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Psychoanalyse

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Margarete Mitscherlich: "Wissen Sie, wie es ist, wenn man tot ist?"

Am Dienstag verstarb Margarete Mitscherlich. Wir dokumentieren hier ein Interview anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Sigmund-Freud-Instituts. Sie spricht über Psychoanalyse, Krisen und den Tod.
Journal Frankfurt: Frau Mitscherlich, gemeinsam mit ihrem Mann Alexander holten Sie die Psychoanalyse nach 1945 nach Deutschland zurück und haben an der Neugründung des Sigmund-Freud-Instituts (SFI) in Frankfurt mitgewirkt. Wie war das damals?
Margarete Mitscherlich: In den ers­ten Jahren nach dem Krieg lehnte man die Psychoanalyse in Deutschland ab. Auch schon vor den Nazis hieß es: „Das ist keine Wissenschaft, sondern alles Fantasie, nicht zu beweisen“. Also nicht nur, weil Freud Jude war. Das wagte nach dem Krieg sowieso niemand mehr zu sagen. In den 1950er und 1960er Jahren war Alexander teilweise der bestgehasste Mann in der Medizin überhaupt. Er wurde als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet, weil er im Nürnberger Ärzteprozess 1946/1947 die Verfahren gegen die NS-Ärzte dokumentierte. Deswegen bekam er auch zuerst keine Professur. Die erhielt er erst später, mithilfe von Max Horkheimer und Theodor Adorno in Frankfurt. Allerdings nicht an der medizinischen Fakultät, sondern an der philosophischen.

Warum hat man Frankfurt für den Sitz des SFI gewählt?
Frankfurt war eine Großstadt, und es war nicht wie Berlin tabu. Viele jüdische Analytiker warfen den Berliner Psychoanalytikern nämlich vor, sie hätten sich während des Zweiten Weltkrieges nicht genügend für sie eingesetzt. In Frankfurt gab es das Institut für Sozialforschung und Max Horkheimer. In das zerstörte, im wahrsten Sinne des Wortes ruinierte Deutschland zurückzukehren und hier seine Arbeit fortzusetzen, das war schon mutig. So kamen wahnsinnig intelligente, anerkannte Leute aus dem Exil zurück, und mit diesen Persönlichkeiten zusammenarbeiten zu können und ein psychoanalytisches Forschungszentrum aufzubauen, das war schon eine einmalige Gelegenheit. Und dann die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Medizinern, Soziologen, Psychologen – das war eine geistbefruchtende Atmosphäre.

Viele psychoanalytische Erkenntnisse sind heute zum Allgemeingut geworden. Wie betrachten Sie das?
Wir reden alle vom Verdrängen, Ödipus, Über-Ich, Es. Allerdings gerät die Psychoanalyse in meinen Augen dadurch in Gefahr, banalisiert zu werden und ihr Wissen zu verflachen. Die äußerste Differenziertheit Freuds wird aufgelöst, und ihre Stellung als unanfechtbare, aufklärerische und gesellschaftliche Kraft wie zu Zeiten Alexander Mitscherlichs scheint heute verloren.

Haben die Menschen heute überhaupt noch Zeit für die Psychoanalyse?
Das ist schon so, die Analyse kann Hunderte von Stunden dauern und sich über einige Jahre erstrecken. Es gibt auch kürzere Behandlungen, aber die Psychoanalyse wird noch immer gewünscht. Sie ist eben die Königin unter den Therapien und regt die Lust zum Nachdenken an.

Welche Rolle spielt Freud in der modernen Psychoanalyse heute noch?
Ich finde es sehr schade, dass er nicht mehr die Rolle spielt, die er einmal spielte. Er war ein Genie. Es ist doch Unsinn, wenn behauptet wird, dass er uns nichts mehr bringt! Man muss das System Freud weiterentwickeln, darf sich aber nicht einschüchtern lassen. Wenn ich bedenke, was alles durch den Computer in der menschlichen Kommunikation möglich ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Katastrophe Hitler passiert wäre, wenn Freud damals schon im allgemeinen Bewusstsein angekommen wäre.

