen auf dem Weg hin zu einer digitalisierten Gesellschaft begleitet den ersten wichtigen Schritt getan. Weitere müssen im Sinne des hier Vorgestellten folgen.

Über Frank E. P. Dievernich: Jahrgang 1970, Studium der Betriebswirtschaftslehre und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.Tätigkeiten unter anderem als Manager bei der Deutschen Bahn AG und bei der Unternehmensberatung Kienbaum Consultants International sowie seit 2007 als systemischer Business-Coach und Lehrtrainer. Seit 2014 Präsident der Frankfurt University of Applied Sciences. 2018 erschien sein Buch „Bildung 5.0: Wissenschaft, Hochschulen und Meditation: Das Selbstprojekt“.
14. August 2019
Frank E. P. Dievernich
 
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