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Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters
Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters

Graffiti des toten Flüchtlingsjungen am Osthafen

"Wir wollen mit den Gefühlen der Menschen spielen"

Zwischendurch mussten die Sprayer die Arbeiten an dem Graffiti abbrechen. Die Geschichte des toten Flüchtlingsjungen ging den beiden zu nah. Doch sie setzten ihre Arbeit fort: jetzt ist sie in der Nähe der EZB zu sehen.
Am Sonntag war er sprachlos. Als Oguz Sen die Wahlergebnisse der Partei Alternative für Deutschland (AfD) sah, war er entsetzt. Dass eine rechte Partei in solch einer weltoffenen Stadt wie Frankfurt auf eine – zumindest zeitweise – zweistellige Zahl kommen konnte, war einfach zu viel für ihn. Das war der Moment, an dem er gemeinsam mit Justus Becker beschloss den Plan ihrer Arbeit sofort in die Tat umzusetzen: Auf einer Mauer am Osthafen im riesigen Format den toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi zu sprayen.

"Wir haben lange überlegt, ob wir das wirklich machen sollen", so Sen. Das Bild sei sehr drastisch. Der dreijährige Flüchtlingsjunge wurde im September 2015 tot an der türkischen Küste angespült. Sein Bild ging um die ganze Welt. Es bewegte Millionen und löste eine mediale Debatte darüber aus, was gezeigt werden darf und was nicht. Auch der chinesische Künstler Ai Weiwei griff das Motiv auf.

Sen stellte eine Voraussetzung, dafür das Bild zu malen: Er wollte wissen, wie der Vater des Jungen über die Darstellung seines toten Kindes denkt. "Wir haben also erst einmal recherchiert", so Sen. Als sich der Vater in den Medien dazu äußerte und es guthieß, dass jeder Mensch dieses Bild sieht, war es für die beiden klar. "Ohne diese Aussage hätten wir das nicht gemacht", so Sen.

Es sei das Sinnbild der gescheiterten Flüchtlingspolitik. Sie sprühten es an eine Mauer in der Nähe der EZB, direkt am Main. Bald stieg das Wasser des Mains. "Der Junge wurde vor die EZB gespült", sagt Sen. "Gerade wir als Europäer sind verpflichtet", so Sen. Unseren Wohlstand könnten wir uns nur auf Kosten der dritten Welt leisten. Die Banken würden nur mit Geldern spielen, statt zu überlegen, wie sie die Welt verbessern könnten. "Wir reden immer nur von der EU, anstatt auch mal an die dritte Welt zu denken", sagt Sen.

Gerade überrolle das mediale Interesse die Beiden. Unter den Reaktionen gebe es viele, die negativ auf die Arbeit reagieren würden. Schon während ihrer Arbeit wurden sie von Passanten angeschrien. "Doch das war mir egal", so Sen. Er werde alles tun, um seinen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten. "Ich kann nicht viel, aber ich kann Bilder malen und Geld spenden", so Sen. Als Europäer habe man solch ein Glück in Demokratie zu leben. Die beiden Sprayer wollten von ihrer künstlerische Freiheit Gebrauch machen. Sie hätten sie auch selber finanziert.

Die Mauer gehöre der Stadt Frankfurt. Sie stelle sie zwei Mal im Jahr Künstlern zur Verfügung. Sie habe von der Wahl des Motivs nichts gewusst. "Wir wollten es so lange wie möglich geheim halten", sagt Sen. Deswegen hätten auch nur sie beide daran gearbeitet. "Wir wollen damit provozieren", sagt Sen, mit den Gefühlen der Menschen spielen. So eine Mauer könne man nicht einfach wegklicken oder umschlagen wie die Seite einer Zeitung.

Schon allein an dem Wort des "Wirtschaftsflüchtlings" stoße sich Sen. Die Menschen würden vor Krieg, Gewalt und Hunger flüchten. "Wie kann da jemand entscheiden, was ein guter und was ein schlechter Flüchtling ist", sagt Sen.
 
11. März 2016, 11.09 Uhr
Tamara Marszalkowski
 
Tamara Marszalkowski
Theaterredakteurin. Jahrgang 1987, Studium der Kunstgeschichte, Ethnologie und Pädagogik in Frankfurt, seit 2015 beim Journal Frankfurt. – Mehr von Tamara Marszalkowski >>
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