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Dr. Ruth Westheimer spricht über Sex und mehr
 

Dr. Ruth Westheimer spricht über Sex und mehr

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Rückkehr an den Ort der Kindheit

Foto: Nicole Brevoord
Foto: Nicole Brevoord
Ihre 87 Jahre merkt man der berühmtesten Sextherapeutin der Welt nicht an. In einem neuen Buch verrät die quirlige Ruth Westheimer den Quell ihrer Lebensfreude und sprach am Freitag in Frankfurt über ihre Kindheit am Main.
Alles an Ruth Westheimer ist außergewöhnlich. Ihre quirlige Art und ihr pinker Blazer etwa, beides würde man nicht mit einer 87-Jährigen verbinden. Sie wohnt seit Jahrzehnten in den USA, genauer: in New York – „der besten Stadt für Witwen“ – und wenn sie spricht, hat sie einen deutlich vernehmbaren hessischen Einschlag, sowohl im Englischen als auch im Deutschen. Auch dieser Akzent machte sie in den USA zur Kultfigur. Weil die vermeintlich prüden Amerikaner der 1,40 Meter großen Frau, die erst mit 50 Jahren Sextherapeutin wurde, im Radio und Fernsehen gerne lauschten, wenn sie mit einem breiten Grinsen über Klitoris und über frühzeitige Samenergüsse erzählte. Sie fasst Tabus in konkrete Worte. „Ich liebe es, wenn die Leute lachen, wenn ich über Orgasmen spreche“, sagt die Sex-Expertin bei ihrem Besuch im Steigenberger Frankfurter Hof. Dort wohnt sie immer, wenn sie wie jetzt auf der Buchmesse ist. Hier stellte sie am Freitag ihr neues Buch „Lebe mit Lust und Liebe“ vor. Ein Ratgeber, in dem sie ihre Lebensfreude mit anderen teilt, aber auch über ihr äußerst dramatisches Leben spricht, das letztlich sogar Stoff für das Theaterstück "Becoming Dr. Ruth" bot.

Eine Frankfurter Kindheit
„In Frankfurt zu sein, ist für mich nicht unkompliziert. Ich war schon fünfzehn Mal auf der Buchmesse und bin jedes Mal wieder mit neuen Projekten nach Hause gekommen. Das hier ist bestimmt nicht mein letztes Buch“, sagt Dr. Ruth, die man in Asien auch Dr. Sex nennt. In Frankfurt ist Karola Ruth Siegel, so der Mädchenname, aufgewachsen, verlebte zehneinhalb glückliche Jahre hier, besuchte als Tochter jüdisch-orthodoxer Eltern die Samson-Raphael Hirsch-Schule. „Ich bin in der Nazizeit in die Schweiz geschickt worden, in ein Kinderheim, aber ich hab geglaubt, dass ich die Eltern wiedersehen werde, dass das nur für sechs Monate ist.“ Doch aus Monaten seien sechs Jahre geworden. „Frankfurt ist ein Problem für mich. Ich gehe beispielsweise nicht gern am Hauptbahnhof vorbei. Weil ich dort, da war mein Vater schon von den Nazis für ein Arbeitslager abgeholt worden, das letzte Mal meine Mutter und meine Großmutter gesehen habe.“ Es war ein Abschied für immer. „Doch trotz der Traurigkeit komme ich jedes Jahr zur Frankfurter Buchmesse, weil es die größte Buchmesse ist. Ich habe jetzt 37 Bücher geschrieben – ich muss also hier sein. Ich habe auch kein Problem mit jüngeren Menschen. Die ganz Alten will ich nicht treffen.“ Derzeit sei sie sehr froh, wie offen sich Deutschland zeige und dass so viele Flüchtlinge aufgenommen werden.

