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Philip Guston in der Schirn
 

Philip Guston in der Schirn

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„Ich wollte Geschichten erzählen!“

In ihrer neuen Ausstellung zeigt die Schirn das Spätwerk eines Mannes, der trotz seines frühen Erfolges lange um Anerkennung kämpfen musste. Dieses Jahr wäre der Ausnahmekünstler Philip Guston 100 Jahre alt geworden.
Der Sohn russisch-jüdischer Einwanderer wird schon als Kind mit dramatischen Erlebnissen konfrontiert. Er ist erst zehn, als sein Vater Selbstmord begeht – der verstörte Junge findet die Leiche und wird sein Leben lang von diesem Trauma begleitet. Dieser einschneidende Augenblick hindert Guston jedoch nicht daran, sein zeichnerisches Talent zu entfalten. Sein Frühwerk orientiert sich vor allem an Cartoons, die er in Zeitschriften findet. Bestärkt durch seine Mutter, besucht er ab 1927 die Los Angeles Manual Arts High School. Einer seiner Mitschüler ist der ebenfalls später gefeierte Jackson Pollock. Guston kommt erstmals mit der europäischen Kunst in Kontakt, deren Einfluss sich in seinem gesamten Oeuvre finden lässt. Nach nur zwei Jahren wird er der Schule verwiesen – der kontroverse Künstler arbeitet fortan als Autodidakt.

Als er 49 ist, ungewöhnlich jung, widmet ihm das Guggenheim Museum in New York eine Retroperspektive – Gustons erste Einzelausstellung. Er entwickelt sich zu einem der anerkanntesten amerikanischen Expressionisten, seine Bilder sind überwältigend und die 1950er Jahre sind für den Ausnahmekünstler eine Zeit des Lobes und des Erfolgs. Doch auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gerät Guston in eine malerische Sinnkrise. Aus dem gefeierten Star, wird ein Eremit. Mitte der 60er Jahre zieht er sich aus dem öffentlichen Leben zurück, lässt Frau und Kind allein in New York und begibt sich in die Einsamkeit. In Woodstock lebt er allein und zurückgezogen, zerfließt in Melancholie. Die Zweifel an seiner eigenen Kunst hindern Guston für ganze zwei Jahre am malen. Viele seiner früheren Weggefährten sind tot oder haben sich umorientiert. Der abstrakte Expressionismus verschwindet, Pop Art wird die neue, gefragte Richtung. Darüber hinaus werden die 60er Jahre von Rassenunruhen und Kriegen geschüttelt – der links gerichtete Künstler empfindet die Welt als zu brutal, um mit Farben zu experimentieren und wie bisher weiter zu malen: „Als dann die 1960er Jahre kamen, fühlte ich mich irgendwie gespalten, fast schizophren. Der Krieg, was mit Amerika passierte, die Brutalität der Welt. Die Frage: Was für ein Mann bin ich, der zuhause rumsitzt, Zeitschriften liest, der aus Frust über alles in Wut ausbrechen kann – und dann ins Atelier geht, um einen Rot- mit einem Blauton abzugleichen.“ In der selbstgewählten Isolation gibt er sich seinen „bad habits“ hin – er raucht und trinkt, seine Gedanken kreisen um ihn selbst. Es braucht Zeit bis sein Selbstvertrauen wieder wächst und Guston an die Leinwand zurückkehrt.

Zunächst entstehen eine Reihe sehr simpler Bilder, die alltägliche Gegenstände zeigen. In den kommenden zwölf Jahren folgt ein wahrer Bilderrausch, in dessen Verlauf Guston seine vielleicht intensivsten Werke schafft. Er nutzt große Formate, um seine Ängste und Zweifel darzustellen – statt sein Ego zu erhöhen, zeigt er sich verletzlich. Sein Spätwerk zeichnet sich durch wuchtige Motive aus, die in ihrer Direktheit und scheinbaren Grobschlächtigkeit kaum noch etwas gemein haben mit der Leichtigkeit seiner früheren Schaffensphasen. „Ich hatte diese ganze Reinheit satt! Ich wollte Geschichten erzählen“, schreibt er 1970 an den Schriftsteller Bill Berkson. Guston kehrt als erster amerikanischer Künstler der Nachkriegsmalerei zur Figuration zurück, seine Bilder sind geprägt von Allegorien und Symbolen – einer Mixtur aus Banalem und Errungenschaften der Renaissance. Traurige, gefallene Zyklopen, riesige Hände, die aus Wolken ragen, dicke Köpfe mit Haarstoppeln und überdimensionale glühende Zigaretten – seine Motive wirken nur auf den ersten Blick eindeutig, auf den nächsten lassen sie viel Platz für Interpretationen. „Mein Vater sprach oft über die Unschuld in der Kunst, er sagte, er wolle wie ‘der erste Maler sein‘, um frei von Konventionen oder Traditionen sein zu können“, erinnert sich Gustons Tochter.

Dieses Vorhaben setzt er um – und ruft bei Kritikern und Kollegen Ratlosigkeit bis hin zu Entsetzen hervor. Auf die erste Ausstellung seiner „neuen“ Werke folgen fast ausschließlich negative Kritiken – die ungewohnte Offenheit der Arbeiten ist zu viel für die Kunstszene der frühen 70er. Es soll Jahre dauern, bis Guston die Anerkennung erhält, die er verdient. Erst kurz vor seinem Tod erlebt er eine Resonanz, die sein langjähriges künstlerisches Schaffen und die Phasen intensiven Malerlebens zu schätzen weiß. Die Begeisterung, die sein Oeuvre daraufhin auslöst, hat sich bis heute gehalten. Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle anlässlich seines 100. Geburtstages, ist die verdiente Würdigung eines mutigen und außergewöhnlichen Künstlers, der mit seinem Spätwerk nicht nur die amerikanische, sondern die Kunst im Allgemeinen geprägt hat.

>>Die Ausstellung „Philip Guston. Das große Spätwerk“ wird von 6. November bis 2. Februar in der Schirn Kunsthalle gezeigt. Weitere Informationen unter: www.schirn.de
 
6. November 2013, 09.06 Uhr
Ronja Merkel
 
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