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Foto: Harald H. Schröder
Foto: Harald H. Schröder

Neuer Schirn-Direktor

„Die Kunsthalle muss auch aus sich herausgehen“

Sebastian Baden ist ab sofort neuer Direktor der Schirn. Er möchte, dass das Ausstellungshaus einem breiten Publikum aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen offensteht und beim Aufbau einer starken demokratischen Gesellschaft mitwirkt. Ein Interview.
JOURNAL FRANKFURT: Herr Dr. Baden, Sie übernehmen ab 1. Juli die Leitung der Schirn. Was verbinden Sie mit Frankfurt?
Sebastian Baden:
Mit Frankfurt verbinde ich eine pluralistische Gesellschaft und ein urbanes Stadtzentrum, wie es sie an anderen Orten in Deutschland so nicht gibt. Die Architektur, die Gesellschaft, die kulturellen Institutionen – das alles zieht mich an und ich freue mich auf den kulturellen Leuchtturm, den ich hier leiten darf.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt ist eines der profiliertesten Ausstellungshäuser Deutschlands für zeitgenössische Kunst. Wie war bisher Ihre Wahrnehmung der Schirn?
Die Schirn leistet im Bereich der modernen, aber auch zeitgenössischen Kunst und ihrer Vermittlung Fundamentales. Nicht ohne Grund ist sie mit ihrem hohen Anspruch an ihr Programm nicht nur deutschlandweit, sondern auch international eines der profiliertesten Ausstellungshäuser für moderne und zeitgenössische Kunst. Das ist das, was ich von außen beobachten konnte. Mein Ziel ist es, auch weiterhin ein solches Programm zu realisieren, das Entdeckungen und Größen der internationalen Kunstwelt vorstellt. Die Schirn soll außerdem einem breiten Publikum aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsgruppen offenstehen. Aber ich lege auch Wert auf ein Diskursprogramm, das heißt, ich möchte, dass über die Kunst gesprochen wird.

Sie haben angekündigt, den Fokus auf das Wechselspiel zwischen der Kunst und den drängenden Fragen der Gesellschaft zu legen. Welche Fragen sind das?
Wir leben in Deutschland in einer Demokratie. Das spiegelt sich auch in der Kunst wider. Meinungsfreiheit, Pressefreiheit – diese für uns so selbstverständlich erscheinenden Rechte sind für bildende Künstlerinnen und Künstler essentiell. Das wird schnell deutlich im Kontakt mit Kulturschaffenden, die aus Ländern kommen oder in Ländern arbeiten, wo diese Freiheiten stark eingeschränkt sind. Für die Vermittlung von künstlerischer Arbeit hier in Deutschland und darüber hinaus ist es wichtig zu zeigen, wir stehen hier für freiheitliche Gedanken. Dies ist eine zentrale Frage der Gegenwart. Andere betreffen menschengemachte Krisen wie Kriege und Klimawandel, und natürlich dekoloniale und antirassistische Bildungsarbeit. Es sind akute Herausforderungen, mit denen wir uns beschäftigen müssen und für die wir eine starke demokratische Gesellschaft aufbauen müssen. Es ist eine Aufgabe der Schirn, hier mitzuwirken.

Erst die Corona-Pandemie, jetzt ein Krieg mitten in Europa, der auch mit Fake News betrieben wird. Was wollen Sie in Ihrem Programm dem entgegensetzen?
Wir bieten Kulturtechniken an: die der Aufklärung, der Wahrnehmung und der ästhetischen Bildung. Wir wollen das Publikum mit unserem Programm dazu einladen, sich an gesellschaftlichen Diskursen zu beteiligen, sich eine eigene Meinung zu bilden und durch die Kunst neue Blickwinkel einzunehmen. Hier ist unser progressives Vermittlungsprogramm gefragt.

Nach Jahrzehnten der Sorglosigkeit, die sich auch in der Kunst abgebildet hat: Muss die Kunst jetzt politischer werden?
Die Kunst war schon immer politisch. Es gibt keine unpolitische Kunst. Es gibt nur ein bestimmtes Framing, eine Präsentationsform, in der man unterschiedliche Aspekte von Kunst bewerten und hervorheben kann. Gerade in Frankfurt und mit der Paulskirche als Wiege der Demokratie in direkter Nachbarschaft, ist die Schirn der richtige Ort, um diese Seite der Kunst verstärkt zu beleuchten.

Sie haben über „Das Image des Terrorismus im Kunstsystem“ promoviert. Wie kamen Sie zu diesem Thema?
Ich habe mich mit der Avantgarde in der Kunst beschäftigt und einer bestimmten Thematik, nämlich dem Ereignis des 11. September 2001 und dem damit einhergehenden Medien- und Bildereignis. Im Kern ging es in meiner Dissertation um die Frage, wie sich politische Gewalt auf Kunst und Gesellschaft auswirkt. Wie hat sich seit der Französischen Revolution politische Kunst entfaltet? Und wie wird der Begriff Terrorismus instrumentalisiert?

