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Foto: © Andreas Etter
Foto: © Andreas Etter

Corona-Krise: Theaterschließungen

Im künstlerischen Koma

Seit November müssen Kultureinrichtungen geschlossen bleiben. Wie gehen die Theater damit um? Was macht ein Schauspieler, wenn er nicht spielen darf? Wie systemrelevant sind unsere Bühnen? Ein Kulturzweig zwischen seufzendem Einverständnis und Protest.
Die Kultur liegt im Dornröschenschlaf, im künstlerischen Koma. Kinos, Opernhäuser, Konzertsäle und Theater mussten Anfang November schließen. Vergangenen Montag gab Hessens Kunst- und Kulturministerin Angela Dorn (Bündnis 90/Die Grünen) bekannt, dass die Hessischen Staatstheater in Wiesbaden, Darmstadt und Kassel sowie das Landestheater in Marburg und das Stadttheater in Gießen voraussichtlich erst an Ostern ihren Spielbetrieb wiederaufnehmen werden. Eine Entscheidung, wann in Frankfurt die Proben und der Spielbetrieb wiederaufgenommen werden, soll laut Kulturdezernat noch in dieser Woche getroffen werden.

Bereits zu Beginn der Schließung kritisierten viele Kulturschaffende, dass bislang kein einziger Fall einer Ansteckung in einem Kulturbetrieb bekannt sei. Laut der Bundesregierung waren zu diesem Zeitpunkt 75 Prozent aller Neuinfektionen örtlich-zeitlich nicht klar eingrenzbar. Dass die Theater zum Infektionsgeschehen beitragen, lässt sich also wenigstens nicht eindeutig verneinen. Die reine Möglichkeit von Ansteckungen – im Theater selbst sowie im sozialen Leben davor oder danach – veranlasste die Bundesregierung zu der Schließung.

Zahlreiche Theater protestierten dagegen. So schrieb etwa das Staatstheater Mainz in einem offenen Brief: „Theater zählen zu den sichersten Räumen des Landes. Hochleistungsfähige Lüftungsanlagen und strengstens ausgestaltete Hygienekonzepte sorgen für ein im Wortsinne risikofreies Klima. Was aber soll nun geschlossen werden? Die Theater.“ Dabei werde doch gerade jetzt das Theater gesellschaftlich benötigt. Die Stimmung im Land verändere sich, die Akzeptanz für politisches Handeln schwinde. „Wir hätten dem gern weiter etwas entgegengesetzt“, heißt es in dem Schreiben.


Ähnlich liest sich auch der offene Brief der Frankfurter Theater-Allianz vom 5. November. Unterzeichnet haben ihn unter anderem das Schauspiel Frankfurt, das Künstlerhaus Mousonturm, die Dramatische Bühne, das Theater Willy Praml oder das Freie Schauspiel Ensemble. Gemeinsam schreiben sie: Kultur sei wichtig für den Zusammenhalt und die Verständigung in der Gesellschaft und auch für das individuelle Selbstvertrauen. Zudem sei Kultur „ein unbequemes Spiegelbild unserer Wirklichkeit“ – sie sei damit also lebens- und existenzrelevant. Am Ende stehen die Forderungen nach einer Wiedereröffnung aller Theater und Kultureinrichtungen sowie nach einer Debatte über die gesellschaftliche Bedeutung von Kunst und Kultur.

Die Theater verstehen sich hier also als Zentren gesellschaftlicher Verarbeitungsprozesse. Sie sehen einen Bildungsauftrag bei sich. Auch die Frankfurter Kulturdezernentin, Ina Hartwig (SPD), sieht diesen Bildungsauftrag bei Kultureinrichtungen wie Museen und Theatern. Die Enttäuschung über die Schließung sei daher verständlich, sagte Hartwig.

Landungsbrücken und theaterperipherie, beide freie Frankfurter Theater, haben den offenen Brief der Theater-Allianz nicht unterzeichnet. In einem eigenen Brief schreiben sie: „Wir haben den Eindruck, dass hier das Theater als ein vom Rest der Gesellschaft abgetrennter Bereich dargestellt wird.“ Nicht aber um die Theater gehe es, sondern um die Gesamtgesellschaft. Die Diskussion um eine Wiedereröffnung führe deshalb auf Abwege und komme überdies „im Ton der moralisch guten Theater“ daher, die sich über Normalbürgerinnen und -bürger und deren Einschränkung stellten. An diesem Punkt widerspreche das Theater sich mit seiner selbst empfundenen Rolle in der Gesellschaft selbst.