„Früher bin ich immer in den Palmengarten gegangen, da war ich jeden Sonntag mit meiner Großmutter. Ich weiß noch genau, wo die Wiese ist, wo ich gespielt habe. Und ich erinner mich noch an Baiser mit Schlagsahne, was ich immer gegessen habe. Ich war noch einige Male da, nur um die Erinnerungen wach zu halten. Und auf dem neuen jüdischen Friedhof bin ich öfter, weil meine Schwiegereltern dort beerdigt sind. Dann lege ich einen Stein auf den Grabstein.“

Von der Scharfschützin zur Sexpertin
Mit Leichtigkeit und stets mit Humor schafft es Westheimer auch über die schwersten Momente in ihrem Leben zu sprechen. Man würde kaum glauben, dass sie etwa als Scharfschützin ausgebildet wurde. „Aber ich habe niemanden erschossen.“ Das war damals in Palästina, als sie sich für den Aufbau Israels einsetzte. Fast hätte sie ihre beiden Füße durch eine Bombe verloren. Heute nutzt sie ihre Füße liebendgern beim Wandern in der Schweiz. In der Schweiz erhielt sie ein Hauswirtschaftsdiplom, die Matura verwehrte man ihr. Der Traum, einmal Ärztin zu werden, schien damals weit weg. Erstmal wurde sie Kindergärtnerin. Dennoch konnte sie in Paris später an der Sorbonne dank eines Stipendiums studieren und setzte in den USA ihre Studien, zunächst zu Familienplanung, fort. Soziologie und Psychologie waren ihre Steckenpferde, erst allmählich kam die Sexforschung hinzu. An Universitäten brachte sie anderen bei, wie man Sexualkundeunterricht gibt. „Mit den Radiosendungen habe ich angefangen, als ich schon 50 Jahre alt war und dann habe ich 450 Televisionssendungen gemacht. Bezahlte Schauspieler trugen dann ihre ‚Probleme’ vor. Ich habe meine Ratschläge dazu gegeben.“

Es sei interessanter geworden, heute über Sex zu sprechen. „Die besten wissenschaftlichen Untersuchungen kommen aus den USA. Man ist offener geworden. Frauen wissen heute, dass sie selbst für ihren Orgasmus verantwortlich sind. Sie können darüber reden.“ Traurig findet sie, dass Pärchen heute spazieren gehen, sich aber nur mit dem Handy beschäftigen, die Kommunikation bleibe auf der Strecke. Auch die Leichtsinnigkeit im Umgang mit gesundheitlichen Gefahren wie AIDS oder Syphilis betrübt sie. „Ich bin sehr altmodisch. Ich glaube, dass jeder mit seinem Partner Sex haben soll, wenn das nicht – trotz Therapie – nicht mehr geht, dann soll man sich trennen.“

„Wenn mich Sex langweilt, hör ich auf“
Ob der Sex sie so fit gehalten hat? „Sex wird nie aufhören, aber ich fahr kein Ski mehr. Man muss wissen, wann man sagt, jetzt ist genug. Sobald ich merken werde, dass mich das Thema Sex langweilt, dann hör ich auf. Aber bis jetzt ist das noch nicht passiert.“ Über ihr Intimleben schweigt sie geschickt. Sie mache noch ein paar wenige Konsultationen, früher seien Leute aller Religionen und sexuellen Neigungen zu ihr in die New Yorker Praxis gekommen, weil sie alle immer mit Respekt behandelt habe. Doch sie lasse es heute ruhiger angehen. Paartherapien gebe man wegen der arbeitenden Bevölkerung nun mal abends, und da gehe sie mittlerweile lieber jeden Abend aus. „Es ist wunderbar Witwe zu sein in New York. Jeden Abend mache ich etwas anderes. Ich sammele viel Geld für Wohltätigkeitszwecke, ich gehe gerne in die Oper oder ins Konzert. Ich verschwende keinen Abend, wenn mich aber jemand bittet, dann gebe ich noch immer Sex-Tipps.“

Das wichtigste Rezept für ein gutes Leben: „Sich nie mit langweiligen Leuten treffen, nachts acht Stunden schlafen und viel in der Natur spazieren gehen.“ Nach Frankfurt will Dr. Ruth in die Schweiz reisen, dann wird sie auf einem Ball in Chicago tanzen und dann erst wird sie nach New York heimfliegen. Langeweile kann da kaum aufkommen.

>>Dr. Ruth K. Westheimer: Lebe mit Lust und Liebe: Meine Ratschläge für ein erfülltes Leben. Herder Verlag
 
19. Oktober 2015, 10.48 Uhr
Nicole Brevoord
 
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