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Musikalische Weckrufe aus der Vergangenheit
 

Musikalische Weckrufe aus der Vergangenheit

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Wo Woodstock nachhallt

Foto: Oliver Tamagnini
Foto: Oliver Tamagnini
50 Jahre „Woodstock“, langsam ebbt der Hype um Jimi, Joe und Janis wieder ab. Als wirklich nachhaltig entpuppen sich die akustischen Helden vom Festival. Sie sind nach wie vor auch eine Inspiration für die hiesige Singer/Songwriter-Szene.
Dass Bands wie The Who, Santana und Sly And The Family Stone oder Einzelkünstler- und künstlerinnen wie Joe Cocker, Janis Joplin und Jimi Hendrix auch ein großes Publikum wie es in Woodstock zusammenkam zu elektrisieren verstanden, wird niemand überrascht haben. Aber dass da sogar Solisten vor einer halben Million Menschen nicht nur bestehen konnten, sondern Performances ablieferten, die bis zum heutigen Tag nachhallen, mag schon verwundert haben. Aber gerade Namen wie Richie Havens, Tim Hardin, Arlo Guthrie, Joan Baez, Country Joe McDonald und John B. Sebastian stehen mit Songs wie
„Freedom“, „Joe Hill“, „I-Feel-Like-I’m-Fixin’-to-Die Rag“ oder „I Had A Dream“ für die Gegenkultur, verkörperten für die Jugend das „andere Amerika“. Sie standen nicht nur für Love & Peace, sondern legten auch die Finger in die Wunde eines Landes, das in Vietnam einen schrecklichen Krieg führte und mit Martin Luther King und Robert Kennedy zwei weitere kritische Stimmen nach Attentaten verloren hatte. Und es sind genau diese leisen Stars mit intensiven Botschaften, die ein halbes Jahrhundert nach Woodstock noch die Musik einer engagierten, auf höchst unterschiedliche Weise von Blues, Folk und Country inspirierten Singer/Songwriter-Szene im Rhein-Main-Gebiet beeinflussen. Zu ihr gehören zum Beispiel Tom Ripphahn, Wolf Schubert-K., Kenneth Minor, Reverend Schulzz, Romie und Fooks Nihil.

Schaut man auf die Facebook-Seite von Fooks Nihil, stehen da The Beatles, Cream, The Zombies und Jefferson Airplane neben akustischen Acts wie Crosby, Stills, Nash and Young, James Taylor „and all the other good stuff“. Als Max Ramdohr, Florentin Wex und Max Schneider Ende Juli 2015 gefragt wurden, die Record-Release-Party von Kenneth Minor im Kesselhaus zu eröffnen, hatte ihr etatmäßiger Schlagzeuger keine Zeit. „Wir wollten aber unbedingt spielen, also entschlossen wir uns, unplugged aufzutreten“, erinnert sich Schneider, der sich selbst an ein Mini-Drumkit setzte. Im Repertoire hatten sie die „Suite: Judy Blue Eyes“ von Crosby, Stills, & Nash, die beim Publikum enthusiastische Redaktionen hervorrief. Kein Nummer-1-Hit, aber doch ein ikonenhafter Song und das nicht nur für die, die damit aufgewachsen sind. „Woodstock war das Festival mit dem vielleicht auf ewig besten Line-Up“, mutmaßt Ramdohr. „Für uns als Fooks Nihi‘ ist natürlich die ,Suite: Judy Blue Eyes‘-Woodstock-Version ausschlaggebend, weil sie so authentisch, wahnsinnig energiereich und gefühlvoll vorgetragen ist. Anhand dieser Version des Songs haben wir uns richtig in den dreistimmigen Gesang eingearbeitet, weil wir es genauso machen wollten.“ Ihr Wiesbadener Kollege Bird Christiani, der als „Kenneth Minor“ sein subtiles Storytelling schon mit „Phantom Pain Reliever“ auf Vinyl veröffentlicht hat, verweist darauf, dass er als „Woodstock“ über die Bühne ging, noch nicht geboren war. „Aber viele musikalische Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben mich sehr beeinflusst“, nennt er The Band, Grateful Dead oder Neil Young. „Glaubt man Zeitzeugenberichten, wird das singuläre Ereignis aufgrund vieler Faktoren heute stark überschätzt. Geht es aber um die Tradierung des Geistes von Woodstock, so kann die Existenz und Wirkung von ,Love, Peace & Music‘ niemals überschätzt werden. Im Gegenteil.“ Am 11. Oktober stellt er im Kesselhaus in Wiesbaden sein neues Werk „On My Own“ vor.

