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Kultur
 

Lockdown: Kultur

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When the music’s over

Foto: Universal Music
Foto: Universal Music
Am Mittwoch verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel den „Lockdown light“. Der Kulturbetrieb wird damit ein weiteres Mal heruntergefahren, zahlreiche Veranstaltungen müssen abgesagt werden. Musikredakteur Detlef Kinsler über den Nährwert von Kultur.
„When the music’s over... “, sang Jim Morrison mit The Doors 1967. Mit dem aktuellen „Wellenbrecher“-Konzept aus dem Kanzleramt ab Montag wird diese Zeile mit Blick auf Live-Konzerte traurige Realität. Bis in den September hinein hatten sich Clubs und Veranstalter in der Region Open Air-Konzepte einfallen lassen, um den Hunger der Menschen nach Kultur zu stillen. Viele regionale Bands konnten sich präsentieren und unter Beweis stellen, auf welchem Niveau sie Musik machen. Mit speziell entwickelten Hygiene-Konzepten sollte es nun auch Indoor weitergehen.

Ob mit eigens angeschafften Luftfiltergeräten und Plexiglastrennwänden wie im Jazzkeller oder kreativen baulichen Maßnahmen wie im Mousonturm mit dem kreativen Logen-für-alle-Konzept. Und das mit und für – im Kontrast zu den vielen Coverbands im Spätsommer – wirklich anspruchsvollen Acts.

Allein im Künstlerhaus im Ostend verpassen wir den Solo-Auftritt des Pianisten Lambert, den Mann mit der sardischen Stiermaske. Auch das Frankfurter Elektronik-Duo Les Trucs wollte die Premiere ihrer „Sepia Sepia“-Performance feiern. Komponist Thies Mynther, Theatermacher Veit Sprenger und der bildende Künstler Tobias Euler hätten ihre Hommage an einen außergewöhnlichen Menschen, den Kultmusiker Moondog, als „Moon Machine, Grounded“ auf die Bühne gebracht.

Außergewöhnlich versprach auch der Auftritt Sebastian Gramms State Of Play mit großer elektro-akustischer Band und modernem, kreativen Jazz in der Alten Oper zu werden. Trompeter Valentín Garvie wollte dafür eigens aus Argentinien anreisen. Debussy, Bill Evans, Ryuichi Sakamoto und Max Richter gleichermaßen haben Musiker und DJ Matthias Vogt zu seinem Projekt „Pianissimo“ inspiriert, das in seiner Heimatstadt Rüsselsheim Premiere feiern sollte.

Im Bürgerhaus Sprendlingen wollten Sebastian Manz und Sebastian Studnitzky mit „A Bernstein Story“ ihre Interpretation von „Lennies“ frühem Crossover-Ansatz vorstellen. Zum fünften Mal stand das mehrtägige Jazz Festival in der Fabrik in Sachsenhausen auf der Agenda. Auch im Gewölbekeller hatte man sich zuletzt vor kleinem Publikum gut eingegroovt. In der Romanfabrik waren die Lesung von Rainer Erd (aus seinem Buch über Tony Lakatos) und das Solokonzert der Pianistin Julia Kadel ausverkauft. Die Jazz-Nomadin Anna Lauvergnac wäre aus Italien in den Jazzkeller gekommen.

Die Besucher:innen im Bett sollten neben dem Blues des Briten Aynsley Lister und der World Music des Barcelona Gipsy balKan Orchestra noch in den Genuss eine eigens eingerichtete Bildergalerie kommen. „Ich habe aus Mangel an neuen Tourpostern die Idee gehabt, Gästen vom Bett und auch Hobbykünstlern unsere Wände als Ausstellungsfläche anzubieten“, kommunizierte Katharina Süs, im Club für Booking und Administration zuständig, ihren schönen Einfall. Sie überlegt, einen virtuellen Rundgang im Netz zu installieren.

Für die meisten Veranstalter:innen gilt es erst einmal wieder, Termine abzusagen und umzuplanen. Viele werden dabei sicherlich einen Frank Zappa-Titel im Ohr haben. „The Torture Never Stops“. Aus Aschaffenburg kam die prompte Meldung: „Colos-Saal bereits jetzt im Lockdown“. Gerade noch hatten wir deren Konzept vorgestellt. „Das Colos-Saal Team hat entschieden, die beiden letzten Konzerttermine im Oktober nicht mehr stattfinden zu lassen.

