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FR-Chefredakteurin Bascha Mika im Gespräch
 

FR-Chefredakteurin Bascha Mika im Gespräch

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"Jeden Tag besser"

Foto: Harald Schröder
Foto: Harald Schröder
Seit April hat die Frankfurter Rundschau neben Arnd Festerling eine Chefredakteurin: Bascha Mika spricht im Interview über Zeitungmachen, Linksliberalität und gefährliche Radrouten in Frankfurt.
Journal Frankfurt: In Ihren ersten Tagen bei der Frankfurter Rundschau spürten Sie eine Aufbruchstimmmung. Das war im April. Haben Sie das Gefühl immer noch?
Bascha Mika: Unbedingt. Ich komme wirklich jeden Tag mit Begeisterung hierher, auch wenn es nicht immer nur lustig ist. Schließlich machen wir eine Tageszeitung. Das heißt Druck, Diskussionen über Titel und Themen, Ärger über Fehler, die passieren …

Nun, die perfekte Zeitung gibt es nicht.
Das ist ja das Tolle: Man kann sie am nächsten Tag besser machen. Alles andere sind ganz normale Alltagsschwierigkeiten. Ich konnte zunächst ja nur vermuten, dass die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen und mit Arnd Festerling und Michael Bayer in der Chefredaktion hervorragend klappt. Das hat sich voll bestätigt.

Haben Sie es sich nicht einfach so aufgeteilt, dass Arnd Festerling das Lokale und Sie das Überregionale machen, damit Sie sich nicht in die Quere kommen?
Sie meinen, ob wir unsere Schrebergärten hübsch abgesteckt haben? Nein, es ist tatsächlich so, dass wir die Tagesproduktion auf Zuruf machen. Ich finde es äußerst angenehm, dass das so problemlos funktioniert. Wir haben, und das eint hier alle, ein gemeinsames Ziel: Eine gute Zeitung zu machen.

Kann das gelingen mit einem so stark geschrumpften Team? Von einst 1700 Mitarbeitern sind gerade mal etwa 100 geblieben.
Es ist allgemein bekannt, dass die Rundschau eine sehr schwierige Zeit hinter sich hat, dass es im vergangenen Jahr durch die Insolvenz noch einmal einen besonders harten Einschnitt gab. Es musste sich erst einmal alles neu einfinden, musste sich, ja ich glaube, das ist der richtige Begriff: zurechtruckeln. Inzwischen machen wir mit einer kleineren Mann- und Frauschaft eine Zeitung, die inhaltlich so stark wie vorher ist. Es geht darum, dieses Blatt mit seiner großen publizistischen Geschichte in die Zukunft zu führen.

Eine neue FR?
Wir werden hier nicht die Rundschau neu erfinden, das ist gar nicht nötig. Das Jammertal ist durchschritten, jetzt können wir alle gemeinsam die Zeitung weiterentwickeln – online wie auch Print. Je kleiner es ist, um so mehr muss ein Blatt in Bewegung bleiben – und sich gleichzeitig auf seine Tradition besinnen.

Auch der linksliberalen Tradition?
Selbstverständlich! Das ist der Charakter der FR. Wer den verändert, rupft ihr die Seele raus.

Genau das ist aber doch in den letzten Jahren passiert. Mit Schrecken erinnere ich mich an eine Ausgabe anlässlich des neuen englischen Thronfolgerpaares mit kleinen, goldenen Krönchen und einem Poster zum Sammeln. Unfassbar, wie man sich da dem Zeitgeist angebiedert hat.
Darf man nicht spielerisch sein, wenn man links ist?

Das darf man, aber man sollte nicht vergessen, das zu kritisieren, was man da gerade auf den Thron hebt.
Und selbstironisch dabei zu sein, finde ich ganz wichtig. Von einem selbstkritischen Blick ganz zu schweigen.

Richtig. Es wäre auch witzig gegangen, aber mein Gefühl war: Die von der FR meinen das jetzt wirklich ernst.
Ich hatte die FR immer in meinem Zeitungs-Portfolio. Trotzdem kann ich über die letzten Jahre nur von außen etwas sagen, ich fände es auch unfair mich jetzt darüber auszulassen.