Dem Hanauer Reverend Schulzz waren dagegen viele der „Woodstock“-Beiträge „zu selig“. „Das Singer/Songwritertum hat sich mir auf andere Weise erschlossen. Es fehlten halt auch meine Helden“, nennt er Bob Dylan und Joni Mitchell. Der eine laborierte noch an den Folgen eines Motorradunfalls, den er – Ironie der Geschichte – nahe Woodstock hatte, die andere steckte im Stau fest. „Richie Havens ist natürlich schon beeindruckend mit seinen Open Tunings und dem krassen Strumming, allerdings auch arg akrobatisch.“ Selbst für die beiden Mitt-Zwanzigerinnen Jule Heidmann und Paula Stenger, die als Folk-Duo Romie gerade in Irland ihr Debütalbum „Trust In The You Of Now“ aufgenommen haben, hat „Woodstock“ Relevanz. „Ich habe sogar mal eine Hausarbeit über ,Woodstock‘ geschrieben“, lacht Heidmann. Mit Blick auf die Musik, die sie mit Romie macht, kommt selbstverständlich Joan Baez ins Spiel. „Die A capella-Version von ,Swing Low, Sweet Chariot‘, ehrlich, pur, stark und entwaffnend innig, sucht bis heute ihresgleichen“, schwärmt sie. „Joan zeigt mir, als Musikerin eines Duos, dessen Musik ebenfalls im Folk verwurzelt ist, dass auch das Innehalten und die fragilen Momente auf einem Festival ihren Raum haben dürfen. Wie eine Fermate zwischen all dem wilden Tanzspaß und Partytrubel. Rock’n’Roll hat eben viele Nuancen.“

Wolf Schubert-K. hat seine Entwicklung vom Rock´n´Roll über Country zum Folk gemacht. „All das hat das Festival auch abgebildet“, war der Sänger, Gitarrist und Mundharmonikaspieler 1969 erst sieben Jahre alt. „Aber als Teenager habe ich das Album förmlich gefressen, ich weiß nicht, wie oft ich den Film gesehen habe“, hat der gebürtige Bayer noch „Coming Into Los Angeles“ von Arlo Guthrie als Lagerfeuer-Internats-Hit im Gedächtnis. Durch seine Mutter früh auch politisch gepolt, waren es nicht zuletzt die Ansagen von Joan Baez oder Country Joe McDonald, die ihn erreichten. „Diese politische Aktionen, die gehörten für mich zur Bewegung. Der Film hat das schon super gut abgebildet.“ Schubert-K., der seine letzte CD „Free Spirit“ taufte, nennt sich selbst „Protestsänger“, hat auf Festivals an Aktivisten wie Pete Seeger und Woody Guthrie erinnert. „Ich habe diesen Begriff immer mit mir getragen. Auch in den 80er- und 90er Jahren, wo das wirklich nicht en vogue war, war das für mich relevant.“ Selbst die, die Woodstock höhnisch einen Anachronismus nennen, müssen dann doch akzeptieren, dass in einer Zeit des neu erwachten Nationalismus, der Kriegstreiberei oder auch Homophobie Woodstock als Leitbild positive Impulse geben kann.

>> Kenneth Minor, Wiesbaden, Kesselhaus, 11.10., 20 Uhr, Eintritt: 13,–
 
8. Oktober 2019
Detlef Kinsler
 
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