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Zirkusfrieden

[credit T. Muscionico]Dralion 1Eiskalt ist es, als ich vor der Eissporthalle stehe und mit sechs anderen Rotnäsigen warte. Die erste Hürde haben wir schon genommen: Hinter dem Bauzaun beginnt die Welt des Cirque du Soleil und demnach sind wir eigentlich auch schon drin. Eigentlich. Uneigentlich fürchte ich mich vor einem kalten Zelt, langem Stehen und einem nervigen Frage-Antwort-Spiel zwischen Journalisten und dem Menschen, der uns so lange neben dem schweigsamen Securityman am Anfang warten lässt.



Der Mensch taucht dann plötzlich auf, strahlend und rothaarig, und stellt sich in einem holländischen Englisch als Marie vor. Sie sieht gar nicht aus wie vom Zirkus, denke ich ein bisschen enttäuscht, als ich ihren Businessmantel und hohe Stiefel sehe. Und kriege auf einmal Angst, dass bei dieser zweistündigen Tour mein Bild vom Zirkus, das ich aus Kindertagen noch ganz gut konserviert habe, Risse bekommen könnte.



Auf ins Zelt. Wir betreten es durch den Hintereingang und landen zuerst in einer Art riesigem Vorzelt. „This is the home of the artists“, erklärt uns Marie fröhlich. Ein Trapez, ein Trampolin, Stepper, Gummimatten, glitzernde Kostüme und etwa 60 Schminktische. Ich überlege noch, wie abstrakt sie das meint, als jemand erschrocken aufschreit. Einer der Fotografen wäre beinahe auf ein paar schlafende Artisten getreten, die sich in der Mitte des Raums auf Gymnastikmatten eingerichtet haben.



Wir haben keine Zeit uns zu wundern, denn Marie ist schon im Hauptzelt verschwunden. Im leeren Hauptzelt, wohlgemerkt, und das ist unheimlich. Verwirrend viele Zuschauerreihen bedrohen die Manege von allen Seiten und von oben scheint uns ein gigantisches blaues Tuch erdrücken zu wollen. Die fünf turnenden Trampolinkünstler lässt das kalt und ich bemerke, dass es angenehm warm ist im Zelt. Das gehe auch nicht anders, erzählt Marie, auch wenn es Unsummen koste. Gerade im Winter seien die zwei Zelte zusammen mit dem Küchenzelt die einzigen Aufenthaltsorte. „Normally we follow the sun“, sagt sie. Zum Glück kommt jetzt keine wehleidige Erklärung der schwierigen Verhältnisse im Winter. Vielleicht ist Marie doch mehr Zirkusmensch, als ich dachte, denn ihre Augen strahlen ununterbrochen.




[credit2 Sabine Gudath]Dralion 3Jammern kennt sie nicht. Genau wie die Artisten, die während unseres Gesprächs im Hintergrund hüpfen und eine Metallwand hoch rennen, um sich im nächsten Moment aus einer Höhe von fünf Metern auf den Rücken fallen zu lassen. Einer treibt es besonders wild, schleudert seinen Körper mit dreifachen Loopings von einem Trampolin aufs nächste, wird immer schneller, dreht sich, springt zurück – und landet mit einem lauten Krach auf der Metallbegrenzung. Oh Gott, denke ich. Haha, macht der Turner und springt wieder auf. Hier beklagt sich keiner, hier geht’s um Passion. Das zumindest erzählt Aurore, die schon französischer Trampolinchampion war und nach ihrer Wettbewerbskarriere ganz selbstverständlich mit dem Cirque du Soleil durch die ganze Welt zieht.


[credit Sabine Gudath]Dralion 6



Aber ist das denn kein großer Schritt, frage ich und denke an all die Unnormalitäten, die ein ständiges Wanderleben, ein Leben hauptsächlich im Zelt und in Wagen, mit sich bringt. Für Aurore anscheinend nicht, denn sie antwortet nur, dass das Trampolin nun mal ihre Leidenschaft sei und sie sich deswegen über das Angebot vom Cirque gefreut hat. Olivier, der sich vorher „versprungen“ hatte, hüpft schon wieder wie ein Wilder. „He’s from the extreme sport“, erklärt Aurore und erzählt Geschichten von Snowboards auf Trampolinen.



[credit T. Muscionico]Dralion 4


In der Kostümabteilung knüpft die Kostüm-, Schuh- und Hutmacherin Amanda an das Thema an und zeigt uns geschwungene Krokodillederschuhe. Außerdem „Nackt-Kostüme“, auf die die individuellen Muskelstränge der Artisten kopiert sind und Gipsköpfe, die den einzelnen Künstlerköpfen nachempfunden sind und als Vorlage für hautenge Kappen dienen. Lauter Kuriositäten kommen zum Vorschein und ich ertappe mich selbst dabei, wie ich ihr eher mit großen Augen als mit gezücktem Notizblock folge. Hier sind sie also, die Bilder, die man von kleinauf aus dem Zirkus kennt. Und natürlich sind sie genauso bunt und glitzernd wie erwartet.



Direkt vor der Kostümabteilung erwartet uns ein friedliches Bild. Mittlerweile liegen dort schon vier junge Asiaten und schlafen bei Musikgeplätscher im Hintergrund. Fast möchte ich den Fotografen die Kameras abnehmen, als sie sich auf die unschuldigen Liegenden stürzen.


Zum Abschluss: ein Besuch bei einem der fünf Küchenchefs. Renaud ist höchstens 25, sehr entspannt und ein Mensch, dem man gerne zuhört, wenn er das System seiner Küche erklärt. Grundsätzlich müsse er immer daran denken, für zwei Welten zu kochen, für die Artisten und den Rest der Mitarbeiter. Bewährt hätte sich das Ampelsystem: Alle Gerichte sind mit einer von drei Farben gekennzeichnet. Grün steht für „gesund“ und rot für „gefährlich“. Das müssen Artisten bedenken, wenn sie sich an dem breiten Buffet bedienen und ihr eigenes Menü zusammenstellen. Aber wir nicht, also wird zugegriffen. Und natürlich besonders bei der sehr, sehr verlockenden nordchinesischen Küche, die uns, um den Kreis zu schließen, endlich das erwünschte (Rachen-) Feuer bescherte.


[credit Sabine Gudath]Dralion 2

 
2. November 2006, 17.32 Uhr
Miriam
 
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