Aber die Gründe, wie es zum starken Auflagenverlust der FR gekommen ist, muss man doch analysieren.
Ich will es mal so formulieren: Als Zeitungsmacher und -macherin ist man gut beraten, neue Leute ans Blatt zu binden, aber seine treuen Leserinnen und Leser nicht vor den Kopf zu stoßen. Das wäre fahrlässig. Das sind diejenigen, die einen begleiten, für die das ihre Zeitung ist. Mit ihnen eine Gemeinschaft zu bilden ist für eine gedruckte Zeitung das A und O. Diese Identifikation sichert das Überleben .

Identifiziert sich der Verlag mit der FR?
Das sehe ich auf jeden Fall so.

Sie haben völlige Freiheit in diesem doch konservativen Hause?
Wäre es anders, wäre ich nicht hier, das kann ich Ihnen versichern. Es gab mehrere Gründe, warum ich diesen Job angenommen habe: Der Verlag will das linksliberale Profil der Zeitung nicht verwässern, er will kein Regionalblatt daraus machen und er glaubt an ihre Zukunft, will in diese auch investieren. Dieser Verlag legt sogar besonders großen Wert darauf, sich nicht in den journalistischen Auftritt einzumischen. Das ist in diesem Haus gute Tradition.

Sie sprachen eben vom Regionalblatt, das die FR nicht sein dürfe. Ist sie’s nicht schon längst? Immerhin stammt der überwiegende Teil der Leser aus dem Rhein-Main-Gebiet.
Die regionalen, starken Wurzeln sind wichtig. Genauso wichtig wie der überregionale Anspruch. Beides funktioniert nicht ohne einander, und beides wollen unsere Leser. Das ist bei der Süddeutschen ja nicht >
anders: Ihre Rolle ist bundesweit äußerst stark, ihre Verwurzelung liegt aber im Münchner Raum.

Nun sind die Möglichkeiten der Süddeutschen ungleich höher, überregionale Bedeutung zu haben. Da haben Sie es schwerer.
Klar spielen wir nicht in der gleichen Liga. Wir konkurrieren mit der Süddeutschen und der FAZ aber schon, wenn es darum geht, mit unserem spezifischen Profil als überregionale Stimme gehört zu werden.

Es geht um die Einordnung?
Ganz genau.

Wie haben sie einst die Rundschau kennengelernt?
Mein erster Artikel, der veröffentlicht wurde, erschien in der FR. Eine ganze Seite über die Prostituiertenbewegung in Italien. Ich hatte damals die beiden führenden Frauen dieser Bewegung getroffen, habe mit ihnen einige Tage auf dem Lande verbracht, wo sie lebten. Mein damaliger Freund studierte in Italien, sprach im Gegensatz zu mir italienisch, wir diskutierten viel mit den Frauen, mein gesamtes Bild von Prostitution geriet währenddessen ins Wanken. Dieses Porträt wollte die Rundschau haben. Mir war damals gar nicht so klar, was das bedeutete. Eine Seite in der Rundschau! – an der ich unglaubliche vier Wochen schrieb.

Haben Sie den Text auch anderen Redaktionen angeboten?
Nein, für mich kam nur die FR in Frage. Ich studierte in Bonn und Marburg, für mich war sie wegen ihrer politischen Ausrichtung die einzige Zeitung, die man lesen konnte. Sie ordnete für mich damals das Weltgeschehen ein. Dass man als Linke auch Feindbeobachtung betreiben muss, dieser Gedanken kam mir erst später.

Die Rundschau war aber auch Reibungsfläche für die linke Öffentlichkeit. Organe wie der Pflasterstrand oder die taz entstanden ja unter anderem aus dem Vorwurf, dass die Themen der Sponti-Szene etwa in der FR nur ungenügend Eingang fänden.
Das ist richtig, und auch in den letzten Jahren war das Verhältnis der taz zur Rundschau eher gespalten. Einige Kollegen weigerten sich förmlich, sie wahrzunehmen.

Das soll sich wieder ändern?
Manche Menschen wird man nicht ändern können, aber dass die Rundschau wieder stärker wahrgenommen wird in linken Kreisen, diesen Eindruck habe ich schon. Dabei geht es auch um die Einordnung der Welt aus Frankfurter und nicht nur immer Berliner Sicht.

