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„Wir müssen unsere Mieten zahlen“

Foto: Symbolbild/Unsplah/Deanna J
Foto: Symbolbild/Unsplah/Deanna J
Mehr und mehr Veranstaltungen werden aufgrund von Corona-Schutzmaßnahmen abgesagt, das kulturelle Leben ist praktisch zum Erliegen gekommen. Zahlreiche Kunstschaffende und Kreative fürchten um ihre Existenz. Wir haben mit einigen gesprochen.
Die Dichterin und Schriftstellerin Safiye Can spürt die Veranstaltungsabsagen und Schließungen deutlich. „Abgesagt werden Lesungen und Schreibwerkstätten, Einzellesungen wie Lese-Festivals, Interviews zur Leipziger Buchmesse. Nun schließen auch noch die Bibliotheken und ich habe vereinzelt gehört, dass auch Buchhandlungen schließen. Das heißt, selbst mit den Beträgen aus Buchverkäufen kann man derzeit nicht rechnen“, sagt die Offenbacherin. Die Schließung kultureller Einrichtungen erachtet sie als „zwingend notwendig um unser aller Gesundheit willen.“ Alles andere sei fahrlässig. „Allerdings muss gesichert werden, dass wir unsere Mieten und normalen Ausgaben bezahlen können“, fordert Safiye Can. „Eine Hilfe wäre zum Beispiel, wenn die Künstlersozialkassen-Gebühr übernommen werden würde oder wenn vereinbarte Lese-Honorare trotzdem ausgezahlt werden, zumal Kulturprojekte wie Literaturveranstaltungen ein jährliches Budget haben, die ausgegeben werden müssen. Das alles ist freilich erst einmal ein kleiner Trost in Anbetracht der Tatsache, dass uns das Ungewisse so einen großen Kummer bereitet, aber es wäre zumindest ein Anfang. Wünschenswert ist natürlich sonst immer, dass Menschen Bücher lesen, insbesondere Gedichte.“

Der Schauspieler Thomas Bäppler-Wolf, auch bekannt als Bäppi la Belle, ist zwar nicht so stark betroffen, wie viele andere in der Kulturszene, „vergangenes Jahr hat das Theatrallalla ja geschlossen. Dadurch habe ich keine festen Kosten mehr. Meine nächste Show ist Anfang Mai“, er befürchtet aber, dass die vielen Veranstaltungsabsagen für die kleineren Häuser existenzgefährdend werden kann. Dennoch gehe die Gesundheit vor, die Schließungen seien daher unbedingt notwendig. Nun sei es wichtig, die Politik „aufzurütteln“: „Jede Mail und jeder Brief an die Verantwortlichen sind wichtig.“ Betroffenen müsse schnell geholfen werden. Gemeinsam mit Manuela Mock plant er aktuell kleine Konzerte und Lesungen im Transnormal. „Wir müssen jetzt eben sehen in wieweit das noch geht. Mit dem Erlös wollen wir Künstlerinnen und Künstler in Not unterstützen. Es ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, aber jeder Cent ist wichtig.“

Leon Spanier ist Filmschaffender und spezialisiert auf Event- und Portrait-Videographie. Aktuell verzeichne er bereits sechs Job-Ausfälle, sagt der in Frankfurt lebende Kreative. Für ihn bedeuten die Ausfälle einen besonders hohen Umsatzverlust, dennoch zeigt er sich weitestgehend zuversichtlich: „Ich bin durch diverse Rücklagen für die nächsten Monate als Selbstständiger abgesichert und befürchte im weiteren Zuge lediglich einen Geschäftsausfall – solange ich gesund durch die Zeit komme und nach der Pandemie wie gewohnt wieder meiner Arbeit nachgehen kann, wird sich schon alles richten. Die Veranstaltungsabsagen und Schließungen kultureller Einrichtungen hält er grundsätzlich für sinnvoll, in einer Gesellschaft müsse man auch füreinander sorgen. Das Versprechen von Kulturstaatsministerin Monika Grüttner, Kultureinrichtungen und Kunstschaffende unterstützen zu wollen, überzeugt ihn nicht vollständig: „Politiker, die die Macht besitzen, Dinge zu verändern, sollen dies einfach tun und beispielsweise die Einkommenssteuer für Kleinunternehmer und Selbstständige, die kein mittelständiges Unternehmen führen, einfach abstellen. Wir zahlen so schon genug Steuern und da kann der Staat in solchen Krisensituationen auch gerne mal ‚zurückgeben‘. Durch die Vorauszahlungen kann man stets ins Minus gelangen und zahlreiche Familien leiden bereits darunter.“

Stefanie Bieber ist freiberufliche Musikerin und Instrumentalpädagogin. Durch die aktuelle Entwicklung in der Corona-Krise sagt sie derzeit alle selbstorganisierten Kurse ab und sei daher gezwungen, alle bereits gezahlten Teilnehmerbeiträge zurückzuerstatten und Stornogebühren für die angemieteten Räume aufzubringen. Ihre Schülerinnen und Schüler seien nicht bereit, auf Online-Unterricht umzusteigen, der Verdienst bleibe also aus. Sie rechne außerdem damit, dass die Kursbuchungen durch die Quarantäneverordnungen bis Ende des Jahres zurückgehen werden. Die von der Kulturstaatsministerin versprochene Unterstützung würde ihr nichts bringen: „Ich würde nichts erhalten, weil ich komplett selbstorganisiert bin. Darüber hinaus besitze ich Wohneigentum, in dem mein Arbeits-, Unterrichts- und Probenraum befindlich ist. Bevor ich stattliche Hilfe in Anspruch nehmen kann, müsste ich dieses Eigentum zunächst veräußern, und mich so langfristig meiner eigenständigen Existenzgrundlage berauben. Momentan lebe ich von Rücklagen.“ Eine sinnvolle Maßnahme sei ihrer Meinung nach ein bedingungsloses Grundeinkommen sowie kostenlose Rechtsberatung für Künstlerinnen und Künstler. Als positiv empfinde sie die derzeit spürbare Solidarität in der kreativen Szene.

Sie sind freiberuflich in einem kreativen Tätigkeitsfeld tätig und geraten durch die Corona-Pandemie in finanzielle Nöte? Oder haben eine Idee zur Unterstützung betroffener Kolleginnen und Kollegen? Schreiben Sie uns eine Mail an chefredaktion@mmg.de.
 
17. März 2020, 11.03 Uhr
rom
 
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