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Zwischenruf von Nargess Eskandari-Grünberg
 
Zwischenruf von Nargess Eskandari-Grünberg
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"Wo es zu keimfrei ist, wachsen keine Kulturen"
Foto: nil
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„Städelschul-Absolventen machen Karriere in der ganzen Welt – nur meist nicht in Frankfurt“, schreibt die Oberbürgermeister-Kandidatin der Grünen. Und hat auch eine Idee, wie sich das ändern könnte.
„Alles rennet, rette, flüchtet“, heißt es schon in Schillers „Glocke“. Und tatsächlich, Hollein weg, Reese weg, Gaensheimer weg, Dillmann weg – der personelle Verlust an unseren großen Kulturinstitutionen ist spürbar. Und doch ist dies nicht das eigentliche Problem in der Frankfurter Kulturlandschaft. Die genannte Museums- und Theaterleiter hinterlassen gut aufgestellte Häuser und können auf äußerst erfolgreiche Jahre zurückblicken. Mit ein wenig Geschick und Fantasie wird die Stadt diese Lücken füllen können – die Häuser selbst reizen auch international umworbene Spitzenkräfte.Viel schwerer fällt es Frankfurt, das große kreative Potential an jungen Künstlern an die Stadt zu binden. Mit der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung (Hfg) in Offenbach verfügt die Region über ein weltweit geschätztes Profil und internationales Renommée als Kunstakademie und Hochschule wie kaum eine andere e­uropäische Metropolregion.

Die Namensliste der Lehrkörper und Schüler der Städelschule liest sich wie das who is who der Kunstwelt, und die Absolventen machen Karriere in der ganzen Welt – nur meist nicht in Frankfurt. Dabei ist der Geist der kleinen Mainmetropole überall spürbar, denn hier entsteht heute, was morgen in den Museen der Welt zu sehen ist. Nun ist nichts so international wie die Welt der Bildenden Kunst, und Nesthockerei gehört in der Regel nicht zum Selbstverständnis junger Künstler. Und doch, wenn man dann staunend verfolgt, wie anderswo das Früchte trägt und geerntet wird, was in Frankfurt in der Städelschule gepflanzt wurde und sich entwickelt hat, kommt man schon ein wenig ins Grübeln. Und es gibt Gründe! Frankfurt ist kein einfaches Experimentierfeld für junge Künstler und Kreative. Kein Ort, in dem man auch mal spielerisch scheitern kann, um anschließend wieder Neues zu wagen. Die großen Häuser haben internationalen Ruf und die Städelschüler sind weltweit gefragt – und doch ist die Beziehung zwischen beiden zu wenig ausgeprägt. Diese werden oft erst dann hier sichtbar, wenn sie sich anderswo durchsetzt haben.

Das war mal anders. Und man muss sich durchaus fragen, ob Frankfurt heute noch Künstler halten kann, wie es mit Bayrle oder Rehberger gelungen ist. Sicher, es gibt in den letzten Jahren gut ausgebaut die geförderten Atelierprogramme und Raumprogramme für Kreative (Radar) – doch die hoheitliche Steuerbarkeit von Kreativität hat ihre Grenzen. Und so fehlt etwas in dieser Stadt, was weniger perfekt, weniger organisiert, weniger verwaltet, etwas das einfach – um ein Frankfurter Idiom zu nutzen – „struwweliger“ ist, einfach Orte, wo die Frisur auch mal nicht so sitzt. (Frei)Räume, die nicht „ausgestattet“ sind, sondern Räume, die leben. Wo es zu keimfrei ist, wachsen keine Kulturen. Diese Orte braucht es für ein kreatives Umfeld. Da muss man nicht nur in Stadtgrenzen denken – die Entfernung zwischen der Städelschule und der HfG ist kürzer als die zwischen Kreuzberg und Charlottenburg. Und den Mut, bei der Besetzung der aktuell herren- oder fraulosen Häuser nicht nur auf Sicherheit zu setzen und Renommee, sondern auch auf Mut. MMK, Museum für Weltkultur und Filmmuseum sollten nicht nur eine Zukunft als Museen haben, sondern auch mal als unperfekte Bühne und ‚Labor‘.

Der Frankfurter Kunstverein ist aktuell so ein Ort, der junge Künstler mit lokalem Stallgeruch auch aus Städel und Offenbach – regelmäßig – die große Bühne öffnet. Auch basis e.V. versteht seine Arbeit nicht allein in der Vermittlung von Räumen. Es gelingt hier, künstlerische Positionen der Gegenwartskunst in thematischen Gruppenausstellungen und Einzelpräsentationen vorzustellen. Solche Aktivitäten noch stärker zu unterstützen, weiter Partner zu finden, die die Kraft haben Experimente zu wagen und auch das Scheitern als Teil künstlerischer Prozesse aushalten, ist der Schlüssel, junge Künstlerinnen und Künstler an einen Ort zu binden. Und zum Schluss: Es ist aber auch ein Verhältnis von Gegenseitigkeit – deshalb insistiere ich darauf, dass sich gerade die künstlerischen Fakultäten als Impulsgeber für diese Stadt herausgefordert fühlen. Nur wenn die Stadt ihre Attraktivität durch diese geistige Frische erhält, bleibt auf Dauer auch die Attraktivität der Städelschule erhalten.
2. Mai 2017
Nargess Eskandari-Grünberg
 
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