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Dosch@Berlinale 2020 Teil 2:
 

Dosch@Berlinale 2020 Teil 2:

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Same same but different

Foto: Der Berlinale-Bär im Sony-Center am Potsdamer Platz
Foto: Der Berlinale-Bär im Sony-Center am Potsdamer Platz
Auf der Berlinale wehen unserem Kino-Redakteur Andreas Dosch nicht nur filmische Eindrücke um die Ohren. Auch die Windstärke hat zugenommen. Stürmische Zeiten zum 70. Festivalgeburtstag.
Da sitzen wir also: in der „Illusionslosigkeit der Gegenwart“. Nur ein diverser anregender Bonmont des neuen „Künstlerischen Leiters“ Carlo Chatrian zum aktuellen Programmspektrum. Macht so richtig Bock auf Kino, oder?! Die alte Tante Berlinale, sie war schon immer im Herzen eine zwischen Euphorie, Depression, Vergangenheitsbewältigung und aufbrechender Hoffnungsstimmung schwankende Grande Dame internationaler Filmkultur – ich stelle mir da Catherine Deneuve vor, wie sie bedeutungsvoll in die Kamera blickt, im Dostojewski blättert, Kette raucht und Schampus trinkt. Die allerersten Filmfestspiele, sie wurden seinerzeit mit Alfred Hitchcocks (mittlerweile) Klassiker „Rebecca“ eröffnet, wie einem hier sogar das Schaufenster des KaDeWe mitteilt – kaufhaustechnisch selbst schon 'ne alte Nudel, aber eine mit Trüffelfüllung. Ob man über den aktuellen Eröffnungsfilm „My Salinger Year“, einem „Der Teufel trägt Prada“ für die literarische Rotweinfraktion, auch in 70 Jahren noch mit solcher Ehrfurcht sprechen wird? Ich wage es zu bezweifeln. Kaum ein Berliner Festivalauftakt der vergangenen Jahre ist dauerhaft im cineastischen Gedächtnis hängen geblieben, vielleicht Ang Lees „Sinn und Sinnlichkeit, welcher dann 1996 prompt auch noch den Goldenen Bären gewann.

Womit wir sogleich beim Thema wären: „Was machen die jetzigen Leiter*innen eigentlich anders als vorher?“ Klar, jede neue Kraft will zum Antritt ein paar unbetretene Pfade einschlagen, die persönliche Duftmarke setzen, auf Renovierung des Traditionellen bauen. Verständlich. Mir scheint es jedenfalls, als habe man sich anno 2020 fest vorgenommen, den mit den Jahren doch arg selbstgenügsamen Kosslick-Kuschelfaktor ins Seniorendomizil zu verfrachten, um (noch mehr) Haltung zu demonstrieren: „Wir können auch anders“ beziehungsweise „Same same but different“! Dazu gehört unter anderem auch – um den Bogen wieder zurück zu spannen –, dass besagter Eröffnungsfilm, angeblich, um ihm „den Erwartungsdruck zu nehmen“, nicht mehr im umkämpften Wettbewerbs-Topf schmort, sondern die „Berlinale Special“-Verkostung erfährt. Eine Rubrik, die ich früher nie so richtig verstanden habe, welche jetzt aber unter der Chatrian/Rissenbeek-Ägide wesentlich mehr Sinn ergibt. Sie soll „Brücken zwischen Publikum und Film“ schlagen, wie die Führungsetage betont. Was impliziert: Die anderen Sektionen tun das nicht. Ergo: Hier gibt’s was für die Masse. Der lokale Tabubegriff „Genre“ (aargh!) wird leise durch schmale Lippen gezischt, von „Unterhaltung“ (iiiiiih!) flüstert man nur hinter vorgehaltenem Mantelkragen. Good old Dieter Kosslick versuchte während seiner Amtszeit die – nicht immer gelungene – Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz, mal platt formuliert. Für jeden Hollywood-Clooney gab es „Kino-Erneuer*innen“ aus Ländern, deren Namen man nach dem zweiten Bier kaum noch auszusprechen vermochte. Chatrian hat das – kein unkluger Schachzug – geschieden, den Glamour gen „Specials“ abgeschoben, um dem „Wettbewerb“ eine von Feuilletonist*innen zuletzt vehement eingeforderte Ernsthaftigkeit zurück zu gegeben. Was nicht heißen muss, dass die Filme dadurch besser sind.

