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Hate Poetry – Ein Interview mit Deniz Yücel
 

Hate Poetry – Ein Interview mit Deniz Yücel

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„Man hasst uns für das, was wir sind“

Foto: Thies Rätzke
Foto: Thies Rätzke
„Hate Poetry“ – das ist ein Team von Journalisten mit Migrationshintergrund. Öffentlich lesen sie dämliche, rassistische Leserbriefe vor – und entblößen auf komische Weise deren Verfasser. Ein Interview mit Deniz Yücel, der angekündigt hat von der taz zur Welt zu wechseln.
JOURNAL FRANKFURT: Seit ziemlich genau drei Jahren wetteifert das Hate Poetry-Team in einem Vorlesewettbewerb um den Preis für den dümmsten und rassistischsten Leserbrief oder -kommentar. Wie kam es dazu?
Deniz Yücel: Die Idee stammt von der Autorin Ebru Tasdemir, die sich die Moderation der Hate Poetry mit meiner taz-Kollegin Doris Akrap teilt. Sie kam darauf, weil eine Kollegin auf Facebook einen Leserbrief gepostet hatte. Sie haben sich darüber lustig gemacht und irgendwann kam Ebru die Idee, dass man das öffentlich machen müsse. Sie fragte dann Mely Kiyak, Yassin Musharbash und mich, wir trafen uns im taz-Café zur ersten Lesung – ohne großes Konzept, ohne Vorbereitung, aber mit tonnenweise shit, der vorgetragen werden wollte. Das war als einmalige Veranstaltung gedacht.


Es kam dann anders.
Das hat sich so ergeben. Schon beim ersten Abend gab es einen riesigen Andrang. und danach hatten wir die nächsten Einladungen. Dass wir weitergemacht haben, hatte zwei Gründe: Zum einen hatten wir miteinander großen Spaß. Zum anderen wurde, glaube ich, erst im Laufe der ersten Show etwas klar: Wenn du ein paar Üs und Ys im Namen hast, ist es egal, in welcher Form du schreibst oder für welche Zeitung, du kriegst dann bestimmte Zuschriften, die Kollegen, die Müller oder Schneider heißen, nicht bekommen. Darum ist Hate Poetry eine politische Veranstaltung; bei uns geht nicht einfach um schlechtes Benehmen im Internet, das inzwischen auch andere Leute thematisieren. Mit einem bisschen Arschloch und Fotze würdest du bei Hate Poetry nicht weit kommen.


Warum?
Weil man uns nicht für das hasst, was wir machen, sondern für das, was wir sind – oder was in den Augen dieser Leute sind. Darum geht es nicht uns persönlich. In diesen Zuschriften zeigt sich, dass ein nennenswerter Teil der Bevölkerung nicht damit klar kommt, dass Leute mit solchen Namen öffentlich das Wort ergreifen. Darum konnten wir im Laufe der Zeit die Crew problemlos erweitern. Die Kolleginnen und Kollegen Özlem Topçu, Özlem Gezer, Hasnain Kazim und zuletzt Mohamed Amjahid kamen hinzu. Jeder hatte denselben Scheiß. Und jeder einzelne hat ein großes Bühnentalent.

Lest Ihr nur Zuschriften von deutschen Lesern?
Überhaupt nicht. Wir bekommen auch Post von Muslimen oder Islamisten, die uns sinngemäß Verrat am Islam vorwerfen. Oder von türkischen Nationalisten und AKP-Fans, die uns ins Vaterlandsverrat vorwerfen. Bei denen passiert ja dasselbe wie bei deutschen Rassisten: Auch sie sehen in uns nicht Journalisten, deren Texte sie falsch und doof finden. Sie reduzieren uns ebenfalls auf etwas, das wir vermeintlich repräsentieren. Darum lassen wir all diese Sachen im fröhlichen Wettstreit antreten, auf das der Dümmere gewinnen möge.


