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Platform Sarai

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Künstlerischer Eigensinn

In einem Sachsenhäuser Hinterhof betreibt ein russisches Künstlerpaar die Platform Sarai, eine Galerie der anderen Art. Am Sonntagnachmittag ist Eröffnung.
Frühlingssonne fällt in den Hinterhof, auf alte Holzstühle und Bücherkisten auf der Fensterbank. Drinnen duftet es schon nach Kaffee, und Ira Kublin und Nat Skatchkov begrüßen ihre Gäste mit entspannter Herzlichkeit. Früher war dieses flache, U-förmige Gebäude eine Garage, dann ein Jeansladen und zuletzt ein Tonstudio. 2004 hat das Künstlerpaar es umgebaut – und erst mal 5 Tonnen Bauschutt herausgekarrt. Ihre Idee war es von Anfang an, einen Galerieraum in ihren Wohnraum zu integrieren, erzählt Skatchkov: „Wir wollten ein bisschen mehr Leben in unser Leben reinlassen.“ Skatchkov hat in Sankt Petersburg Psychiatrie studiert, bevor er zum Film wechselte, Kublin stammt aus dem sibirischen Tomske und studierte Malerei und Grafik. Ihre kleine Galerie zwischen Küche und Kinderzimmern verstehen sie auch als angewandte Institutionskritik. Skeptisch beobachten sie, dass die Kunstszene mehr und mehr nach ökonomischen Regeln spielt, die Karrieren würden gleichförmiger, den immer jüngeren Absolventen der Kunstakademien fehle es an eigener Erfahrung. Platform Sarai ist für sie ein Möglichkeitsraum, in dem Künstler experimentieren können, eingebettet in den Realraum des Familienlebens: Am Schreibtisch schneidet Skatchkov Filme, am langen Esstisch werden Freunde wie Familienmitglieder bewirtet, und im angrenzenden, weiß gestrichenen Galerieraum wird ausgestellt. ‚Sarai‘ ist ein heiter funkelndes Spiel mit Sprachen, im Türkischen bedeutet es ‚Palast‘, im Russischen ‚Hinterhof‘. Und so trifft es genau diesen ambivalenten Ort zwischen der Salonkultur des 18. und 19. Jahrhunderts und dem Pragmatismus der Gegenwart.

Im Wohnraum haben die Ausstellungen der letzten Jahre ihre Spuren hinterlassen, auf dem Klavier steht ine ausfransende Voltaire-Büste, Fotografien und Objekte besiedeln jeden freien Fleck. Dieses dichte Ineinander gemeinhin getrennter Lebensaspekte hat etwas ungemein belebendes, inspirierendes, die Offenheit der Gastgeber lädt zum Verweilen ein, und das Gespräch streift leichter Dinge durch kulturelle und politische Themen. Immer wieder vervollständigen Kublin und Skatchkov die Gedanken des anderen, und zwischendurch gesellen sich zwei der fünf Kinder hinzu. „Wir haben bewusst kein ästhetisches Programm“, erzählt Skatchkov, „uns interessiert soziale Offenheit und wenn Künstler Fragen stellen an die Gesellschaft.“ – „Wir wollen experimentieren“, fügt Ira Kublin hinzu, „schlechter Geschmack ist erlaubt.“ – „Ja, es gibt hier keinen Designfaschismus“, fällt ihr Mann ein. „Wir stürzen uns auf Sachen, die selbst nicht gestützt sind.“ Was für sie zählt, klingt altmodisch: die Passion des Künstlers. Wenn sie spüren, dass es ihm ernst ist mit seiner Arbeit, dann stellen sie auch Werke aus, von denen sie selbst nicht vollkommen überzeugt sind – von „ihren“ Künstlern aber sind sie es immer. Wie es sei, den Privatraum ständig für Künstler und Publikum zu öffnen? „Total gut“, antwortet Kublin sofort, „auch für die Kinder, die so die Künstler kennenlernen, die auch mit uns leben, wenn sie nicht aus Frankfurt kommen.“ Beworben werden die Veranstaltungen per Flyer und Mundpropaganda, Eigenwerbung, gestehen beide, sei nicht ihre Stärke.

Sieben bis acht Ausstellungen finden hier pro Jahr statt, Künstler kommen aus Japan und Bulgarien, Russland, Brasilien und Deutschland. Daneben gibt es Performances, Konzerte und künstlerische Arbeiten im Grenzbereich, die oft auch in den Raum selbst eingreifen: Im Sommer, erzählt Skatchkov, planen sie eine Ausstellung von Videoarbeiten, bei denen Paare in ihrer Küche gefilmt wurden. Hierfür wird ihre eigene Küche in den Ausstellungsraum verlegt, damit die Videos wiederum in ihrer Küche gezeigt werden können. Während der Buchmesse veranstalten sie zusammen mit dem Merve-Verlag und dem russischen Verlag Logos Publishers regelmäßig Lesungen und veranstalten Abendessen, bei denen man mit den Künstlern ins Gespräch kommen kann. „Es kommen auch bekannte und witzige Typen wie Max Weinberg“, erzählt Skatchkov, „und der Filmregisseur Peter Rippl, mit dem ich regelmäßig zusammenarbeite. Er macht Zeichnungen und Fotografien. Das Filmemachen trainiert eine andere Art, mit Ausstellungen Geschichten zu erzählen.“ Sie unterhalten gute Kontakte zur Städelschule, deren Studierende hier öfter ausstellen. So zeigt Städel-Schülerin Benedikte Bjerre ab dem 24.  März ihr Projekt „La Chambre“, das nach Überlagerung von Arbeits- und Privatraum fragt. In der Galerie im Sachsenhäuser Hinterhof sind diese Fragen bestens aufgehoben.

>> Benedikte Bjerre „La chambre“, Eröffnung: 24.3., ab 15.30 Uhr, Platform Sarai, Schweizer Straße 23 HH, Kontakt: platform_sarai@nichweo.net, Besuch nach Vereinbarung unter 0176/96894479
 
22. März 2013, 12.13 Uhr
Esther Boldt
 
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