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Foto: Harald H. Schröder
Foto: Harald H. Schröder

Geschichtsort Adlerwerke

Erinnern an ein dunkles Kapitel

Kulturdezernentin Ina Hartwig spricht über das Konzept der Einrichtung Geschichtsort Adlerwerke und über die Verantwortung der Kultur gegenüber jungen Generationen. Auch das DFF widmet sich am Abend der Geschichte des Ortes und zeigt die Vorpremiere des Films „Katzbach“.
JOURNAL FRANKFURT: Im Frühjahr hat der Geschichtsort Adlerwerke im Gallusviertel als Gedenk- und Bildungseinrichtung eröffnet. Wie lief der Prozess ab und wie hat das Kulturdezernat ihn begleitet?
Ina Hartwig:
Ich habe dieses Projekt von Anfang an unterstützt. Dass es ein Konzentrationslager mitten in Frankfurt gegeben hat, ist zunächst in der Stadt selbst massiv verdrängt worden. Und diese Verdrängung gehört durchaus zur Geschichte der frühen Bundesrepublik. Hingegen ist das zivilgesellschaftliche Engagement lobend hervorzuheben. Die Initiativen im Gallus, die vor rund 30 Jahren den Anstoß gegeben haben, haben früh erkannt, wie wichtig dieses Thema ist. So schmerzlich es auch ist für eine Stadt, sich einzugestehen, dass quasi in der Innenstadt ein Konzentrationslager existiert hat: Wir wollen dieses Stück Stadtgeschichte vor Ort verankern. Geplant ist keine reine Gedenkstätte, kein Mahnmal, sondern ein lebendiger Lernort, der sich sehr stark an die jüngere Generation wendet. Es ist auch ein Angebot an Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen, sich am Ort selbst mit den Ereignissen auseinanderzusetzen und zu überlegen, welche Schlüsse daraus zu ziehen sind. Es geht darum, belastbares Wissen über die Vergangenheit aufzubauen. Erinnerung allein ist wertvoll, kann aber auch trügerisch sein. Es ist daher notwendig, der Erinnerung historisch gesichertes Wissen zur Seite zu stellen. Also: Was genau hat dort stattgefunden? Wer war interniert, wurde von wo verschleppt und wer ist dort gestorben?

Sie haben von der Abwehr, von der Verdrängung gesprochen, mit der das Thema Adlerwerke lange in der Stadt besetzt war. Haben Sie selbst das in den vergangenen Jahren auch noch gespürt?
Nein, diesen Widerstand gibt es inzwischen nicht mehr, glücklicherweise. Ich bin überzeugt, dass es in den Jahren nach dem Krieg einerseits um Vertuschung ging, aber auch um Scham. Man wollte das nicht wahrhaben. In der Stadtverwaltung selbst gibt es eine Geschichte der Verdrängung, die damit zu tun hat, dass im Nationalsozialismus sehr viele Menschen von den Verbrechen der Nazis profitierten. Zudem hatten die Adlerwerke selbst unmittelbar nach Kriegsende ein großes wirtschaftliches Interesse daran, ihre Produktion wiederaufzunehmen. Auch da wurde versucht, eine Art Schweigegebot über die Belegschaft zu verhängen.

Wie soll der Geschichtsort konkret aussehen und wie wird er von der Stadt finanziell unterstützt?
Der erste Schritt war die hervorragende Studie, die Dr. Andrea Rudorff im Auftrag des Fritz-Bauer-Instituts erstellt hat und die wir mit 100  000 Euro im Zuge einer Projektförderung unterstützt haben. Da Andrea Rudorff polnisch spricht, konnte sie ehemalige polnische Häftlinge befragen. Ihre Arbeit bietet nun eine sehr gute Grundlage. Der Geschichtsort entsteht auf dem historischen Fabrikgelände der Adlerwerke, in der Kleyerstraße 17. Es handelt sich um einen ebenerdigen Raum von rund 160 Quadratmeter Größe mit direkter Blickachse zum Turm, in dem die Häftlinge geschlafen haben. Der Raum selbst ist, Stand heute, noch leer. Wir haben den Schlüssel symbolisch an den Förder- und den Trägerverein übergeben. Das Konzept wurde bereits erarbeitet und mit der Einrichtung wird bald begonnen. Beide dieser Schritte unterstützen wir finanziell wie organisatorisch. Das Kulturdezernat wird den Geschichtsort außerdem mit einer jährlichen institutionellen Förderung unterstützen. In diesem Jahr sind das 120  000 Euro.