Wenn Du oder deine Kollegen manchmal den Dreck anschaust, der auf Facebook oder in Meinungsforen abgesondert wird - wünscht Ihr Euch manchmal, das Internet wäre nie erfunden worden?
Ach, weiß nicht. Je nach Tagesform neige ich zu einer kulturpessimistischen oder zu einer kulturoptimistischen Antwort. Die pessimistische Antwort ist ein Satz, der Flaubert zugeschrieben wird. Er soll mal gesagt haben, er sei gegen die Einführung der Eisenbahn, weil diese nur noch mehr Menschen erlaube, zusammen zu kommen und zusammen dumm zu sein. Damit ist eigentlich alles zum Internet im Allgemeinen und zum Mitmach-Internet im Besonderen gesagt.


Und die optimistische Antwort?
Die lehnt so was als elitär ab. Die optimistische Variante lautet: Das Internet macht nur Dinge sichtbar, die ohnehin vorhanden sind. Und mit Dingen, die sichtbar sind, kann man sich besser auseinandersetzen als mit Stimmungen im Verborgenen – das passiert in den Leserbriefforen ja ebenfalls. Und es nicht so, dass wir nur übers Internet Zuschriften erhalten würden. Mely hat einen ganzen Ordner von handschriftlichen Briefen, teilweise auf Büttenpapier verfasst. Mir hat mal jemand einen alten Turnschuh geschickt – als, wie er dazu schrieb „Zeichen der Verachtung, wie es in meinem Kulturkreis üblich“ sei.


Wie steht es um das Verhältnis von anonymen zu namentlich gekennzeichneten Schmähzuschriften?
Ich habe das Zeug nie wissenschaftlich ausgewertet, das wäre auch nicht unser Job. Jedenfalls verstecken sich keineswegs alle in der Anonymität des Internets. Es gibt viele Leute, die mit ihre Briefe stolz mit vollem Namen und Anschrift zeichnen.


Hast Du schon einmal überlegt, juristisch gegen Briefeschreiber vorzugehen?
Nein. Ich glaube der Aufwand wäre zu hoch und der Ertrag niedrig. Meine Form, damit umzugehen ist Hate Poetry. Wenn wir in jeder Stadt, in der wie es wollen 200, 300, manchmal 500 Leute dazu bringen, mit uns über diese Spackos zu lachen – das ist großartig. Mir genügt das.


Hate Poetry nimmt diese Flut an rassistischen und beleidigenden Zuschriften mit Humor. Aber macht Euch all das nicht manchmal auch Angst?
Es kommt vor, dass einzelne Leserbriefschreiber etwas Manisches entwickeln. Wenn mir jemand über Wochen hinweg rund um die Uhr immer wieder schreibt, wenn es wahnhaft wird, das ist schon besorgniserregend. Einfache Drohungen hingegen nehme ich nicht ernst, bellende Hunde sollen ja nicht beißen. Und die ganz harten Sachen lesen wir auch nicht vor.


Warum nicht?
Weil sie nicht komisch sind. Hate Poetry ist eine Leseshow. Dieses ganz harte Zeug würde sich niemand über mehrere Stunden anhören – unser Rekord liegt bei fünf Stunden, das gibt es sonst nur bei Castorf oder in Bayreuth. Und Nazis als Nazis zu outen, wäre langweilig. Das Politische an Hate Poetry ist, dass wir Leute bloßstellen, die selber bestreiten würden, dass sie Rassisten sind. Ein guter Teil der Komik entsteht aus dieser Verdruckstheit; aus diesem „Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber…“ Oder „Ich habe nichts gegen Juden, aber…“


Ich persönlich habe den Eindruck, dass der Ton sich in den vergangenen Monaten noch einmal verschärft hat. Nehmt Ihr das auch so wahr?
Das ist ja so ein eherner Glaubensgrundsatz, dass alles immer schlechter wird. Weiß nicht. War vielleicht vorher auch schon scheiße.


>>Hate Poetry: Wiesbaden, Schlachthof, 9.4., 20 Uhr, Eintritt: 15,-
Rüsselsheim, Das Rind, 10.4., 20 Uhr, Eintritt: 10,-
 
8. April 2015, 10.13 Uhr
Interview: Christoph Schröder
 
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