Was bedeutet die Psychoanalyse für Ihr Leben?
Ich habe immer versucht, mir das Unbewusste bewusst zu machen, um meinem Leben dadurch eine Stringenz zu geben. Der Gewinn der Psychoanalyse liegt darin, dass man sein Leben besser überblicken kann. Ich bin jemand, der sehr viel an seinen Ressentiments gearbeitet hat. Die Psychoanalyse hat mir beigebracht, mich mit mir selber auseinanderzusetzen und bestimmte Gegebenheiten anzunehmen. Beispielsweise, dass wir nie gleich sein können, und das bei aller Gerechtigkeit. Auch kann ich morgen kein Einstein sein, so ungerecht mir das erscheinen mag. Durch die Psychoanalyse lerne ich meine Motive und Gefühle kennen. Die Selbstanalyse hält an, bis Sie tot sind. Wissen Sie, wie es ist, wenn man tot ist? Ich möchte das so gerne wissen, aber niemand kann mir das sagen …

An Ihnen haften viele Etiketten: Grande Dame der Psychoanalyse, unfriedfertige Frau, Feministin, Provokateurin. Wie sehen Sie sich selbst?
Ach Gott, ich bin am Anfang des vorherigen Jahrhunderts geboren, habe das Ende des Ersten Weltkriegs erlebt, den Aufstieg Hitlers und den Zweiten Weltkrieg, der Deutschland ins Elend gestürzt hat. Deswegen habe ich mich mit der Psychoanalyse beschäftigt. Das ist wohl das Wichtigste.

Die Wirtschaftskrise ist in aller Munde. Raffgierige Banker als das Grundübel der heutigen Welt?
Ich glaube, dass die Krise heute viel mit Gier zu tun hat. Das Über-Ich ist ziemlich zurückgedrängt, die Sexualität völlig befreit, die doppelte Moral der Nachkriegsjahre längst aufgegeben. Das wollten wir alle, das haben wir mithilfe der Psychoanalyse sehr unterstützt. Aber die so genannte Spaßgesellschaft, die ihrer Gier freien Lauf lässt, kann doch auch nicht das Richtige sein. Ein Großteil der Menschen ist interessenlos. Da lauert die Gefahr! Das tägliche Brot soll jeder haben, aber auch das tägliche Brot der Bildung, sonst werden immer wieder Kriege entstehen, die alles zerstören. Es ist klar, dass es Ungleichheit geben muss und immer geben wird, schon deswegen, damit sich Leistung, Erfindung oder Lust am Denken entwickeln können. Ohne wäre es auch wahnsinnig langweilig … Aber die Chancengleichheit als soziales Gleichgewicht, die müsste man doch einrichten können! Das wird einem immer bewusster, je älter man wird. Deswegen ist die Psychoanalyse nach wie vor gut, weil sie die Gleichgültigkeit dieser Krise aufdeckt: Das Gewissen, das Über-Ich ist hier verlogen. Der Fundamentalismus ist kein Gegengewicht zur absoluten Morallosigkeit. Wir wollen die Welt ändern, aber wie? Panik führt zu Extremen, zum Auseinanderbrechen der demokratischen Gesellschaft. Vor allem, wenn sie so jung und fragil ist, wie sie es damals, 1929, war. Hoffentlich ist sie das heute nicht mehr.

Wie kann man der Angst vor der Krise begegnen?
Man muss intensiver überlegen, was man dagegen tun kann. Warum ist dieses und jenes passiert? Es geht um Erinnerungsarbeit, um die „Unfähigkeit zu trauern“. Wir wollten nur noch Profit, aber woher das Geld stammt, das wollten wir nicht mehr wissen. Auslöser war doch wohl die blanke Gier. Ich selbst habe zu Geld eigentlich keine Beziehung. Die Lust, mehr Geld zu haben, als ich benötige, um das kaufen zu können, was ich brauche und liebe, diese Lust ist bei mir praktisch nicht vorhanden. Geld, das nur herumliegt, das ist doch Quatsch! Aber die Angst, die nun aufgetaucht ist, ist nicht ganz schlecht, denn wir brauchen Angst, um voranzukommen. Das große Zähneklappern kann ich aber nicht erkennen. Es scheint, als blieben wir diesmal vernünftig.

Das Gespräch erschien in der Ausgabe 24/2009.
 
13. Juni 2012, 11.20 Uhr
Interview: Julia Söhngen
 
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