Eine Herausforderung für den Umgang mit dem Nationalsozialismus ist der Umstand, dass die Zeitzeugen mittlerweile so gut wie ausgestorben sind. Man muss andere Wege finden, um das Gedenken aufrechtzuerhalten. Wie schauen Sie auf dieses Problem?
Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Kürzlich ist die Frankfurter Ehrenbürgerin Trude Simonsohn im Alter von 100 Jahren gestorben. Sie ist in Frankfurt und Umgebung in die Schulklassen gegangen und hat unzähligen Schülern und Schülerinnen von ihren Erlebnissen erzählt. Solche authentischen Begegnungen werden rar. Wenn man Zeitzeugen einmal selbst erlebt hat, wird man nicht vergessen können, wie präsent ihr Schmerz geblieben ist. Wir müssen aber bedenken, dass Frankfurt eine Stadt im Wandel ist: Wir sind extrem international; in den Schulklassen überwiegen mittlerweile die Kinder mit Migrationsgeschichte. Frankfurt ist eine Einwandererstadt, und für diese Einwandererstadt brauchen wir auch die passende kulturelle Bildung und Erinnerungskultur. Deshalb sind solche Orte wie der Geschichtsort Adlerwerke eine ganz tolle Chance und ein Angebot, ganz konkret dem Ort zu erfahren, zu gucken und sich vorzustellen, was hier war, ohne dass dabei moralischer Druck auf die Kinder und Jugendlichen ausgeübt wird.

Wir leben, das lässt sich nicht leugnen, in einer Zeit, in der rechtsextreme und neonazistische Einstellungen zunehmen. Wie können städtische Institutionen, wie kann die Politik dem entgegenwirken?
Ich stimme Ihnen zu. Es gibt ein Erstarken des Rechtsradikalismus, des Antisemitismus, des Hasses insgesamt. Erinnerungskultur ist ein Vehikel, um dieser Tendenz entgegenzusteuern. In Frankfurt spielen die Museen eine entscheidende Rolle. Ich bin sehr froh, dass die Museumsleitungen untereinander im Austausch sind und kooperieren. Es gibt beispielsweise jetzt die große NS-Ausstellung im Historischen Museum. Das Jüdische Museum ist natürlich auch eine ganz wichtige Größe beim Thema Erinnerungskultur, indem es etwa das reiche jüdische Leben vor dem Holocaust dokumentiert; den Einfluss auf die Entwicklung von Institutionen, auf kulturelle Entwicklungen. Und es ist wichtig, den Paradigmenwechsel, den es derzeit ja überall in Deutschland im Hinblick auf die Sammlungsgeschichte in Museen gibt, zu vollziehen. Wir haben beispielsweise im September 2020 fünf Zeremonialobjekte aus der Sammlung des Jüdischen Museums und des Historischen Museums an die Jüdische Gemeinde Frankfurts zurückgegeben. Das war ein symbolischer Akt, denn die Objekte verbleiben in den Museen, aber die Eigentümerschaft ist auf die Jüdische Gemeinde übergegangen. Das war für die Jüdische Gemeinde, wie sie uns vermittelt und auch öffentlich gesagt hat, von großer Bedeutung, da die Ausplünderung der Frankfurter Juden durch Stadt und Staat anerkannt und das Unrecht juristisch revidiert wurde. Wir haben hier in Frankfurt, in der Stadt, in der Adorno mit seinen Radiobeiträgen für den HR ganz praktische Aufklärung für die interessierte Bevölkerung betrieben hat, große Verpflichtungen, aber auch große Möglichkeiten für die Herausbildung einer profunden Erinnerungskultur.

Dieses Interview ist zuerst in der März-Ausgabe (3/22) des JOURNAL FRANKFURT erschienen.

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Ab Sommer 1944 mussten Häftlinge im Konzentrationslager der Adlerwerke Zwangsarbeit für die Rüstungsproduktion verrichten. Regisseur Heiko Arendt hat die Verzweiflung der Gefangenen in einem Film aufgegriffen. Material für „Katzbach“ lieferten die Texte des polnischen Journalisten Janusz Garlicki, der seine Erinnerungen an seine Haftzeit in dem Buch „Von der Wahrscheinlichkeit zu überleben“ festgehalten hat. Die Produktion wird am Mittwoch, 29. Juni, um 20.15 Uhr im Deutschen Filmmuseum und Filminstitut (DFF) gezeigt.
 
29. Juni 2022, 12.55 Uhr
Christoph Schröder
 
 
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