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Kultur
 

Städtische Bühnen

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Mehr Zukunft wagen!

Foto: Alexander Englert
Foto: Alexander Englert
Für welches Theater und vor allem für welches Publikum bauen wir eigentlich, fragt CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Wiesmann. Die Diskussion um den Neubau der Städtischen Bühnen bleibe hinter ihren Möglichkeiten zurück. Ein Gastbeitrag.
Frankfurt diskutiert die Zukunft seiner Bühnen. Die Frage beschäftigt die Bürgerschaft und wird nun durch das von Projektentwickler Jürgen Groß beauftragte und von Rem Koolhaas gegründete Architekturbüro OMA mit einer konkreten Fantasie befeuert. Wo steht die Diskussion? Konsens ist: Die Sanierung der Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz ist die schlechteste Variante. Frankfurt erhielte lediglich das Liebgewordene brandschutztechnisch saniert oder allenfalls in Teilen funktional verbessert zurück, müsste zudem das unkalkulierbare künstlerische Risiko jahrelanger Interimslösungen tragen. Ob der heute hochklassige Spielbetrieb in beiden Häusern auch nur andauernd aufrechtzuerhalten wäre, stände in den Sternen des Wolkenfoyers. Vom Kostenrisiko per se mehrerer Riesenbaustellen gar nicht zu reden.

Also ein Neubau. Oder zwei, so der Vorschlag der Kulturdezernentin und der SPD. Es gehe um den Erhalt des, wie Ina Hartwig sagt, Innenstadt-Standorts, hier schlage das kulturelle Herz der Stadt. Die Häuserschlucht der Neuen Mainzer Straße sei die perfekte Herausforderung für das Theater in Schauspiel und Oper, wie wir es kennen. Auch die Grünen bestehen auf dem bisherigen Standort, sie sind sogar bereit, so Umweltdezernentin Heilig, trotz Wallservitut in die Wallanlagen einzugreifen. Hartwig sieht den Willy-Brandt-Platz, neu umbaut, als neues städtisches Zentrum und führt sogar die Verteidigung der bedrohten Demokratie dafür ins Feld.

Leider bleibt diese Diskussion hinter ihren Möglichkeiten zurück. Die Schlüsselfrage lautet doch: Für welches Theater und, vor allem, für welches Publikum bauen wir eigentlich? Kann es sein, dass der Diskurs fast ausschließlich von der Rückschau der Älteren, der Nachkriegs- und 68er-Generationen bestimmt wird? Es ist verständlich, dass man sich von der eigenen Erziehungsgeschichte nicht trennen mag. Es mag sein, dass die Kulisse der Bankentürme als Folie für kritisches Theater unentbehrlich scheint. Aber kann diese im Kern nostalgische Anwandlung eine überzeugende Idee ersetzen, wo und wie die Frankfurter Bürgerschaft sich geistig und ästhetisch den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellt und dabei auch die Generationen einbezieht, die unsere Zukunft prägen werden, die heute 20- bis 40-Jährigen?

Ich meine: Wir brauchen den Blick nach vorn. Eine Entscheidung in die Zukunft hinein. Die Zukunft unserer europäischen Bürgerstadt liegt in einer Verbindung aus Leistungsfreude, Technologieoffenheit, sozialer Innovation und Gemeinsinn, und sie liegt räumlich zwischen der Lage am Fluss, der Einbindung in die Region und der Gestaltung Europas. Zu all diesen Bezugspunkten wird sich eine neue Doppelanlage im Osthafen selbstbewusst verhalten. Mit der hochklassigen Qualität der jetzigen Spielstätten im Gepäck, kann sie gerade an diesem Ort eine neue kulturelle Strahlkraft über Frankfurt hinaus und zugleich Bindewirkung in unsere Gesellschaft hinein entfalten.

Der Standort im Osthafen, keine zehn Radminuten vom heutigen Standort entfernt, ist absehbar Teil der Innenstadt von morgen –, so wie der ehemalige Theaterplatz sich seine heutige Zentralität mit dem Wachstum der Stadt auch erst eroberte. Er schlägt gleich mehrere Brücken in die Zukunft: zu den Stätten des vormaligen Industriezeitalters, an denen sich Frankfurt gerade in Richtung Digital-, Logistik- und Kreativwirtschaft neu erfindet; über den Fluss zur kleineren, aber mehr und mehr verbundenen Schwester Offenbach hin; schließlich nach Europa, deren Wahrzeichen, die EZB, das Tor zum wichtigsten Teil unserer Welt symbolisiert.

Denn Frankfurt wächst, und besonders im Ostend entstehen und beleben sich, siehe Hafenpark, bereits neue Quartiere – nicht nur am Fluss, der Lebensader unserer Stadt. Auch die Kultur ist dort längst präsent, mit traditionsreichen Institutionen (Dr. Hoch’s) und neuen Formaten (Atelierfrankfurt, Kunstverein Familie Montez, Sommerwerft etc.). Das hier fußläufig für die Bühnen erreichbare Publikum dürfte dasjenige des Willy-Brandt-Platzes übersteigen und vor allem auch jünger und internationaler geprägt sein; zugleich kann sich in Verbindung mit den dort dann ebenfalls angesiedelten Produktions- und Werkstätten ein Theatercampus eigener Prägung entwickeln.

Es sind also nicht nur die rationalen, ein wenig technisch anmutenden Argumente, die für den Osthafen sprechen: Wird der unumgängliche Lkw-Anlieferungsverkehr für die Häuser ohne Produktionsstätten am alten Standort überhaupt darstellbar sein? Wieviel Interim werden das Frankfurter Publikum und vor allem renommierte Künstler auf sich zu nehmen bereit sein? Welche zeitlichen und finanziellen Unwägbarkeiten hält die vierfache Baustellen- und Abwicklungslogistik bereit? Und will sich Frankfurt einen so derben Eingriff in seine kostbaren innerstädtischen Grünflächen wirklich leisten?

