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Tibet im Taunus (Teil 2)
 

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Tibet im Taunus (Teil 2)

Der Baum

Dem Dalai Lama zu begegnen gehört sicher zu den einmaligen Ereignissen im Leben.


Entsprechend große Erwartungen hatte ich an den Tag im Neu Anspacher Hessenpark, an dem ich dem tibetischen Oberhaupt - dank Redaktionspraktikum beim wichtigsten Stadtmagazin der Welt - ganz nah sein würde.


Was ich vorab erwartete?


Immer wieder wird von der besonderen Ausstrahlung gesprochen, die vom Dalai Lama ausgehen soll. Was das genau ist – Ausstrahlung – kann wohl niemand so richtig beschreiben. Ich ging jedenfalls mit der Erwartung in den Hessenpark, beim Auftritt des Dalai Lamas irgend etwas davon zu spüren. Vielleicht das eine Art Leuchten von seiner Person ausgeht, eine besondere Faszination, von der man tief berührt wird und die auch einen Atheisten wie mich zum Nachdenken bringt. Konkret erwartete ich von der Rede des Dalai Lama neue Erkenntnisse in Sachen Freundschaft und vielleicht auch ein paar bahnbrechende Aussagen, die sich in meinen persönlichen Alltag einbauen ließen. Zum Beispiel, um demnächst nachsichtiger zu sein, wenn neben mir in der Bahn eine Frau irgendwelche exotischen Früchte schält und meine nagelneue Hose  mit dem klebrigen Saft dieser Früchte großzügig bekleckert. Oder einfach etwas gleichmütiger und gelassener zu sein, wenn jemand auf der Landstrasse konsequent mit 40 km/h vor mir hertrödelt und nicht überholt werden kann.


Absperrung

Ich stellte mir vor, dass unter den zahlreichen Besuchern der Veranstaltung eine friedliche, rücksichtsvolle und freundliche Atmosphäre herrschen würde. Um es vorweg zu nehmen: Ich habe selten ein gereizteres, aggressiveres Publikum erlebt. Im Vergleich dazu kann man die Situation auf einem Heavy Metal Konzert unter Tausenden Motorrad-Rockern als beinahe andächtig beschreiben.


Und dann kam er, der große Tag:


Als ich mich am Samstag auf den Weg zum Hessenpark machte, schien die Sonne schon am frühen Morgen warm vom Himmel und es war kein Wölkchen in Sicht. Und das am Ende eines verregneten, kalten Sommers und eines nicht weniger schlecht gestarteten Altweibersommers. Ob das schon ein Zeichen war?


Der Hessenpark war mit über 13.000 Gästen gut besucht, doch das religiöse Oberhaupt der Tibeter musste leider auf sich warten lassen. Der Dalai Lama stand – ganz weltlich – im Stau. Als er mit guten 30 Minuten Verspätung auf dem Marktplatz des Hessenparks eintraf, schüttelte er die Hände der Besucher, die es nach ganz vorne ans Drängelgitter geschafft hatten, segnete manche von ihnen und trug sich dann in das goldene Buch ein.


Schlagerstar Udo Jürgens, der sich direkt nach dem Dalai Lama im Buch verewigen durfte, war da ausnahmsweise eher eine Randerscheinung und wurde kaum wahr genommen.


Nach einem kurzen Rundgang des Dalai Lama durch den Park, erreichte er die Bühne an der Waldweide, wo er seine Ansprache halten sollte. Doch ein bisschen Wahlkampf muss sein, auch wenn der Dalai Lama zu Gast ist. Schließlich war auch sein langjährige Freund, Ministerpräsident Roland Koch, anwesend. Der Film über Tibet, der vor der Rede gezeigt wurde, hatte jedenfalls neben der Geschichte des Landes vor allem einen weiteren Schwerpunkt: die Reise des Ministerpräsidenten nach Tibet. Na gut, ich gebe zu: Roland Koch ist wirklich ein Freund des Dalai Lama und Ja, er hat die Tibet-Problematik wirklich vor der chinesischen Regierung angesprochen, was zweifellos Mut erfordert. Aber: Der Raum, den der Film über seine Reise und seine spätere Ansprache einnahm, war für meinen Geschmack einfach zu groß für einen Tag, an dem es eigentlich um jemand anderes gehen sollte.


