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Robert Gernhardt im Caricatura Museum
 

Robert Gernhardt im Caricatura Museum

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Stilvirtuose, Komikkritiker und Humorfischer

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Multitalent Robert Gernhardt wäre am 13. Dezember 80 Jahre geworden. Das Caricatura-Museum erinnert mit einer umfassenden grafischen Werkschau an den 2006 an Krebs verstorbenen Frankfurter.
Zeitlebens wollte der in Reval, dem heutigen Tallinn, geborene Künstler sich nie auf ein Genre festlegen, weil ihm eine Form allein nach eigenen Angaben viel zu schnell langweilte. Seit Anfang der Sechziger reüssierte er als Satiriker, Reporter, Comiczeichner, Maler, Lyriker, Co-Regisseur, Autor von Kinderbüchern, Hörfunkserien, Drehbüchern, eines Theaterstücks, als Literatur- und Kunsttheoretiker, Humorkritiker, Texter für Otto Waalkes und natürlich als Schriftsteller.

Von Nonsenstexten über Bildergeschichten und -gedichten in der Wilhelm-Busch-Tradition bis hin zu melancholischen Poemen interessierte sich der mehrfach ausgezeichnete Komikspezialist besonders für Regel- und Formverletzungen. Aus gradlinigen Bahnen auszubrechen, Stilarten zu parodieren und Lebenshaltungen zu hinterfragen gehörte zu den Stärken des präzisen Beobachters des Kunstbetriebs. Mit dem von ihm kreierten Begriff der „Neuen Frankfurter Schule“ als Gegenentwurf zur Kritischen Theorie prägte er die hiesige Humorfraktion aus dem Umfeld der Satiremagazine Pardon und Titanic.

Das gilt nicht allein für seine frühen Gedichte und Satiren. Schon sein Comicstrip „Schnuffis Abenteuer“ (1964–76), entstanden für die Pardon-Zeitungsparo­die „Welt im Spiegel“, lebt von Gesetzverstößen wie dem Ausbruch der Figuren aus den Panels oder Streitgesprächen zwischen ihnen und ihrem Schöpfer. Dazu Gernhardt: „Mir fiel in Bezug auf die deutsche Comic­rezeption auf, dass die Deutschen gleich in die Parodie gingen, ohne selbst eine Komikkultur gehabt zu haben. ,Nick Knatterton‘ ist beispielweise eine Parodie auf einen Comic, den es in Deutschland noch gar nicht gab. So ist auch ,Schnuffi‘ ein Versuch, eine Bildergeschichte so doof wie möglich zu erzählen, ohne dass ich sagen könnte, unter der Blödheit irgendeiner Serie gelitten zu haben.“

Zur Frage, warum „Die Tränentiere“ von 1989, eine Satire auf die DDR-Fluchtbewegung, sein einzig längerer Comic blieb, sagte er: „Mir liegen die pointierten und schnellen Sachen mehr.
Ich bin eigentlich ganz glücklich, wenn ich nach einer Seite fertig bin. Comics arbeiten mit dem Kasten und filmischen Darstellungsmöglichkeiten – das alles interessiert mich weniger. Gut, ich hatte eine Comicfigur, den Schnuffi. Als ich mir den ausdachte, hatte ich die Konsequenzen noch nicht übersehen.“

Zu seinem Konzept des grafischen Erzählens befragt, sagte Gernhardt: „Bei mir beginnt die Geschichte mit dem ersten Strich, ohne zunächst zu wissen, wohin sie führt. Ich selbst schaffe mir eine Vorgabe. Das ist das Schöne daran: Es geht mit dem Zeichnen los, und die Worte fügen sich dann dazu. Die Arbeit ist mit der eines Fischers vergleichbar, der dafür sorgt, dass die Bedingungen gut sind und hofft, dass etwas anbeißt.“

Seine bissigen Zeichnungen der Sechziger bis Achtziger setzten noch auf einen bewusst reduzierten Strich und standen im Kontrast zu seinen Ölgemälden mit Stilleben aus seiner zweiten Heimat, der Toskana, als Studien von Licht- und Schatten-Ästhetik. Beide konträren Stile verbanden sich in gewisser Weise in den späten Arbeiten „Mit Gernhardt durchs Jahr“, den „Sudelblättern“ nach Lichtenberg und den Impressionen aus seiner Zeit als Stadtschreiber von Bergen-Enkheim (1992), wo er auf Kreide-, Kohlezeichnungen und teils Aquarell-Schattierungen baute.

Wo mancher Künstler behauptet, sich für Rezensionen nicht zu interessieren, studierte Humorkritiker Gernhardt die Reaktionen seiner Kollegen umso gründlicher. Im Regal seines Frankfurter Ateliers standen mehrere Ordner mit Zeitungsausschnitten etwa zu den „Otto“-Filmen, deren Drehbücher er zusammen mit Bernd Eilert und Pit Knorr entwickelte. Angesichts böser Verrisse las er manchem Kritiker später in „Was gibt’s denn da zu lachen?“ (1988) die Leviten.

Daher wurmte es ihn durchaus, dass seine frühen Publikationen mit komischen Zeichnungen wie „Wörtersee“ (1981) vom Feuilleton kaum wahrgenommen wurden. Sein erstes Buch „Die Wahrheit über Arnold Hau“ (1966) mit FK Waechter und FW Bernstein als absurde Parodie auf den Starkult aus Texten, Fotos und Zeichnungen stieß bei der Kritik auf Unverständnis: „Sie meinten, wir müssten ziemlich besoffen gewesen sein und hätten Reste aus dem Papierkorb herausgeholt. Selbst innerhalb der Pardon-Redaktion gab es Leute, die unseren Arbeiten ziemlich skeptisch gegenüber standen.“ Das sollte sich gleichsam mit zunehmender Anerkennung Robert Gernhardts als Schriftsteller ändern, was ihn mit später Genug­tuung erfüllte.

Die Ausstellung des „Caricatura“-Museums wird Werke aus sämtlichen Phasen enthalten – von „Schnuffis Abenteuer“ bis zu den späten Grafiken samt bislang unveröffentlichter Arbeiten. Eröffnet wird sie am 14.12. um 18 Uhr, einen Tag nach der (inzwischen ausverkauften) musikalischen Lesung im Literaturhaus, als „verlängertes Geburtstagsfest“, wie Leiter Achim Frenz sagt. Der „Spaßmacher und Ernstmacher“ Robert Gernhardt als respektloser Chronist des weltlichen Wahnsinns und des intimen Beziehungsdschungels fehlt heute mehr denn je.
12. Dezember 2017
Gregor Ries
 
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