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Die Woche (III)

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Der Pflasterstrand erlebt derzeit viele, viele Zugriffe, weil kommende Woche ein Einkaufszentrum in der Innenstadt eröffnet und wir interessanterweise seit einigen Wochen bei Google auf Platz 1 rangieren, wenn Menschen den Suchbegriff myZeil eingeben. Jetzt mal ernsthaft: interessiert Sie ein neues Einkaufszentrum so sehr? Eines mit einem Saturn und einem S.Oliver und dutzenden anderen Geschäften, die jede andere deutsche Großstadt ebenfalls verstopfen?

Wenigstens die Straße vor dem neuen Zentrum ist seit dieser Woche angenehm autofrei. Und die Frankfurter Tageszeitungen schrieben irgendwie ungläubig davon, dass das so gut funktioniert ohne Autos und so.

Der letzte Autofahrer der am Mittwochmorgen die Hauptwache passieren durfte, saß in einem weißen Lieferwagen. Weil sich darin Blutkonserven befanden, schrieb die Bild: "Das letzte Auto war voller Blut." Kann man so machen. In den übrigen Blättern wurde Verkehrsdezernent Lutz Sikorski zu seinem Meisterstück befragt. Am großartigsten das Interview in der FR. Die Antworten sind so das übliche Lokalpolitikerblabla, aber die Einstiegsfrage, mein lieber Herr Gesangsverein! Hier, bitte:
Herr Sikorski, erleben wir an diesem Tag mit der Sperrung der Hauptwache eine Zäsur in der Geschichte der Stadt und können sagen, wir sind dabei gewesen?

Der neue Newsroom der Zeitung scheint die Ironie in neue Höhen zu treiben.

notgeld
Notgeld (mehr davon hier)

Gänzlich unironisch waren die vergangenen Tage ohnehin nicht. Das fing schon am vergangenen Sonntag an. Im Holzhausenschlösschen wurde das 20-jährige Bestehen der Bürgerstiftung gefeiert und natürlich waren sie alle da. Der frühere Stadtkämmerer Ernst Gerhardt, der frühere Oberbürgermeister Andreas von Schoeler, der Kulturdezernent Felix Semmelroth - nur Petra Roth konnte nicht kommen, weil die Oberbürgermeisterin an diesem Sonntagvormittag an der Taufe ihres Enkels teilnahm, der den schönen alten Namen Ferdinand bekam, was den Leiter der Bürgerstiftung, Clemens Greve, zu der Bemerkung verleitete, der Schlosskater des Schlösschens am Holzhausenpark hieße schließlich auch Ferdinand und übermittle seine besten Glückwünsche.

Es war auch sonst eine recht heitere Feier. Michael Quast durfte noch auftreten als Rittmeister von Holzhausen und daran erinnern, was eine wirkliche Finanzkrise ist: als nämlich der Freiherr 1923 seinen gesamten Grundbesitz zu Geld gemacht hatte, um daraus eine Stiftung zu schaffen, da war es plötzlich weg das ganze Geld (wer verstehen will, was heute los ist, schaut am Besten dieses Video an). Und es war nicht wenig Geld, gehörte dem Adligen doch das Gelände vom Holzhausenpark bis zum heutigen Universitätsgelände. Dass die dortigen, neuen Institutsgebäude auf dem einstigen Affenstein stehen, wusste die Leitung der Hochschule wahrscheinlich und hat sich deswegen einst für den unverfänglichen Namen "Campus Westend" entschieden. Doch das sind olle Kamellen, die nicht mal bei Fastnachtsumzügen und anderen Langweiligkeiten auf die Straße geworfen werden würden.

Zwei Sachen noch zu Kamellen: gestern in der Straßenbahn saß mir ein Herr mit fremdländischen Akzent gegenüber, der seinem Freund vom Karneval erzählte und immer von Kamelen sprach, mit denen das Volk bedacht würde. Zum zweiten kauen die Medien (wir nehmen uns da gar nicht aus) nach wie vor das Thema Suhrkamp durch, selbst wenn die Artikel mittlerweile mit den Worten beginnen "Meiner Ansicht nach ist schon jede Facette ausreichend beleuchtet worden. Jeder, wirklich jeder kam zu Wort.", so wie sich Mely Kiyak für die Rundschau zu Wort meldet und zugleich nochmal daran erinnert, dass jeder seinem Chef einen Börnepreis verleihen sollte.

Kommt bestimmt besser an, als seine Chefin zu verraten, weil man dann möglicherweise ohne Job dasteht wie die vier SPD-Politiker, die sich im vergangenen Sommer daran erinnerten, dass auch Politiker ein Gewissen haben. Nun müssen sie gegenüber der Deutschen Presseagentur Sätze sagen wie: "Aber im Unterbezirk und Landesverband fühle ich mich regelrecht ausgespuckt."

Na, hauptsache die CDU ist wieder in Amt und Würden. Die Unionisten im Bund haben mittlerweile wieder die Witterung nach den Terroristen aufgenommen und wähnen sie unter Jugendlichen, was wir schon immer vermuteten, wenn sich morgens in der S-Bahn mal wieder eine Handvoll Jungs cool um ein plärrendes Handy gruppierten, um Bushido zu hören. Na, jedenfalls geht's den Quälgeistern jetzt endlich an den Kragen:
Demnach soll die Altersgrenze für die elektronische Speicherung personenbezogener Daten von derzeit 16 Jahren auf 14 oder zwölf Jahre gesenkt werden. Ziel sei eine bessere Überwachung terrorverdächtiger Minderjähriger (...).


Kommen wir zum Schluss ... moment, fragen Sie: mehr ist nicht passiert? Doch, ein Waldcamp wurde geräumt, ein RTL-Team macht ein Skandälchen daraus, dass es beim Filmen gefilmt wurde (hinter Kamera lebt sich's halt schöner, gell?) und der Pflasterstrand wurde nicht nur von myZeil-Interessenten, sondern auch von Kehlmann-Groupies geflutet. Und die letzte Vanity Fair ist erschienen. Und Goethe bleibt. Und das Journal ist bei Facebook. Und das ist uns in Frankfurt auch passiert. Anyway.

Nun wollen Sie sicher noch wissen, warum am Kopf dieses Beitrags eine halbnackte und eine nackte Frau auf einem Zeitschriftencover zu sehen sind? Nun. Erstens: Quote, schließlich ist Medienkrise. Zweitens: Wallpaper hat so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Denn die offenherzigere Variante ihres Titels haben sie an die Abonnenten geschickt. Die züchtigere kam an den Kiosk, wie sie bei Medienlese schreiben. Falschfalschfalsch. Aber dazu vielleicht mehr im kommenden Journal. Bis nächste Woche!
 
21. Februar 2009, 15.50 Uhr
Nils Bremer
 
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