Landungsbrücken und theaterperipherie verstehen das Theater also nicht als ein gesellschaftliches Zentrum – vielmehr soll es gerade jetzt ein guter Nachbar sein. Doch was trifft zu? Brauchen wir das Theater als ein „unbequemes Spiegelbild unserer Wirklichkeit“? Oder ist das Theater im Moment zu sehr in sein eigenes Spiegelbild verliebt? In anderen Worten: Wie systemrelevant sind unsere Bühnen?




Foto: Thorsten Morawietz © Die Dramatische Bühne

Thorsten Morawietz, Mitbegründer und Leiter der Dramatischen Bühne, hat den offenen Brief der Frankfurter Theater-Allianz mitunterzeichnet. Er bezeichnet die Corona-Schließungen als hart, völlig unverständlich seien sie aber nicht. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, aber ohne Brot geht erst einmal gar nichts.“ Dass Lebensmittelgeschäfte also vor den Theatern geöffnet werden, sei also verständlich. Abgesehen davon kratze die Theater-Schließung aber schon am Selbstverständnis.

Trotz allem erachtet Morawietz die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen als gut und angemessen. „Für Theater gibt es viele Angebote“, sagt er. „Auch die Stadt Frankfurt hilft, wo sie kann. Es passiert speziell für die Theater recht viel und wir versuchen dadurch auch, unsere Einzelkünstler zu unterstützen.“ Für jene sei die Lage derzeit sehr viel schwieriger.

Diesen Eindruck teilt auch Sebastian Reiß, Ensemble-Mitglied am Schauspiel Frankfurt: „Wir am Schauspiel sind durch unsere Festanstellung natürlich noch privilegiert.“ Dort seien die Angestellten zwar teilweise in Kurzarbeit, doch diese werde vom Haus selbst aufgestockt. „Aber wir haben alle Freunde, Verwandte und Kolleg:innen, die Soloselbständige sind“, sagt Reiß. „Diese leiden ganz besonders unter der momentanen Lage.“ Hier sieht Sebastian Reiß aber auch Fürsorge-Möglichkeiten bei den staatlichen Theatern. Beispielsweise seien gemeinsame Projekte denkbar, um Selbständige und freie Theater von den staatlichen Mitteln großer Häuser profitieren zu lassen. Persönlich vermisst er vor allem die Auftritte vor dem Theaterpublikum. Darauf laufe seine Arbeit als Schauspieler schließlich hinaus. Immerhin seien noch Proben möglich – mit Abstand, Lüften und mit Händewaschen. So bereite das Ensemble derzeit Stücke vor, die es möglichst bald wieder im Zuschauerraum aufführen möchte.

Was das betrifft, zeigt sich Reiß sehr optimistisch: „Ich hoffe, dass die Schließung unser Selbstverständnis als Theater sogar fördert. Wir sammeln uns jetzt, um dann, wenn es wieder geht, mit voller Kraft in die Gesellschaft hineinzuwirken“, sagt er. Nur dürfe auf dem Weg dorthin niemand verloren gehen.




Foto: Sebastian Reiß © Harald Schröder

Dies sind auch die Wünsche und Sorgen von Thorsten Morawietz. Langfristig dürfe die gute Unterstützung für Theater nicht unter den Tisch fallen – auch bei einem strapazierten Staatshaushalt. „2021 wird ein schwieriges Jahr für die Kultur. Aber irgendwann wird diese Pandemie auch wieder vorbei sein oder zumindest nachlassen, und dann wäre es verheerend, wenn es einen kulturellen Kahlschlag gegeben hätte. Die Welt wäre eine viel leerere und ödere.“ Das Publikum betreffend zeigt sich aber auch Morawietz optimistisch: „Die Zuschauer werden auch in Zukunft kommen, trotz eines gewissen Restrisikos.“

Wie hoch dieses Restrisiko bleibt, wie gefährlich ein Theaterbesuch gerade ist oder in Zukunft sein wird, bleibt dahingestellt. Die Hygienemaßnahmen sind umfassend. Nachgewiesene Ansteckungsfälle gibt es nicht. Ganz auszuschließen sind sie aber auch nicht. Leistet das Theater also seinen Beitrag durch den Stillstand? Oder wird es durch den Stillstand von seinem gesellschaftlichen Beitrag abgehalten? Diese Fragen müssen hier wohl offen bleiben. Jeder und jede muss sie für sich selbst beantworten. Träumen können wir auch, solange das Theater schläft – im künstlerischen Koma liegt. Und trotzdem warten wir schon sehnsüchtig darauf, das Theater vielleicht bald schon wieder wachzuküssen – oder das Theater uns.

>> Dieser Artikel erschien zuerst in der Dezember-Ausgabe des JOURNAL FRANKFURT (12/2020).
 
12. Januar 2021, 12.10 Uhr
Julian Mackenthun
 
 
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