Wohnen Sie mittlerweile eigentlich richtig in Frankfurt?
Was glauben Sie denn? Ich bin regelrecht stolz, dass ich sogar recht schnell eine Wohnung fand. Am 1. April hatte ich hier meinen ersten Tag, am 1. März bin ich in eine schöne Wohnung in der unteren Berger Straße eingezogen.

Gleich ins hipste Viertel ...
Das hat sich so ergeben, wirklich aussuchen kann man es sich ja angesichts der Wohnungsmarktes eigentlich nicht. Aber mein Kollege Arnd Festerling gab mir ein paar Tipps, wo man denn hier so am besten wohnt. Da gehörte die Berger Straße mit dazu.

Aber Sie pendeln?
Ich pendele auch nach Berlin, weil mein Liebster ja dort arbeitet und lebt. Aber er kommt genauso oft hierher. Wir haben uns regelrecht in diese Stadt verguckt. Auch weil sie so überraschend den Klischees widerspricht, die man im Kopf hat.

Wie meinen Sie das genau?
Ach, das fing schon mit der Freundlichkeit der Menschen hier an. Mein Orientierungssinn ist so schlecht, dass ich mich sogar verfahre, wenn ich von der Berger Straße ins Literaturhaus radle. Ein netter Mann erklärte mir den Weg, als ich dennoch falsch abbog, fuhr er mir hinterher und brachte mich bis vor die Tür. Ein anderes Beispiel: Als meine Umzugskisten unten auf der Straße standen, blieben sofort zwei Leute stehen und fragten, ob sie tragen helfen können. Einfach so. Ich bin immer noch baff.

Haben Sie einen Lieblingsort in der Stadt?
Ja, den chinesischen Garten am Fuße der Berger Straße. Mein Liebster und ich liefen durch den ohnehin schon sehr schönen Bethmannpark, kamen vor diese Mauer und fragten uns: Was ist dahinter? Eine Villa? Und dann kommt dieses Kleinod zum Vorschein. Wunderbar!

Ihnen wurde das Ankommen leicht gemacht ...
Aber wirklich. Sowohl hier in der Redaktion, wie auch in der gesamten Stadt.

Keine Verbesserungsvorschläge?
Oh, doch! Die Verkehrsführung ist schlimm. Absolut unlogisch, wie hier einige Straßen ausgeschildert sind, wer in einen Kreisverkehr reinfährt, weiß nicht, wo er wieder herauskommt, manche Viertel bestehen nur aus Einbahnstraßen, echt klug, dass man die mit dem Fahrrad in beide Richtungen benutzen kann. Und überhaupt: Die Fahrradwege! Die Mainzer Landstraße hier zur Redaktion hat keinen durchgehenden Radweg. Man muss sich schon mit einer gehörigen Portion Mut auf den Weg machen.

Wenn ihre Zeit als Chefredakteurin rum ist, sollten Sie Frankfurter Verkehrsdezernentin werden.
Auf jeden Fall, zu verbessern gibt es hier genug.

Wie lang geht eigentlich ihr Vertrag?
Über Verträge spreche ich doch nicht in der Öffentlichkeit.

Meine Frage zielt auch nur dahin, ob Sie ein Ziel haben, wie lange Sie das hier machen wollen?
Ehrlich gesagt, verstehe ich Ihre Frage nicht. So lebe ich auch nicht.

Weil Sie in der Gegenwart leben?
Sicher stark, wie jeder, der Tageszeitung macht. Außerdem halte ich gar nichts davon, irgendwo anzufangen und bereits eine Exit-Strategie parat zu haben. Habe ich auch bei der taz nicht gemacht. Elf Jahre war ich Chefredakteurin und irgendwann merkte ich einfach: Meine Zeit hier ist langsam vorbei. Wenn man das spürt, sollte man aufhören.

Das Interview erschien zuerst in der Printausgabe des Journal Frankfurt am 28.7.2014.
23. September 2014
Nils Bremer
 
Nils Bremer
Jahrgang 1978, Politologe, insgesamt 14 Jahre beim Journal Frankfurt, von 2010 bis Juni 2018 als Chefredakteur. – Mehr von Nils Bremer >>
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