Dann endlich war es soweit und der Dalai Lama setzte zum Sprechen an. Statt seinen Worten jedoch andächtig zu lauschen, brach unter den Besuchern beinahe eine Schlägerei aus. Die meisten hatten es sich mit Picknick-Decken auf der Wiese gemütlich gemacht. Einige der Besucher zogen es aber vor, zu stehen. „Hinsetzen, Hinsetzen,“ – skandierten da um die 100 Zuschauer lauthals. Ein weiteres Ärgernis für die Gäste war der Bereich, der für die Presse reserviert war. Dieser befand sich in etwa 50 m Entfernung, direkt gegenüber der Bühne. Um Fotos und Filmaufnahmen machen zu können, mussten die Kolleginnen und Kollegen natürlich im Stehen arbeiten, was ebenfalls zu extrem aufgebrachten Ausrufen führte. Ein Dalai-Lama Fan brüllte nach einem Ordner, um uns unverschämte Pressemeute zum Hinsetzen zu bringen. Leider beachtete den Schreihals niemand. Erst in diesem Moment wurde mir klar, warum  wir im Pressebereich durch einen Zaun vom Rest der Besucher abgetrennt waren – nicht um unseren Platz zu verteidigen, sondern vermutlich um uns vor handfesten Argumenten zu schützen. Erschreckend. Von Spiritualität keine Spur.


Doch bei der Rede des großen Mannes kehrte dann doch noch Ruhe ein.


In seiner Ansprache beschrieb der Dalai Lama, dass jeder Mensch Mitgefühl brauche und ein Recht auf Glück habe. „Auch die, die uns nicht wohlgesonnen sind,“ sagte er. Die meisten von uns hätten keine materiellen Sorgen. Es fehle uns nicht an Geld oder einer fundierten Ausbildung. Viele Menschen würden jedoch merken, dass etwas in ihnen selbst fehle. Es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Ärger und Angst unserem Immunsystem schaden würden. „Wir sollten mehr über unser Inneres nachdenken. Was wir brauchen, ist ein gutes Herz und Mitgefühl für unsere Mitmenschen,“ so der Dalai Lama. Seine Rede hielt er auf Englisch, ein Dolmetscher übersetzte seine Worte in Deutsch.


„Der Buddhismus ist eine Religion, die mehr und mehr Zuwachs erhält,“ sagte der Dalai Lama. „Es ist jedoch für jeden von uns wichtig, seinen eigenen Glauben und seine Traditionen zu bewahren.“ Einen Glaubenswechsel könne er nicht uneingeschränkt empfehlen. Das sei auch immer mit Problemen verbunden.


Wie ich den Dalai Lama nun persönlich erlebte? Er ist zweifellos eine große Persönlichkeit. Humorvoll ist er ebenfalls: auch während seiner Rede lachte er gerne und viel.


Von der Ausstrahlung, die einen erfasst, wenn man dem Dalai Lama begegnet, spürte ich allerdings nichts. Vielleicht lag es daran, dass es eine Massenveranstaltung war, vielleicht war ich auch zu beschäftigt, weil ich versuchte alles Erlebte in Wort und Bild fest zu halten. Vielleicht bin ich auch einfach nicht empfänglich für das, was andere Besucher sehr wohl erlebt zu haben scheinen. Als ich nach der Rede mit einigen von ihnen sprach, waren diese jedenfalls wahrhaft ergriffen.


Faszinierend war der Tag mit dem Dalai Lama aber allemal. Ein wenig erschüttert bin ich aber dennoch, denn es drängt sich mir die Frage auf: Wenn man nicht mal auf einer solchen Veranstaltung friedlich miteinander umgehen kann, wann dann?


Immerhin: die Polizisten freuten sich über ihre Lunchpakete:
Polizisten und ihre Lunch-Pakete
 
24. September 2007, 19.36 Uhr
Janine Denne
 
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