Der 11. September 2001 ist sicherlich eine Zäsur unserer jüngeren Geschichte. Was bedeutet er für die Kunst?
Wir leben in einem digitalen Zeitalter. Der 11. September war ein Moment, der – reduziert gesprochen – den Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter markiert. Natürlich gab es bereits vorher das Fernsehen und das Internet, aber die Sozialen Medien, wie wir sie heute kennen, spielen seither eine ganz entscheidende Rolle für die Verbreitung von Meinungen und Botschaften. Das hat auch das Kunstschaffen und die Wahrnehmung von Bildern nachhaltig verändert.

Zur digitalen Zeitenwende: Es gibt Untersuchungen, die belegen, dass die Verweildauer pro Bild etwa bei Instagram bei drei Sekunden liegt. Werden sich die Menschen dauerhaft noch Ausstellungen widmen können?
Da bin ich ja froh, denn es gibt Statistiken, die besagen, dass die Verweildauer in Museen bei acht Sekunden pro Bild liegt.

Wie werden Sie die Schirn mit Ihren Ideen prägen?
Das aktuelle Ausstellungsprogramm wurde bis ins kommende Jahr bereits geplant. Mit Ugo Rondinone und Aernout Mik präsentierten wir im Sommer zwei herausragende zeitgenössische Positionen. Im Herbst freuen wir uns eine eher unbekannte Seite des Schaffens von Marc Chagall zeigen zu können, die aktuellen Fragen wie Vertreibung, Verfolgung und Exil berührt. Momentan führe ich zum künftigen Programm Gespräche mit dem kuratorischen Team, wir sind am Arbeiten. Ich mag die gemeinsame Ideenentwicklung. Deshalb ist der Prozess auch stark abhängig von den Vorschlägen, die aus dem Team kommen. Auf alle Fälle werden wir an der internationalen Kraft der Vergangenheit anknüpfen: Namhafte Einzelpositionen mit thematischen Ausstellungen zu kombinieren und die Brücke zwischen der Moderne und der Gegenwart zu schlagen. Aber auch neue Akzente setzen.

Können Sie da etwas konkreter werden?
Was ich mit Blick auf die Zukunft sagen kann, ist, dass es bestimmte Prozesse in der zeitgenössischen Kunst gibt, die mich schon länger interessieren. Zum Beispiel die aktuelle documenta in der Frage: Wie arbeiten Kollektive gemeinsam? Diese Prozesse sind für eine Gesellschaft sehr wichtig und ich finde es toll, dass ruangrupa nach Kassel mit einer nicht neuen, aber innovativen Praxis kommt, nämlich einer Form kollektiver künstlerischer Gestaltung. Ich habe bereits vor vielen Jahren mit Kollektiven gearbeitet. Ich verfolge die aktuellen Debatten und das Programm daher genau.

Auch wollen wir ein Programm machen, das nicht nur innerhalb des Hauses stattfindet. Wenn Kunst im Außen- oder digitalen Raum stattfindet, dann erreicht sie die Menschen auf einer anderen Ebene. Die Menschen sollen nicht nur in die Kunsthalle hineingehen, die Kunsthalle muss auch aus sich herausgehen. So entsteht eine andere Begegnung. Das ist auch etwas, was mir als Kunstvermittler persönlich sehr am Herzen liegt. Es geht mir darum, mit unterschiedlichsten Besucherinnen und Besuchern zu arbeiten, ins Gespräch zu kommen.

Sie sind in Kaiserslautern geboren. Sind Sie für Eintracht Frankfurt oder den
1. FCK?

Da bin ich eindeutig für die Champions League, also für Eintracht Frankfurt. Ich war früher Triathlet beim 1. FCK und die sportliche Karriere hat mich zur Kunst geführt, denn in beiden Bereichen müssen Grenzen überwunden werden.

>> Zur Person: Dr. Sebastian Baden, geb. 1980, wird zum 1. Juli Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt und tritt damit die Nachfolge von Philipp Demandt an, der das Haus seit 2016 leitete. Baden war zuvor Kurator für zeitgenössische Kunst, Skulptur und Neue Medien an der Kunsthalle Mannheim und lehrte von 2010 bis 2016 Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

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Dieses Interview ist auch in der Juli-Ausgabe (7/22) des JOURNAL FRANKFURT erschienen. Das ePaper finden Sie im JOURNAL KIOSK.
 
1. Juli 2022, 10.18 Uhr
Jasmin Schülke
 
Jasmin Schülke
Studium der Publizistik und Kunstgeschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Seit Oktober 2021 Chefredakteurin beim Journal Frankfurt. – Mehr von Jasmin Schülke >>
 
 
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