Die Konzerte mit Pfund (Fr. 30.10.) und Spirit Of Soul (Sa. 31.10.) sind in Einverständnis mit den Bands abgesagt. Die steigenden Infektionszahlen haben verständlicherweise zu großer Verunsicherung des Publikums geführt“, schreibt Jutta Schaadt-Berninger. „Die Politik hat gestern den November-Lockdown beschlossen, weil die Infektions-Fallzahlen zu schnell steigen, und das Colos-Saal-Team hält es auch genau aus diesem Grund nicht mehr vermittelbar, kurz vorher noch Konzerte zu veranstalten. In der Hoffnung auf bessere Zeiten, werden wir mit den Bands, die wegen des Lockdowns nun nicht spielen, Konzerttermine für das kommende Jahr vereinbaren.“

Aus der Centralstation in Darmstadt, wo unter anderem auch Lambert zu sehen gewesen wäre, meldeten sich Meike Heinigk und Lars Wöhler aus der Geschäftsführung zu Wort. „Für uns als Veranstalter ist die erneute Schließung der Centralstation bittere Realität. In den vergangenen Monaten haben wir mit einem umfangreichen Hygienekonzept den reibungslosen Ablauf zahlreicher Veranstaltungen ermöglicht und konnten viele Besucher:innen in unserem Haus begrüßen. Die ohnehin bereits stark in Mitleidenschaft gezogenen Bereiche der Kultur- und Veranstaltungsbranche sowie die Gastronomie treffen die erneuten Maßnahmen sehr hart, doch nun ist Vernunft gefragt, denn die Gesundheit aller ist oberste Prämisse. Es herrscht weiterhin ,Alarmstufe Rot‘ für die Kultur und uns bleibt nur der Blick nach vorne und wir appellieren an alle, weiterhin, wo es geht, die Kulturbranche zu unterstützen.“

Der Intendant und Geschäftsführer der Alten Oper Frankfurt, Dr. Markus Fein, unterstreicht, wie hart der Beschluss aus Berlin die ohnehin schon angeschlagene Kulturszene trifft. „Musiker:innen, Orchester, Agenturen, Veranstalter und Konzerthäuser – sie alle geraten nun in eine Krise von historischem Ausmaß. Auch die Alte Oper sieht sich vor gewaltigen Herausforderungen. Gerade in diesen Zeiten will die Alte Oper mit einem breiten Veranstaltungsangebot den Menschen zur Seite stehen. Es schmerzt, dass wir diesen Dialog mit unserem Publikum nun aussetzen müssen. Konzerthäuser haben sich mit ihren umfassenden Hygienekonzepten in den vergangenen Monaten als sichere Orte bewährt.“

Die Frankfurter Entertainer Jo van Nelsen, der den 30. Geburtstag seines Dancefloor-Hits „Ich bin so wild nach Deinem Erdbeermund“ live feiern wollte, hat wie alle gestern genau bei den Nachrichten zugehört und echauffiert sich über eine Aussage des Chefs des Bundeskanzleramtes Helge Braun. Aus dem sei abzulesen, dass die Politik den Nährwert von Kultur für die Gesellschaft nicht sieht. Sinngemäß gab er zu Protokoll, er könne sich nicht vorstellen, dass jemand bei diesen Zahlen entspannt ein Konzert besuche. „Oh doch, tun sie, und sie sind extrem dankbar. Es gibt zwei große Erkenntnisse: wie systemrelevant Kultur für die Menschen ist und wie dankbar das Publikum für jeden kulturellen Beitrag Ist. So einen Applaus und Rückmeldungen habe ich in Jahren nicht bekommen – eine absolut spürbare Wärme und Verbundenheit was mir eigentlich durch die Bank weg alle Kollegen bestätigen.“
 
30. Oktober 2020, 10.08 Uhr
Detlef Kinsler
 
Detlef Kinsler
Weil sein Hobby schon früh zum Beruf wurde, ist Fotografieren eine weitere Leidenschaft des Journal-Frankfurt-Musikredakteurs, der außerdem regelmäßig über Frauenfußball schreibt. – Mehr von Detlef Kinsler >>
 
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