Aber wenn jetzt also ein Johnny Depp anreist (für das Enthüllungsjournalismus-Drama „Minamata“), ein Roberto Benigni (Neuverfilmung von „Pinocchio“) oder Sigourney Weaver (Eröffnungsfilm), die ein Angebot der AfD ausschlug, im Rahmen ihres Besuches das Land von Illegal Aliens zu säubern (nee, Scherz!) – wenn also die „Stars“ kommen, wo findet das dann statt? Yep: Berlinale Special. Immerhin: Helen Mirren kriegt 2020 den Ehrenpreis, Jeremy „Ich habe vor vielen Jahren eine Frau am Hintern berührt, bereue das aber zutiefst“ Irons führt die große Jury an. Lars Eidinger is everywhere. Nicht unbedingt das „Who's who“ der Top-Liga, oder? Wie ein Kollege der Welt es so treffend formulierte: „Auf der aktuellen Berlinale gibt es mehr Sternchen im Programmheft als Stars auf dem Roten Teppich.“ Ist was dran. Die meisten Hochpromis fahren sowieso lieber an die Croisette oder nach Venedig, statt sich in Berlin von regensatten Sturmböen wegwehen zu lassen. Früher war es Schnee – aber das ist eine andere Geschichte.

Eine brandneue Programmsektion gibt es übrigens auch. Chatrian hat dem Kosslickschen „Kulinarischen Kino“ den Herd abgedreht („Wer Essen sehen will, soll ins Restaurant gehen“, sinngemäß), und sich stattdessen für „Encounters“ entschieden. Uuuh, „Encounters“: unheimliche Begegnungen der besonders künstlerischen Art! Zitat: „Die vorrangigen Kriterien sind Mut und Suche nach einer neuen Sprache, wenn auch mit Anleihen bei der Vergangenheit...ungeahnte Visionen, überraschende Erzählweisen“. Äh, hallo, Zwischenfrage: Ist das nicht der Grund, warum vor 50 Jahren (Tusch!) das „Forum“ angetreten ist? Nun gut, früher hieß es „Internationales Forum des Jungen Films“. Während sich heute bei „Encounters“ sogar die mittlerweile 88-jährige Autorenkino-Legende Alexander Kluge mit „Orphea“, einer Neuinterpretation des Orpheus-Mythos, noch mal so richtig austoben darf. Als das „Forum“ geboren wurde, war der Mann knackige 38. Auch kein Jüngling mehr, ob hochkultureller Verdienste dem Prädikat „Alter weißer Mann“ heutzutage jedoch auch nicht würdig, trotz der Haarfarbe. Den schillernden Berlinale-„Fun Factor“ hat Maestro sicherlich nie gesucht. Aber es ist ja klar: Keiner fährt hier mehr hin, um Spaß zu haben. Zumindest nicht im Kino. Lustigerweise beschweren sich nachher dann viele, dass sie keinen hatten. Meine Wenigkeit ging da dieser Tage mit leuchtendem Beispiel voran: Als ausgewiesener Fan sparte ich mir den (bei „Berlinale Specials“ präsentierten) neuen Disney-Pixar-Animationsfilm „Onward“, sicherlich ein Garant für gute Laune. Was bot mir stattdessen der Wettbewerbsbeitrag „Le sel des Larmes“ (Das Salz der Tränen)? Französisches Beziehungsgeschwafel in Schwarzweiß. Sagen wir es mal so: Gelacht habe ich wenig. Aber es gab garantiert mehr Sex als bei Pixar.
 
24. Februar 2020, 10.10 Uhr
Andreas Dosch
 
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