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Doug Aitken in der Schirn Kunsthalle
 

Doug Aitken in der Schirn Kunsthalle

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Von der Kunst, glücklich zu sein

Foto: Doug Aitken
Foto: Doug Aitken
Die Schirn Kunsthalle präsentiert den amerikanischen Künstler Doug Aitken und zeigt einige seiner wichtigsten Videoinstallationen. Die Ausstellung vermag es, den Besucher verwirrt, aber glücklich zurückzulassen.
Als “irgendwie trivial” empfand Matthias Ulrich, Kurator der Schirn Kunsthalle, das Werk Doug Aitkens bei einer ersten Begegnung. Etwas kitschig vielleicht und sehr melancholisch, schließlich, nach etwas längerer Auseinandersetzung, aber doch äußerst faszinierend. Eine solche Beschreibung ist ungewöhnlich, normalerweise werden geplante Ausstellungen im Vorfeld ausschließlich mit Wörtern wie “wichtig”, “einmalig”, “neu” und “vielschichtig” angepriesen. “Diese Bilder, die er verwendet, sind sehr auf Emotionalität aufgebaut, die in Großaufnahmen die Natur und die Welt einfängt, wie um uns überwältigen zu wollen. Dazwischen kommen sentimentale Einschübe, wie singende Menschen und Tiere, die in Hotelräumen leben. Bei all diesen riesigen, cineastischen Bildern hat es lange gedauert bis ich die Kleinheit der Erzählungen, die mich wirklich fasziniert, bemerkt habe”, sagt der Kurator stattdessen. Das mag zunächst verwirren, man begreift die Bedeutung dieser Wortwahl jedoch, sobald man die Ausstellung in der Schirn betritt.

Gleich beim Eintreten tritt diese Überwältigung ein, wenn man auf die Videoinstallation “Song 1” zuläuft. In einem abgedunkelten Raum steht die monumentale, aus Bildschirmen bestehende Rotunde. Von außen erkennt man bereits schemenhaft die ablaufenden Bilder, die Musik erfüllt die gesamte Umgebung. Doch man muss hineingehen, um das volle Ausmaß dieser künstlerischen Meisterleistung zu erleben. “I Only Have Eyes For You” singen die wechselnden Protagonisten. Das weltberühmte Lied entstand in den 30er-Jahren während der Großen Depression und stammt aus der Feder von Harry Warren und Al Dubin, im Laufe der Zeit wurde es immer wieder von Musikern neu interpretiert, die bekannteste Version lieferte vermutlich die Band The Flamingos im Jahr 1959. Für sein Werk holte sich Doug Aitken, wie so oft, einige Stars mit ins Boot und so trifft der Besucher unter anderem auf Tilda Swinton.

Doch eigentlich spielt es überhaupt keine Rolle, wer da auf der Leinwand zu sehen ist und diese wunderbar einfachen und doch so tiefgehenden Zeilen singt. Es sind Bilder und Töne, die etwas in einem selbst zum Klingen bringen. Klingt das abgedroschen? Ja, aber es ist nunmal die Wahrheit. Mir selbst passiert es nicht oft, dass mich eine Ausstellung oder auch nur ein Kunstwerk aufgewühlt zurücklässt, doch in dieser Rotunde zu stehen, eingehüllt in ein Wechselspiel aus Farben, Formen, und Klängen, deren Bass den Boden zum Vibrieren bringt, trieb mir tatsächlich Tränen in die Augen. Es ist ein Gefühl, das sich nicht mit Worten beschreiben lässt, man muss es erleben. In einem Moment singt dort eine Frau, wunderschön durch die Würde des Alters, mit warmer Stimme diese melancholische Melodie, im nächsten Augenblick stürzt alles in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Die Bilder lösen sich auf, verflüssigen sich oder zersplittern in tausende bunte, kailaidoskopartige Facetten. Der Sound wechselt, wird energischer, lauter, um schließlich wieder in einen zarten, sensiblen Singsang überzugehen. Und in der Mitte steht man selbst, unbedeutend klein, ergriffen von der Masse an Eindrücken, die einen überwältigt, die man aber nicht versteht und einen hilflos, aber auf seltsame Art glücklich zurücklässt.

Ganz ähnlich ergeht es einem mit den übrigen Werken in der Schau. Bei “Black Mirror” befindet man sich in einem schwarzen, spiegelnden Kubus, die Atmosphäre wirkt bedrückender, beengter als bei “Song 1”, aufgelöst wird dieses Gefühl auch nicht durch die bezaubernde Chloë Sevigny, die mit ernstem Gesicht durch die Wüste fährt, nur kurz umspielt ein Lächeln ihre Lippen. Im Hintergrund singt Elvis Presley wehmütig “Crying in the Chapel”. Die Erzählung wird dunkler, ernster, auch die Musik verändert sich, sie wird lauter, basslastiger, schneller und transportiert eine bedrohliche Stimmung. Etwas wird passieren, aber was? Diese Frage begleitet einen durch die gesamte Ausstellung. Es laufen Bilder ab, die etwas erzählen, doch die eigentliche Geschichte bekommt man nicht zu fassen. Man wartet auf die große Explosion, auf die Katastrophe, aber immer wieder scheint sich die Situation zu beruhigen und man fühlt die Anspannung von sich abfallen.

Schön ist, das keine der Videoarbeiten Anfang oder Ende hat. Die Filme laufen ohne Pause weiter und man kann an jeder Stelle ohne Hintergrundwissen einsteigen - die Abläufe und Emotionen sind stets die gleichen. Die Wege zwischen den einzelnen Installationen werden geschmückt durch Skulpturen, die an Filmrequisiten denken lassen. Ein weißes, glühendes Telefon, ein überdimensionales, zersplittertes Iphone - alles scheint zu spiegeln, zu leuchten und wirkt trotzdem nicht überladen. Der Gang durch die Räume der Schirn wirkt wie ein Spaziergang durch ein verlassenes Filmset - fast fühlt man sich ein wenig einsam in dieser Umgebung bestehend aus den leblosen Statussymbolen unserer Gesellschaft.

Schließlich verlässt man die Ausstellung und versucht seine Gefühle und Gedanken zu ordnen. So viel war eigentlich gar nicht zu sehen, ein paar Videoarbeiten, einige Skulpturen - wenn man sich keine Zeit nehmen möchte, kann man recht schnell durch sein. Doch man hat sich die Zeit genommen, denn sich von den Bildern und der Musik loszureißen, ist schwer. Der Grund dafür lässt sich nicht klar bestimmen, das Gefühl ist ein sehr verwirrendes, aber, das lässt sich als Einziges sicher sagen nach diesem Besuch, es fühlt sich verdammt gut an.

>> “Doug Aitken”, bis 27. September, weitere Informationen gibt es online. Beachten Sie zu diesem Thema auch unsere Titelstory in Ausgabe 15/2015 mit einem von Doug Aitken gestalteten Cover und einem Interview mit Kurator Matthias Ulrich.

 
13. Juli 2015, 10.12 Uhr
Ronja Merkel
 
Ronja Merkel
Jahrgang 1989, Kunsthistorikerin, von Mai 2014 bis Oktober 2015 leitende Kunstredakteurin des JOURNAL FRANKFURT, seit September 2018 Chefredakteurin. – Mehr von Ronja Merkel >>
 
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