Am Ende geht es darum, ob wir uns mit einer kostspieligen Umverpackung des Vertrauten zufriedengeben oder ob wir uns einen neuen Blick auf unsere Stadt und auf uns selbst zumuten wollen. Städte verändern sich, betont die Kulturdezernentin zu Recht. Ich füge an: Gerade die Kultur muss ins Unvertraute vorangehen. Zum vielzitierten „symbolischen Kapital“ des alten Bühnenstandorts gehört auch der Mut, Unerhörtes zu beginnen. Deshalb sollte auch der Standort im Osthafenquartier, in Verbindung mit neuen kulturellen Nutzungen des bisherigen Standorts, unvoreingenommen geprüft werden. Vermutlich hätte Willy Brandt genau dazu geraten: Mehr Zukunft wagen!

Über Bettina M. Wiesmann: Jahrgang 1966, gebürtig aus Berlin, seit 1990 Mitglied der CDU. 2006 Mitglied im Ortsbeirat 3 in Frankfurt, stellvertretende Ortsvorsteherin, 2009 bis 2017 Mitglied des Landtages Hessen. Mitglied des Bundestages seit 2017.
 
2. März 2020, 12.06 Uhr
Ein Gastbeitrag von Bettina M. Wiesmann, MdB
 
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Leser-Kommentare

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Winfried Köppler am 2.3.2020, 14:55 Uhr:
Gab es im Journal schon mal einen Artikel zur Sanierung des bestehenden Gebäudes, der die Unmöglichkeit einer Sanierung verständlich macht?

Die Argumentation von Frau Wiesmann halte ich nicht für überzeugend, wenn man die Nachteile der Anbindung an den ÖPNV in Rechnung stellt. Dem hätte Frau Wiesmann eigentlich vorgreifen müssen - vielleicht mit einer Forderung nach dem Ausbau, vielleicht wenigstens der Straßenbahn. Auch für die zehn angesprochenen Radminuten ist wohl eine bereits abgeschlossene Verkehrswende zu einer Autofreien Innenstadt unterstellt, in der Fahrrädern auf eigenen Verbindungen freie Fahrt zugesichert ist. (Dabei unterstelle ich nun, dass Frau Wiesmann nicht für rüpelhaftes Verhalten auf dem Rad am nördlichen Mainufer eintritt.) Eine solche Verkehrspolitik wird es in Frankfurt wahrscheinlich nicht geben, bevor die CDU ihren Einfluss auf sie verloren hat.

Zur Ästhetik: der Vorschlag Koolhaas ist von seiner Grundidee her zwar überhaupt nicht originell - die Formgestalt wird aus der Funktion hergeleitet und nach außen sichtbar gemacht -, aber er ist gelungen. Das gilt aber nur für all diejenigen, die per Hubschrauber oder Flugzeug den Komplex aus der Ferne besichtigen. Vielleicht ist das Ganze auch für die oberen Etagen des EZB-Gebäudes eine Bereicherung der Aussicht. Interessanterweise sind die Simulationen bislang immer nur aus solchen Perspektiven abgebildet worden. Mich würde dagegen aber vielmehr interessieren wie das Gebäude sich aus der Nähe darstellt. Wie sieht es denn für Spaziergänger aus, die auf dem Uferweg gehen? Wie für die Anwohner der in den Entwürfen bereits zu sehenden Wohnbauten der Mayfarthstraße. Ich sehe vom Riedgraben her vor allem große Beton- und Glasflächen ohne Abwechslung, die mit ihrem Überhang von der Nähe nicht nur Langeweile bewirken dürften, sondern gegen Abend auch blöde Schattenflächen. Das verspricht aus der Nähe also so attraktiv zu sein, dass man sich per Rad die von Frau Wiesmann vorgeschlagene Geschwindigkeit wirklich wünscht, um die monströse Ödnis hinter sich zu bringen. Die meisten Frankfurter*Innen werden auf absehbare Zeit sicherlich nicht per Hubschrauber zu ihrem Theater anreisen (wollen oder können): Wen genau soll das also Überzeugen?
 
Carola Morell am 2.3.2020, 13:42 Uhr:
...es ist schon interessant, welchen Positionen das Journal Frankfurt Platz einräumt!!!!
keine zehn Radminuten vom heutigen Standort - jeder kann sich selbst überlegen, welche Personengruppen davon profitieren könnten und welche definitiv ausgeschlossen sind, da der Osthafen eben unter anderem mit RMV nicht so gut zu erreichen ist.
Auch scheint es niemanden zu interessieren, wer für die ausgebliebene Instandhaltung der Städtischen Bühnen verantwortlich ist - und eventuell zur Verantwortung gezogen werden könnte.
Und,dass neue Gebäude besser und billiger sind - hat sich gerade in der jüngeren Vergangenheit fast nirgends wo bestätigt, weder bei kommunalen und erst recht nicht bei kulturellen Bauten! Und ja, gerade die Elbphilharmonie ist dafür ein Negativbeispiel.
Dahinter steckt meiner Meinung nach eine Haltung und eine Praxis, die zu einer Uniformierung der Städte führt, die zunehmend überall auf der Welt die gleiche architektonische "Handschrift" tragen und in der die Geschichte einer Stadt nicht mehr sichtbar ist - nur die vermeintlich immer bessere Zukunft. Stichwort: Verleugnung der Gernativität.
Ich plädiere daher ganz klar für den Erhalt des Standorts und für eine Sanierung der Städtischen Bühnen!
Carola Morell
 
 
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